bedeckt München
vgwortpixel

Frankreich: Ausbrecher geschnappt:Ein Häftling steht im Walde

Er floh, versteckt in einem Karton, aus dem Gefängnis. Dann informierte er 73 Tage lang regelmäßig die Öffentlichkeit über seine Flucht. Nun ging Jean-Pierre Treiber der Polizei endlich ins Netz.

Sie nennen ihn den "Waldmenschen". Viele Franzosen verfolgen seit Wochen mit wohligem Gruseln das Schicksal des Jean-Pierre Treiber, als handle es sich um eine der bizarren Krimi-Figuren der Schriftstellerin Fred Vargas.

In dieser, vom Ausbrecher-König selbst mit einem Herz markierten Eiche, versteckte Jean-Pierre Treiber die Liebesbriefe an seine Angebetene.

(Foto: Foto: afp)

Am 8. September war der mutmaßliche Doppelmörder aus dem Gefängnis ausgebrochen und in den Forsten südöstlich von Paris verschwunden. Seither narrte er die Polizei.

Mal lief er ungestört durch sein früheres Dorf, mal spielte er mit einer Eliteeinheit "Räuber und Gendarm" im Unterholz. Außerdem schrieb er Briefe, in denen er über sein Leben im Freien schwadronierte.

So schuf er sich ein Image, das irgendwo zwischen Robin Hood, Rambo und Hotzenplotz changiert. Doch am Ende lachten die Ermittler. Sie konnten Frankreichs meist gesuchten Mann jetzt nach 73 Tagen auf der Flucht schnappen.

Die Geschichte des JPT, wie ihn Freunde nennen, beginnt im Elsass. Dort wächst Jean-Pierre als Sohn eines Kriegsinvaliden auf. Der schweigsame Junge interessiert sich mehr für die Natur als für die Schule. Später zieht er ins Departement Seine-et-Marne, arbeitet als Förster.

Polizei entdeckte die Leichen zweier junger Frauen

Im November 2004 kommt er erstmals in die Schlagzeilen. Nicht weit von seinem Wohnort verschwinden zwei junge Frauen. Ihre Kreditkarten werden weiter benutzt, von Jean-Pierre Treiber. Die Ermittler durchsuchen sein Grundstück und entdecken eine zugeschüttete Sickergrube. In dreieinhalb Meter Tiefe stoßen sie auf die Leichen der Freundinnen. Die beiden Frauen sind mit Giftgas ermordet worden. Das Motiv ist unklar.

Obwohl viele Indizien gegen ihn sprechen, bestreitet Treiber die Tat. Er kommt in Untersuchungshaft, sein Prozess soll im April 2010 beginnen. Im Gefängnis von Auxerre arbeitet er in einer Kartonagen-Werkstatt. Er gilt als Musterhäftling.

Bis zum 8. September. An diesem Tag kriecht der 47 Jahre alte Mann in einen Karton. So versteckt lässt er sich aus dem Gefängnis fahren.

Eine Woche später schreibt er an die Wochenzeitung Marianne: Er sei unschuldig - und daher geflohen. Für die Polizei beginnen frustrierende Wochen.

Hundertschaften durchkämmen die Wälder um die Dörfer Bombon, Bréau und Châtelet-en-Brie, wo JPT lebte und arbeitete. Hier kennt er jede Hütte, jedes Erdloch. Helikopter schrecken immer wieder die Dorfbewohner auf. Außerdem lassen die Fahnder Überwachungskameras in den Orten installieren. Mindestens zwei Mal wird Treiber gefilmt. Bis die Polizei zur Stelle ist, ist er wieder verschwunden.

Der Ausbrecher bewegt sich derweil im Medien-Dschungel so geschickt wie in seinen Forsten. Immer wieder schickt er Briefe an seine Freundin Blandine, Verwandte und Mithäftlinge. Er weiß, dass diese veröffentlicht werden.

So erzählt er den Franzosen von einem abenteuerlichen Leben in der Natur. "Meine Rasierklingen schneiden nicht mehr, und ich habe praktisch keine Zahnpasta", schreibt er. "Wenigstens die Hirsche und Wildschweine beklagen sich nicht über meinen Geruch." Fernsehshows à la Dschungelcamp seien "Katzenpipi" verglichen mit dem, was er durchmache. Hunger, Kälte, Regen. Doch er findet: "Lieber nass im Wald, als trocken im Gefängnis."

Einmal, am 10. Oktober, wird er fast erwischt. Polizisten entdecken eine Eiche, in deren Stamm Treiber ein Herz für Blandine, sein "Hartzala" geritzt hat. "Hartzala" bedeutet auf Elsässisch "Herzchen".

Liebesbriefe im Wald

Eine Vertiefung am Fuß der Eiche dient dem Paar als Briefkasten. Blandine deponiert Post für ihren "angebeteten Engel" dort. Elitepolizisten legen sich auf die Lauer. Es ist dunkel. Treiber kommt. Die Beamten stürmen los - und erleben, wie der Forstmann in der regennassen Nacht verschwindet. Treiber spottet bald darauf in einem Brief, die Polizisten trügen ihre "Schießprügel" auf den Straßen spazieren und seien es nicht mehr gewohnt, "Leute nachts in den dichten Wäldern zu verfolgen".

Die vielen Geschichten von Treiber zeigen Wirkung. Teilweise tummeln sich so viele Journalisten um die alte Eiche, dass die Polizei schimpft, die Fahndung werde vereitelt. In den Dörfern machen viele Leute keinen Hehl daraus, dass ihre Sympathien dem Flüchtigen gelten. Die einen sagen, sie hielten ihn für einen "guten Kerl". Andere versichern, er sei unschuldig. Ein Jäger namens Jean-Paul bekennt: "Niemand wird ihn denunzieren. Und ich bin der erste, der ihm etwas zu Essen kaufen wird, wenn ich ihn sehe."

Die Polizei bezweifelt derweil, dass sich der Ausbrecher immer noch durch die Wälder schlägt. Sie argwöhnt, er habe Helfer in den Orten. So machen sich die Beamten auf die "piste sentimentale", die "Gefühlsfährte".

Treibers Verwandte und Bekannte werden beschattet. Die Fahnder finden eine unauffällige Wohnung in dem Städtchen Melun. Am Freitag Abend stürmen zwei Dutzend Beamte das Appartement. Treiber wehrt sich nicht. Er schweigt. So bleibt vorerst unklar, wie lange er wirklich in den Wäldern hauste. "Er ist kein guter Verlierer", meint ein Polizeichef. "Denn er hat uns nicht gratuliert."

Außer Treiber werden sechs mutmaßliche Helfer festgenommen. Die Polizei verbreitet, Treiber sei in guter Verfassung, so wie einer, der nicht in freier Natur, sondern zu Hause lebe. Die Beamten hoffen, den Mythos vom Waldmenschen zu brechen.

In der Kneipe des Dorfes Bombon wird die Nachricht von seiner Ergreifung mit gemischten Gefühlen aufgenommen. "Schade, er hat sich wie ein Hase erhaschen lassen", zitiert die Zeitung Aujourd'hui en France einen Gast. Die Polizei müsse jedoch aufpassen. "Ich wäre nicht überrascht, wenn er wieder entwischt."