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Islamistischer Terror in Frankreich:Drei Tote und mehrere Verletzte bei Messerattacke in Nizza

Der Anschlag geschieht in einer Kirche, der Täter wird festgenommen. Die Regierung ruft die höchste Terror-Warnstufe aus. Zu einem weiteren Vorfall kommt es in Avignon.

Von Thomas Kirchner

Zwei Wochen nach der Enthauptung eines Lehrers bei Paris ist es in Frankreich zu einem weiteren Terroranschlag gekommen. Bei einer Messerattacke in der Basilika Notre-Dame in Nizza wurden am Donnerstagmorgen drei Menschen getötet, zwei Frauen sowie der Aufseher der Kirche. Sechs weitere Menschen wurden verletzt. Der Täter sei gefasst und vernommen worden und liege im Krankenhaus, berichteten französische Medien unter Berufung auf die Polizei. Eine Terrorsondereinheit ermittelt. Die Regierung rief die höchste Terror-Warnstufe aus. Das bedeutet, dass unmittelbar mit weiteren Angriffen gerechnet wird.

Der Mann drang demnach gegen neun Uhr in die Kirche ein und versetzte den Opfern mit einem Messer tiefe Schnitte in den Hals. Eine Frau entkam in eine Bar vor der Basilika, erlag aber später ihren Verletzungen. Man solle ihren Kindern sagen, dass sie sie liebe, hatte sie laut einem Reporter des Senders BFM zuvor noch zu den Sanitätern gesagt. Ein Zeuge alarmierte die Polizei, die auf den Täter schoss und ihn festnahm. Nach übereinstimmenden Berichten rief er mehrmals "Allahu akbar". Bei dem mutmaßlichen Täter soll es sich um einen in Tunesien geborenen Mann handeln.

Auch in der Nähe der südfranzösischen Stadt Avignon gab es einen mutmaßlich islamistischen Angriff auf Passanten. Ein Mann habe in dem Ort Montfavet mehrere Menschen mit einer Pistole bedroht, teilte die Polizei mit. Der Mann sei erschossen worden. Der Hörfunksender Europe 1 meldete, auch dieser Angreifer habe "Allahu akbar" gerufen. Andere Medien berichteten unter Berufung auf Polizeikreise, es gebe keinen Hinweis auf einen terroristischen Hintergrund. In der saudi-arabischen Stadt Dschidda griff ein Mann im französischen Konsulat einen Sicherheitsbeamten an und verletzte diesen leicht. Laut Polizei benutzte er ein "scharfes Werkzeug". Der Mann wurde festgenommen.

Eine weitere Festnahme gab es in Lyon. Dort verhaftete die Polizei gegen Mittag einen Mann in traditioneller afghanischer Kleidung, der mit einem Messer bewaffnet war und als bedrohlich galt. Der Mann sei den Sicherheitsdiensten bekannt. Es gab zunächst keine Hinweise auf einen Zusammenhang mit der Attacke in Nizza.

Nizzas Bürgermeister Christian Estrosi erklärte, die "Allahu akbar"-Rufe zeigten, in welche Richtung diese Tat ziele. Er sprach von "Islamo-Faschismus". In der Pariser Nationalversammlung fand eine Schweigeminute statt. Staatspräsident Emmanuel Macron kam am Nachmittag in Nizza an. Frankreich sei abermals Ziel eines "islamistischen Terroranschlags" geworden. Er kündigte einen verstärkten Schutz von Kirchen und Schulen an. Der schon länger laufende inländische Anti-Terroreinsatz "Sentinelle" des Militärs solle von bisher 3000 auf nun 7000 Soldaten aufgestockt werden.

Merkel: "Ich bin tief erschüttert"

Der Tatort wurde offensichtlich mit Bedacht gewählt. "Wir waren seit zwei, drei Tagen gewarnt, dass es vor Allerheiligen zu weiteren Anschlägen kommen könnte", sagte Gil Florini, Dekan in Nizza, im TV-Sender BFM. "Denn einige ziehen eine Verbindung zwischen dem christlichen Totenfest und einer Erhöhung der Zahl der Toten. Wir waren schon ein wenig auf der Hut, aber wir dachten nicht, dass es auf diese Weise geschehen werde."

In der Nationalversammlung sprach Premierminister Jean Castex von einer "abscheulichen" Tat, sie sei so feige wie barbarisch, das ganze Land sei in Trauer. Er lobte den schnellen Einsatz der Polizei. Dabei erhoben sich die Abgeordneten von ihren Plätzen und klatschten. Die Antwort der Regierung werde "energisch, unerbittlich und auf der Stelle" folgen. Der Präsident habe für Freitagmorgen einen Rat der nationalen Verteidigung zum Kampf gegen den Terror zusammengerufen. In Frankreichs Kirchen läuteten um 15 Uhr die Glocken.

"Wir müssen wirklich die Methoden wechseln", sagt ein Abgeordneter

Der Abgeordnete Éric Ciotti sprach in einem Interview von einem "Krieg", in dem man sich befinde. Es könne nicht sein, dass die bekannten Islamisten im Lande in Ruhe leben dürften. "Wir brauchen eine echte nationale Antwort." Die Justiz alleine reiche nicht. "Wir müssen wirklich die Methoden wechseln."

Als Reaktion auf die Messerattacke in Nizza hat auch die tunesische Staatanwaltschaft eigenen Angaben zufolge Ermittlungen aufgenommen. Nach ersten Informationen über die Identität des mutmaßlichen Angreifers haben man damit begonnen, sagte der stellvertretender Staatsanwalt und Gerichtssprecher in Tunis, Mohsen Dali, der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstagabend. Für den Fall, dass die Justizbehörden um Zusammenarbeit bitten, stehe man zur Verfügung. Das tunesische Antiterrorgesetz schreibe die Strafverfolgung jedes Tunesiers vor, der an einer terroristischen Handlung innerhalb oder außerhalb des Landes beteiligt war, sagte Dali. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Tap bestätigte er zudem, dass der mutmaßliche Angreifer nach ersten Ermittlungskenntnissen ein Tunesier war.

Tunesien verurteile "den terroristischen Vorfall in Nizza" aufs Schärfste, hieß es nach Angaben der Nachrichtenagentur Tap aus dem dortigen Außenministerium. In einer Erklärung bekräftigte das nordafrikanische Land demnach auch seine "völlige Ablehnung aller Formen von Terrorismus, Extremismus und Gewalt" und sprach den Familien der Opfer sein Beileid aus.

Staatschefs kondolieren

Bundeskanzlerin Angela Merkel kondolierte: "Ich bin tief erschüttert über die grausamen Morde in einer Kirche in Nizza", erklärte sie laut Regierungssprecher Steffen Seibert. "Meine Gedanken sind bei den Angehörigen der Ermordeten und bei den Verletzten. Der französischen Nation gilt in diesen schweren Stunden Deutschlands Solidarität."

EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen erklärte, ganz Europa sei solidarisch mit Frankreich. Man bleibe angesichts der Barbarei und des Fanatismus geschlossen und entschlossen. Im Namen der EU-Staatschef veröffentlichte Charles Michel eine Erklärung: Man stehe gemeinsam an der Seite Frankreichs im Kampf gegen Terrorismus und gewalttätigen Extremismus.

Auch das türkische Außenministerium verurteilte die Attacke scharf. Es gebe nichts, dass Gewalt und das Töten von Menschen rechtfertige, teilte es mit. Menschen, die derartig brutale Angriffe an einem solch heiligen Ort verübten, hätten keine religiösen, humanitären oder moralischen Werte. Man stehe solidarisch mit den Menschen in Frankreich gegen Terror und Gewalt, hieß es.

Ebenso deutlich verurteilte der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) den tödlichen Angriff. "Wer Mord und Terror über die Menschen bringt, der hat sich an der Menschheit vergangen, der hat sich an Gott vergangen", sagte der ZMD-Vorsitzende Aiman Mazyek am Donnerstag . Der Vatikan teilte mit, Papst Franziskus bete für die Opfer und ihre Angehörigen und darum, dass wir "uns wieder als Brüder und Schwestern und nicht als Feinde betrachten". Frankreich solle "mit dem Guten auf das Böse reagieren".

Dritter Anschlag innerhalb von fünf Jahren in Nizza

Nizza wird damit zum dritten Mal innerhalb von fünf Jahren von einem Terroranschlag erschüttert. 2015 wurden bei einem Angriff auf Soldaten zwei Menschen verletzt. Am 14. Juli 2016, dem französischen Nationalfeiertag, fuhr ein Islamist auf der Promenade des Anglais mit einem Lkw durch eine Menschenmenge. 86 Personen wurden getötet und mehr als 400 zum Teil schwer verletzt. Die Terrororganisation Islamischer Staat bekannte sich zu dem Anschlag.

Innenminister Gérald Darmanin hatte mehrmals vor einer hohen Terrorgefahr im Land gewarnt. Erst vor zwei Wochen war ein Lehrer in einem Vorort von Paris enthauptet worden. Das Verbrechen hatte im ganzen Land Entsetzen ausgelöst. Zehntausende waren auf die Straße gegangen, um sich solidarisch zu zeigen. Präsident Macron hatte nach dem Tod des Lehrers, der in einer Unterrichtsstunde über Meinungsfreiheit Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt hatte, eine harte Haltung gegenüber dem Islamismus eingenommen. Er hatte zudem angekündigt, dass diese und ähnliche Karikaturen weiterhin gezeigt würden, da dies zur Meinungsfreiheit gehöre.

Neuer Zündstoff durch "Charlie Hebdo"

Das Attentat von Nizza muss vor dem Hintergrund eines eskalierenden Streits zwischen Frankreich und der Türkei und vor allem dessen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan gesehen werden. Erdoğan hatte die gegen den Islamismus gerichteten Äußerungen Macrons als Angriffe auf den Islam und die Muslime insgesamt gebrandmarkt und Macrons psychische Verfassung infrage gestellt. Daraufhin rief Paris seinen Botschafter aus Ankara zu Konsultationen zurück. Erdoğan reagierte, indem er zu einem Boykott französischer Waren aufrief, dem sich Politiker in mehreren anderen islamischen Ländern anschlossen.

Die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo heizte den Streit noch auf, indem sie am Mittwoch auf ihrer Titelseite einen leicht bekleideten türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zeigte, wie er das Gewand einer verschleierten Frau anhebt. "Ohh! Der Prophet!", steht in einer Sprechblase. Die Seite ist betitelt mit den Worten: "Erdoğan - privat ist er sehr lustig".

Erdoğan reagierte empört. Seine Traurigkeit und sein Zorn rührten nicht von der "widerlichen Attacke" auf seine Person, sondern daher, dass Charlie Hebdo die Quelle unverschämter Attacken auf seinen "lieben Propheten" sei, sagte er im Parlament. An Frankreich und weitere europäische Staaten gerichtet sagte er mit Blick auf die koloniale Vergangenheit: "Sie sind Mörder!" Der türkische Präsident hat Charlie Hebdo inzwischen ebenso verklagt wie den niederländischen Islam-Kritiker Geert Wilders, der eine Karikatur veröffentlicht hatte, in der Erdoğan als "Terrorist" bezeichnet wird.

© SZ/dpa/Reuters/mkoh/afis

Karikaturenstreit
:Empörung auf allen Seiten

Mit der Veröffentlichung einer Erdoğan-Karikatur geht der französisch-türkische Konflikt in die nächste Runde. Der türkische Präsident kündigt eine Klage gegen das Satiremagazin "Charlie Hebdo" an. In Frankreich reagieren alle Parteien empört auf die verbalen Angriffe aus Ankara.

Von Nadia Pantel

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