Frankreich Lehrstunde für Patrioten

Französische Jugendliche bei der offiziellen Vorstellung des Universellen Nationaldienstes im April 2019.

(Foto: Francois Guillot/AFP)

Fahnenappelle und ein Besuch bei Monets Seerosen: Der neue "Universelle Nationaldienst" soll junge Franzosen zu Bürgern machen und ein zerrissenes Land einen. Doch der militärische Anstrich gefällt nicht allen.

Von Nadia Pantel, Evreux

Auf den ersten Blick sieht es aus, als hätte ein privater Sicherheitsdienst sehr junge Mitarbeiter eingestellt. Alle tragen dunkle Blousons mit Abzeichen auf Brust und Oberarm, dazu ein weißes Polohemd, ordentlich in die dunkle Hose gesteckt, auf dem Bauch eine silberne Gürtelschnalle, an den Füßen dunkle, robuste Schuhe.

Romain Petitfils gefällt seine neue Uniform: "So sind wir alle gleich." Der 15-Jährige gehört zu den 2000 Freiwilligen, 1000 Mädchen und 1000 Jungen, die in dieser Woche in Frankreich den Service National Universel (SNU), den Universellen Nationaldienst, begonnen haben.

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Zwei Wochen lang wird er in einem Internat in dem Städtchen Evreux in der Normandie leben, 11,5 Zugstunden von seiner Familie in Südfrankreich entfernt. Er wird sich eine Dusche mit zehn anderen teilen und wird lernen, so wünscht es sich Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, was einen guten Bürger der Republik ausmacht.

Tag eins seiner Dienstwoche begann für Romain Petitfils mit einem Fahnenappell, strammstehen in der Sonne und dann die Nationalhymne singen. Am Nachmittag dann hoher Besuch. Der Staatssekretär Gabriel Attal, von Macron mit der Organisation des SNU betraut, reist an und schaut sich den Start seines Großprojektes an. "Später werdet ihr euren Kindern und Enkeln davon erzählen, dass ihr die Ersten wart, die beim SNU mitgemacht haben", Attal steht in Krawatte und Anzug vor den Jugendlichen und gratuliert ihnen zu dieser "einmaligen Erfahrung", die sie machen werden.

Von 2026 an soll der Nationaldienst verpflichtend werden. Um zur Abitur- oder Führerscheinprüfung zugelassen zu werden, müssen Jugendliche nachweisen, dass sie am SNU teilgenommen haben. Zwei Wochen lang Lektionen in Patriotismus in der Gemeinschaftsunterkunft und dann noch mal zwei Wochen Mini-Praktikum bei der Armee, der Feuerwehr oder einem gemeinnützigen Verein.

Ziel: Durchmischung der Bevölkerung

In diesem einen Monat soll viel erreicht werden. Wenn Attal oder Macron über den neuen Nationaldienst sprechen, fallen immer dieselben Vokabeln: sozialen Zusammenhalt stärken, der Nation dienen, die Durchmischung der Bevölkerung erreichen. Schon bevor er zum Präsidenten gewählt wurde, stellte Macron seinem Land eine Diagnose. Die Franzosen seien ein zerrissenes Volk auf der Suche nach Sinn. Ein gefühlter Befund, der sich auf beinah jede Nation erweitern lässt und für den Macron nun eine spezifisch französische Therapie erfunden hat: den Nationaldienst.

Der Stundenplan von Romain Petitfils für die kommenden zwei Wochen kennt keine Lücken. Nach dem Fahnenappell um 7 Uhr beginnt der Unterricht um 8.30 Uhr. Am Montag sitzt Petitfils an einem Fahrsimulator und lernt grundsätzliche Regeln des Straßenverkehrs. Am Dienstag wird er über seine Rechte und Pflichten als Bürger aufgeklärt. Am Mittwoch wird es um den Klimawandel gehen.

Außerdem auf dem Lehrplan: die Gleichberechtigung von Männern und Frauen, französische Kultur und Geschichte, die Werte und Symbole der Republik, Bürgerengagement in Vereinen und Initiativen und schließlich Selbstverteidigung. Wobei sowohl die nationale Selbstverteidigung durch die Armee als auch Kampfgriffe für den Alltag gemeint sind. Petitfils wird nicht nur im Klassenraum sitzen, er wird auch einen der Strände besuchen, an denen im Zweiten Weltkrieg am D-Day die alliierten Truppen landeten, er wird den Garten in Giverny besichtigen, in dem Claude Monet seine Seerosen malte, und er wird zu einem Militärflugplatz fahren.

Generation SNU

"Es gibt hier eine sehr klare Struktur", sagt Petitfils. Im Alltag, in seiner Schule, fehle ihm diese Klarheit. Er will später Feuerwehrmann werden, seine eigene Generation und Frankreich generell findet er "zu egoistisch". Er sei stolz, dass er zur ersten "Generation SNU" gehört, denn so könne sich etwas ändern.

Als Staatssekretär Attal im Klassenzimmer von Evreux vor einer kleinen Gruppe dieses ersten Jahrgangs Freiwilliger steht und fragt, was sie für berufliche Pläne haben, sagt jeder Zweite, er könne sich eine Karriere im Militär gut vorstellen. "Interessant", entgegnet Attal, das habe er bisher nicht so oft gehört, die Teilnehmer seien eben "sehr divers". Was ihre Herkunft betrifft, ist das richtig. Sie kommen aus allen Regionen Frankreichs, in den Gruppenunterkünften wird genau darauf geachtet, dass jeder Landesteil vertreten ist und Schulabbrecher lernen gemeinsam mit Gymnasiasten und Auszubildenden.

Doch wenn es um ihre Vorstellungen von Zusammenleben geht, ähneln sich die Ansichten der Teilnehmer. Sie schätzen Disziplin und klare Regeln. So wie der SNU sich in seiner Testphase präsentiert, ist die Nähe zum Militär unverkennbar. Bei seiner Ansprache vor Frankreichs Generälen am 13. Juli sagte Macron im Sommer 2018: "Der Nationaldienst wird kein Militärdienst sein, aber er ist ohne das Verteidigungsministerium nicht durchführbar. Denn die Armee hat eine unvergleichliche Expertise in Bezug auf die Jugend."

Enmilitarisierte Miniaturversion des Wehrdiensts

Der verpflichtende Wehrdienst wurde 1996 vom damaligen Präsidenten Jacques Chirac abgeschafft. Gut 20 Jahre später führt Macron ihn in einer entmilitarisierten Miniaturversion wieder ein. Eine Betreuerin des SNU beschreibt den Charakter des Programms so: "Wir pendeln zwischen Ferienlager und Militärdienst."

Sara Aouissi gehört zu den Sozialarbeiterinnen, die Romain Petitfils und seine Altersgenossen durch ihren Freiwilligendienst begleiten. Die 20-Jährige glaubt, dass der morgendliche Fahnenappell für die Jugendlichen zu den Höhepunkten des Tages gehört. "Wir können in dem Moment zeigen, dass wir stolz sind, Franzosen zu sein und stolz, diesen Dienst zu absolvieren." Ob sie sich vorstellen kann, dass diese Art von militärischen Zeremonien auch manche abschreckt? "Mit der Zeit kommt jeder auf den Geschmack", sagt Aouissi, "In die Schule will man erst auch nicht, aber dann ist man traurig, wenn es vorbei ist."

Zu den Kritikern des neuen SNU gehören die Schülergewerkschaften. "Wir teilen die Einschätzung der Regierung, dass es an einer sozialen Durchmischung mangelt, aber wir glauben nicht, dass der SNU die richtige Antwort ist", sagte Orlane François von der größten Schülergewerkschaft FAGE der Presseagentur AFP. François kritisiert sowohl die militärischen Elemente des SNU als auch die Kosten des Programms. Die Schulen würden kaputtgespart, während 1,6 Milliarden Euro für einen Nationaldienst investiert würden. Auf diese Summe werden die Kosten geschätzt, wenn tatsächlich ein ganzer Jahrgang den Dienst absolvieren würde.

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