Frankreich Schlag ins Gesicht

Ein Schlag ins Gesicht durch einen Fremden, festgehalten im Video.

(Foto: Screenshot)

In Frankreich wird ein Video diskutiert, das zeigt, wie ein Mann auf offener Straße eine Frau angreift. Der Vorfall könnte ein Gesetz gegen Belästigung auf der Straße voranbringen.

Von Nadia Pantel, Paris

Das Video, das dieser Tage weit mehr als eine Million Menschen im Internet bewegt, zeigt, wie die 22-jährige Architekturstudentin Marie Laguerre an einem Café im 19. Arrondissement von Paris vorbeiläuft. Ihr Weg kreuzt sich mit dem eines Mannes. Beide machen eine kurze Bemerkung; was sie sagen, hört man nicht. Laguerre geht weiter, der Mann greift einen Aschenbecher und wirft ihn hinterher. Beide verlassen den Bildausschnitt, dann kommt der Mann hinter Laguerre her, sie gehen aufeinander zu und er schlägt ihr so heftig ins Gesicht, dass ihr Kopf an der Außenverglasung des Cafés aufschlägt.

Der Vorfall ereignete sich am 24. Juli, einen Tag später erstatte Laguerre Anzeige und stellte das Video online. Aufgenommen wurden die Bilder von der Überwachungskamera des Cafés, der Besitzer stellte Laguerre die Aufnahme zur Verfügung. Am Montag nun nahm die Pariser Staatsanwaltschaft wegen Gewalt und sexueller Belästigung die Ermittlungen auf.

Das von Laguerre auf Facebook veröffentlichte Video wurde allein auf ihrer Seite mehr als 1,6 Millionen Mal angeschaut. Laguerre beschreibt den Vorfall in französischen Medien als sexuelle Belästigung. Der Mann habe im Vorbeigehen anzügliche Geräusche gemacht, sie habe ihm daraufhin gesagt, er solle die Klappe halten. In ihrem Facebook-Post schreibt Laguerre: "Belästigung ist alltäglich. Diese Männer, die glauben, dass sie sich auf der Straße alles erlauben können, die sich erlauben, uns zu erniedrigen, und die es nicht aushalten, wenn man sich dagegen auflehnt, das ist unverzeihlich. Es ist Zeit, dass diese Art Verhalten aufhört." Auf Twitter stellte Laguerre einen Zusammenhang zwischen dem Vorfall und dem Tod der Schauspielerin Marie Trintignant her. Trintignant war vor 15 Jahren von ihrem Partner, dem Sänger Bertrand Cantat, erschlagen worden. Cantat ist zum Symbol der Gewalt gegen Frauen geworden.

Die Staatssekräterin für die Gleichstellung von Frauen und Männern, Marlène Schiappa, nutzte den Fall Laguerre, um für das von ihr eingebrachte Gesetz gegen Belästigung auf der Straße zu werben. Schiappa sagte zu BFMTV: "Dieses Video zeigt das Kontinuum sexistischer Gewalt. Es beginnt mit anzüglichen Geräuschen, dann folgen Beleidigungen und schließlich wird zugeschlagen. Das muss man von Anfang an unterbinden." Schiappas Initiative sieht vor, dass Männer, die Frauen auf der Straße belästigen, bis zu 750 Euro Strafe zahlen müssen. Auch verbale Belästigungen können strafbar werden.

Der Angriff auf Laguerre, der auf dem Video zu sehen ist - ein Schlag ins Gesicht durch einen Fremden -, kann schon jetzt bestraft werden. Statistisch werden Männer und Frauen ungefähr gleich häufig auf der Straße gewalttätig angegriffen. Laut einer Erhebung der französischen Statistikbehörde Insee wurden 2011 zehn Prozent der französischen Männer zwischen 18 und 29 Jahren Opfer von Gewalt und neun Prozent der Frauen. Frauen werden zwar dreimal häufiger Opfer von sexualisierter Gewalt, doch dies meist durch Personen, die den Frauen bekannt sind.

So gesehen eignet sich der Angriff auf Laguerre nur bedingt als Beispiel für sexuelle Belästigung von Frauen, wie Schiappa sie beschreibt. Auf der Straße von einem Fremden angegriffen zu werden, der nur auf die kleinste Gegenrede gewartet zu haben scheint, ist eine Erfahrung, die in Frankreich laut Insee vor allem junge Menschen in Großstädten machen. Unabhängig vom Geschlecht. Nadia Pantel