Wahlkampf in Frankreich:Hochdruck und Wasserdampf

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Wahlkampf in Frankreich: Die rechtskonservative Präsidentschaftskandidatin Valérie Pécresse will - zumindest rhetorisch - wieder mal den Kärcher "aus dem Keller" holen. Das wiederum gefällt dem deutschen Reinigungsfabrikanten nicht.

Die rechtskonservative Präsidentschaftskandidatin Valérie Pécresse will - zumindest rhetorisch - wieder mal den Kärcher "aus dem Keller" holen. Das wiederum gefällt dem deutschen Reinigungsfabrikanten nicht.

(Foto: Pascal Guyot/AFP)

Die Präsidentschaftskandidatin Valérie Pécresse holt "den Kärcher wieder aus dem Keller". Und das Unternehmen aus Baden-Württemberg wehrt sich gegen politische Vereinnahmung.

Von Nadia Pantel, Paris

Der deutsche Reinigungsgerätefabrikant Kärcher sieht sich selbst dort, wo Valérie Pécresse gerne wäre: "in der Königsklasse". Pécresse tritt für Frankreichs rechtskonservative Républicains bei der Präsidentschaftswahl im April an und befindet sich bislang nicht in der Nähe des Throns, sondern mal auf Platz zwei, mal auf Platz drei in den Umfragen, jedenfalls immer hinter Amtsinhaber Emmanuel Macron. Kärcher hingegen wirbt aktuell für "den ersten Hochdruckreiniger mit App-Steuerung", der ein "überlegenes Reinigungserlebnis" bringt, eben "die Königsklasse".

Vielleicht liegt es an diesem Kärcher'schen Selbstbewusstsein, dass Pécresse das Putzgerät nun wieder rhetorisch "aus dem Keller geholt" hat, wie sie es selbst formulierte. Pécresse will "die Vorstädte mit dem Kärcher reinigen". Eine Idee, die tatsächlich aus dem politischen Keller, beziehungsweise aus einer lange zurückliegenden Ära kommt. 2005 war der spätere Präsident Nicolas Sarkozy noch Innenminister, als er in eine Pariser Vorstadt fuhr und einer Anwohnerin sagte, man müsse "den Abschaum mit dem Kärcher" entfernen. Zuvor war ein elfjähriges Kind von Drogendealern erschossen worden, ein zufälliges und schockierendes Opfer der Bandenkriminalität.

Kärcher will nicht für politische Zwecke benutzt werden

17 Jahre später ist die bürgerliche Rechte offenbar immer noch begeistert von der Kärcher-Metapher und von dem Rassismus, der mitschwingt, wenn man Einwandererviertel mal "gründlich durchputzen" will. Und die Firma Kärcher ist immer noch genervt. Schon 2005 hatte sich das Unternehmen aus Baden-Württemberg beschwert, sein Name dürfe nicht für politische Zwecke herhalten. 2017 schrieb Kärcher Briefe an alle Präsidentschaftsbewerber, um dagegen vorzugehen, dass Begriffe wie "karchériser" oder "karchérisation", Ableitungen von "kärchern", in den politischen Sprachgebrauch übergehen. 2021 schaltete die Firma große Anzeigen: "Kärcher will seinen Namen von der Politik reinigen", stand da. Doch die Républicains wollen die Erinnerung an Sarkozy nicht aufgeben. Und so beschwerte sich Kärcher am Dienstag erneut: "Die Marke Kärcher ist kein Fahnenträger irgendeiner politischen Partei", schreibt die Firma.

Doch Präsidentschaftskandidatin Pécresse hat andere Sorgen als das Image einer Hochdruckreiniger-Firma. In Frankreich infizieren sich aktuell täglich mehr als 350 000 Menschen mit dem Coronavirus, und die Gesundheitskrise verdrängt den Wahlkampf aus den Medien und aus den Köpfen der Bürger. Als Pécresse Sarkozys Kärcher recycelte, waren ihr immerhin ein paar Fernsehminuten sicher. Und für Kärcher war es die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass man gesellschaftliche Verantwortung übernehme. Unter anderem bei der Reinigung öffentlicher Baudenkmäler. In den kommenden Monaten wird Kärcher zum Beispiel in Paris den Obelisken auf der Place de la Concorde reinigen. Nicht mit Hochdruck, sondern mit Wasserdampf. Kärcher ist also erstens sensibler als sein Ruf. Und zweitens assoziieren auch viele Franzosen Sarkozys Kärcher eher mit heißer Luft denn mit Hochdruck. Während seiner Präsidentschaft von 2007 bis 2012 ließ Sarkozy Tausende Polizeistellen einsparen.

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