Frauen und Männer Frauenfreundliches Schneeschippen in Schweden

Bitte räumen! 40 Zentimeter hat es vor kurzem in Stockholm geschneit.

(Foto: J. Nackstrand/AFP)

Im vorbildlichen Schweden wird sogar der Schnee gendergerecht geräumt. Viele stellen sich allerdings die Frage: Ist das nicht zu viel des Guten?

Von Silke Bigalke, Stockholm

Als Stockholm Mitte November im Schnee versank, veröffentlichte die Tageszeitung Dagens Nyheter einen Artikel mit dem lakonischen Titel "Neun Alternativen zum genderfreundlichen Schneeräumen". Es folgte eine knappe Aufzählung: Beim nihilistischen Schneeräumen etwa bleibe dieser einfach liegen, bei der satanischen Variante schmelze er durch brennende Kreuze überall in der Stadt. Der neoliberale Ansatz lasse eine unsichtbare Hand den Schnee wegräumen, und für die absurde Variante essen alle, deren Nachname mit H beginnt, ihn einfach auf.

Manches davon wäre vielleicht erfolgreicher gewesen als der feministische Ansatz, den die Stadt tatsächlich verfolgt. Seit vergangenem Jahr soll der Schnee zuerst auf Bürgersteigen und Radwegen, danach erst auf den Straßen geräumt werden. Gendergerechter soll das sein, weil Männer statistisch gesehen öfter Auto fahren und Frauen häufiger zu Fuß gehen.

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Frauenfreundliches Schneeschippen

Nun hatte es in Stockholm seit 111 Jahren nicht mehr so viel geschneit wie an jenem Novembertag neulich, 40 Zentimeter Schnee lagen am Ende. Die Stadt wurde der Massen nicht Herr, und nicht nur Dagens Nyheter nahm das Chaos zum Anlass, über frauenfreundliches Schneeschippen zu spotten. Das ganze Gerede darüber falle nun genauso durch wie die alten Damen auf dem rutschigen Gehweg, schrieb Aftonbladet. Andere verteidigten das Konzept vehement. Eine Autorin schrieb, dass man zwar keine Großbuchstaben benutzen dürfe, dies sei jedoch ein Notfall: Wenn die Gehwege nicht früher geräumt würden, stecke dahinter eine Gedankenwelt, in der Fußgänger, alte Menschen und Frauen mit Kinderwagen NICHTS WERT seien.

In Schweden bemühen sich Politiker seit vielen Jahrzehnten darum, Frauen mit Männern gleichzustellen. Im Global Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforum steht Schweden auf Platz vier, nur in Island, Finnland und Norwegen ist die Lücke zwischen Männern und Frauen, was Job, Ausbildung und politische Macht angeht, noch kleiner. Schwedens rot-grüne Regierung rühmt sich damit, die erste feministische Regierung der Welt zu sein. Als Nächstes plant sie, eine Behörde für Geschlechtergerechtigkeit einzurichten, die noch gezielter gegen Diskriminierung und Gewalt gegen Frauen vorgehen soll.

Hotline gegen "Mansplaining"

Manchen geht die schwedische Gleichmacherei inzwischen zu weit, anderen kann sie gar nicht weit genug gehen. Stets aber wird sie emotional diskutiert. Das war beispielsweise auch so, als einige Stockholmer Kinos den sogenannten Bechdel-Test einführten. Sie gaben Filmen einen positiven Stempel, in denen mindestens zwei weibliche Charaktere miteinander sprechen und es dabei nicht um Männer geht. Oder die Diskussion ums "hen", das geschlechtsneutrale Pronomen: Mit ihm kann man transsexuelle Personen beschreiben oder es benutzen, wenn das Geschlecht einfach egal ist. Im geschlechtsneutralen Egalia-Kindergarten in Stockholm beispielsweise ist das so. Die Worte "er" und "sie" sind dort unerwünscht, über das Konzept ist viel geschrieben worden.

Vergangene Woche sorgte ein anderes Beispiel für Schlagzeilen: Schwedens größte Gewerkschaft hatte eine Hotline gegen "Mansplaining" eingerichtet. Der Begriff beschreibt Männer, die Frauen ungebeten Dinge erklären, von denen sie sich einbilden, mehr Ahnung zu haben. Eine Woche konnten Schwedinnen zwischen 10 und 16 Uhr dort über Mansplaining klagen. Viele Männer klagten stattdessen darüber, dass bereits das Wort diskriminierend sei. Wie würden Frauen reagieren, wenn man über "Altweibergeschwätz" spricht, fragte einer der Kritiker auf der Facebook-Seite der Gewerkschaft. Das sei dasselbe wie schlechtes Autofahren als "Frauenfahren" zu bezeichnen, schrieb ein anderer.

Internationale Medien staunen über feministisches Schweden

"Unser Ziel war es nie, Männer als diejenigen darzustellen, die andere belästigen", sagt Gewerkschaftssprecher Gabriel Wernstedt. Man habe auf "die subtilen Diskriminierungsmethoden" am Arbeitsplatz hinweisen wollen. Viele Anruferinnen seien erleichtert gewesen, dass endlich jemand benenne, was sie seit Jahren fühlten. Es gab aber auch männliche Anrufer, die sich angegriffen fühlten. Und dann haben natürlich CNN und all die anderen internationalen Medien angerufen und über das feministische Schweden gestaunt. "Ich habe das Gefühl, nach den US-Wahlen hat sich die Diskussion um Sexismus auf der ganzen Welt verschärft", sagt Wernstedt. Das Hotline-Projekt endete vergangenen Freitag, jetzt wird es erst mal ausgewertet.

Genauso wie der erste Härtetest für das genderfreundliche Schneeschaufeln nun ausgewertet wird. Der grüne Politiker Daniel Helldén ist für die Stockholmer Verkehrspolitik verantwortlich. Er sagt, nicht der feministische Ansatz sei das Problem gewesen, sondern im Gegenteil, dass dieser eben im Schneechaos nicht umgesetzt worden sei. Der Politiker will nun prüfen, was schiefgelaufen ist, bis Weihnachten soll es einen ersten Bericht geben. "Hoffentlich haben wir vorher nicht noch mal so viel Schnee", sagt Daniel Helldén. Und hoffentlich, sagt er, probieren es die Stockholmer nicht mit den Alternativen aus, die Dagens Nyheter vorschlägt. Vor allem nicht mit der letzten, denn die ist auf ihn gemünzt: Sein Nachname beginnt mit H.

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