Schiffsunglück vor Frankreichs Atlantikküste Schwimmende Müllhalde

Die "Grande America" geriet aus bislang ungeklärter Ursache in Brand. Nun liegt sie mit ihrer Ladung in 4600 Metern Tiefe.

(Foto: Loic Bernardin/AFP)
  • Vor der französischen Atlantikküste, etwa 300 Kilometer vor La Rochelle, ist das Containerschiff "Grande America" nach einem Brand gesunken.
  • Nun ist es eine Frage der Zeit, bis das bei dem Unglück ausgelaufene Schweröl an die Küste gespült wird.
  • Doch das Problem ist nicht allein das Öl - sondern, dass die "Grande America" eine Art schwimmende Müllhalde war.
Von Leo Klimm, Paris

Lange, weit geschwungene Strände aus feinstem Sand, an die mächtige Wellen branden und die von hohen Dünen gesäumt werden. Dafür lieben Millionen Touristen Frankreichs Atlantikküste. Viele schätzen außerdem die Austern und Muscheln, die in der Gegend der Stadt La Rochelle gezüchtet werden. Beides - Strände und Austern - ist jetzt von einer schweren Umweltkatastrophe bedroht.

Nachdem diese Woche etwa 300 Kilometer vor La Rochelle das Containerschiff Grande America sank, ist es nur eine Frage der Zeit, bis das bei dem Unglück ausgelaufene Schweröl an die Küste gespült wird. Am Montag, womöglich schon am Sonntag, könnte nach Angaben des französischen Umweltministers François de Rugy das im Meer treibende Öl die Küste erreichen. Der Westwind bläst es unaufhaltsam ans Land. Rugy zufolge könnte es auch die spanische Biskaya-Küste treffen. Am stärksten gefährdet ist aber das Gebiet um die Mündung der Gironde sowie das Département Charente-Maritime mit den Urlaubsinseln Île de Ré und Île d'Oléron, sowie der Austernzucht. Frankreichs Muschelzüchterverband ist alarmiert: Er ruft seine Mitglieder auf, die Austernbecken vom offenen Meer abzuschotten, um eine Verschmutzung der teuren Meeresfrüchte zu verhindern.

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2200 Tonnen Schweröl an Bord

Doch das Problem ist nicht allein das Öl - sondern, dass die Grande America, wie sich erweist, eine Art schwimmende Müllhalde war. Bei den Bewohnern der Atlantikküste mag die drohende Ölpest vor allem Erinnerungen an die verheerenden Havarien der Erika vor zwanzig Jahren oder der Amoco Cadiz 1978 wecken. Rugy beschwichtigt: Die 2200 Tonnen Schweröl, die in den Tanks der Grande America waren, seien nur ein Bruchteil dessen, was die Unglücksschiffe von damals geladen hatten.

Tatsächlich ist jedoch die Frage, ob von der übrigen Ladung der Grande America nicht mindestens ebenso große Gefahr ausgeht: Das Schiff, das jetzt in fischreichen Gewässern in 4600 Metern Tiefe liegt, hatte 365 Container geladen. Davon waren nach Behördenangaben 45 befüllt mit Gefahrgut - darunter 100 Tonnen Salzsäure und 70 Tonnen Schwefelsäure. Außerdem transportierte der Frachter 2210 Fahrzeuge, die Hälfte davon waren ältere Gebrauchtwagen. "Der Meeresgrund wird zur Schrotthalde", sagt Jacky Bonnemain von der Umweltorganisation Robin des Bois, die wegen des Unglücks Klage gegen unbekannt eingereicht hat. Das Abpumpen des Öls, das womöglich noch nicht ausgelaufen ist, sei in solcher Tiefe "fast unmöglich".

An der Wasseroberfläche haben sich nach Angaben des Krisenstabs, den Frankreichs Regierung eingerichtet hat, zwei kilometerlange Ölteppiche gebildet. Fünf Schiffe sind im Einsatz, um ihre Ausbreitung zu vermeiden - und, dass sie die Strände verschmutzen. "Unser Ziel ist, so viel wie möglich abzupumpen", so Rugy. Schlechtes Wetter und bis zu sechs Meter hohe Wellen erschweren aber den Kampf gegen die Ölpest. Rugy zufolge könnte ein Unterwasserroboter eingesetzt werden, um das Wrack auf Risse zu inspizieren.

Französische Staatsanwälte haben Ermittlungen aufgenommen. Sie prüfen, ob die Grande America alle Sicherheitsauflagen erfüllte. Rugy sagt, er wolle wissen, "ob die Reederei oder die Besatzung Verantwortung trägt". Die italienische Grimaldi-Gruppe, die das Schiff betrieb, müsse alle Folgekosten des Unglücks tragen. Die Reederei hat inzwischen selbst ein Schiff in den Golf von Biskaya entsandt. Es soll herumschwimmende Container und übrigen Müll einsammeln, der von der Grande America stammt.

Der 214 Meter lange Frachter, dessen Ladung für Westafrika und Südafrika bestimmt war, war unterwegs von Hamburg nach Casablanca in Marokko, als er am vergangenen Sonntag aus unbekannter Ursache in Brand geriet. Am Dienstag sank er. Die Besatzung - 27 Personen - konnte von einem britischen Kriegsschiff gerettet werden.

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