Franziskus in Havanna Dieser Papst-Besuch ist politisch

Offiziell heißt es, der Papst äußere sich in Kuba nicht politisch. Doch alles, was er sagt, beweist das Gegenteil - auch ohne, dass er Dissidenten trifft.

Von Boris Herrmann, Havanna

Die ersten Worte, die Papst Franziskus auf kubanischem Boden sprach, lauteten: "Sehr geehrter Herr Präsident." Nicht an die Bischöfe, nicht die Katholiken und schon gar nicht an die Dissidenten richtete er sich, sondern an den Präsidenten des Staats- und Ministerrats der Republik, an den Ersten Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, an Rául Castro. Damit war die Stoßrichtung seiner Agenda bereits vorgegeben.

Jene Rundreise, die Franziskus am Samstag nach Havanna führte und am Dienstag weiter nach Washington bringt, ist in erster Linie eine politische Mission. Es geht um den Friedensprozess zwischen den einstigen Erzfeinden zu beiden Seiten der Florida-Strömung. Franziskus hat diesen Prozess selbst mit eingefädelt. Er will ihn unter keinen Umständen gefährden. Deshalb hält er sich bislang auch mit Kritik am totalitären Machtapparat Kubas zurück.

Vatikansprecher Federico Lombardi hat am Sonntag in Havanna bestritten, dass sich der Papst politisch äußere, er nehme lediglich "zu allgemeinen Fragen" Stellung. Allgemeine Gegenfrage: Was soll daran unpolitisch sein, wenn der Papst in seiner Predigt die Verantwortlichen in Kuba und den USA dazu aufruft, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen? Wenn er mit Raúl Castro über die Regierungskrise in Venezuela spricht? Wenn er im Angelus-Gebet ganz konkret zu den Friedensverhandlungen zwischen der Farc-Guerilla und der kolumbianischen Regierung Stellung nimmt? Oder wenn er den kubanischen Staatpräsidenten auf dem roten Teppich bittet "Ihrem Bruder Fidel den Ausdruck meiner speziellen Achtung und Ehrerbietung zu überbringen"?

Die Oppositionellen tauchen nicht auf - weil sie festgenommen wurden

Und wahrscheinlich ist es auch einer politischen Entscheidung geschuldet, dass der Papst die Belange der kubanischen Dissidenten in den ersten beiden Tagen seiner Reise mit keinem Wort erwähnt hat.

Am Sonntagabend bestätigte Lombardi, dass im Reiseplan von Franziskus kein formelles Treffen mit Vertretern von Dissidenten-Gruppen vorgesehen sei. Allerdings habe es seitens des Büros des Apostolischen Nuntius in Havanna eine Initiative gegeben, die ermöglichen sollte, dass der Papst "im Vorbeigehen" einige Oppositionelle grüßen könne. Die Dissidenten seien aber nicht aufgetaucht.

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Das passt zu der Meldung, dass die beiden prominenten Regierungskritikerinnen Martha Beatriz Roque und Miriam Leiva nach eigenen Angaben am Sonntag von kubanischen Sicherheitskräften vorübergehend festgenommen wurden. Man habe sie an der Teilnahme des päpstlichen Gottesdienstes in der Kathedrale von Havanna hindern wollen. Lombardi sagte, ihm seien diese Hintergründe nicht bekannt.

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Die Leibgarde des Papstes fängt einen Regierungskritiker ein

International stoßen die Belange der organisierten Dissidenten traditionell auf größtes Interesse. In Kuba hält sich das eher in Grenzen. Viele, durchaus regimekritische, Kubaner sehen sich durch sie nur mit Abstrichen vertreten. Sie machten vorwiegend mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam, hätten aber weniger Interesse an demokratischer Basisarbeit, heißt es oft. Einigen der bekanntesten Dissidenten werden auch enge Verbindungen zur republikanischen Opposition in den USA nachgesagt.

Der Fernsehsender Univisión hat am Sonntag die Verhaftung eines jungen Mannes aufgezeichnet, der sich mit regierungskritischen Parolen dem Papamobil näherte. Abgesehen davon, dass man sich dem Papst auch in anderen Ländern nicht einfach so im Laufschritt nähern kann, ist dabei auch zu sehen, dass es zunächst die vatikanische Gendarmerie war, die den Protestler einfing. Dass sich der Papst im Lauf seiner Reise noch kritisch gegenüber der eigenen Leibgarde äußert, gilt als unwahrscheinlich.

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