bedeckt München 26°

Frankreich:Alte Dame beschenkt Zufallsbekanntschaften

Ein Anruf bei dem französischen Notar Francis Bécuder: Der muss 200 Menschen finden. Sie erben Jeannine Vromants Vermögen - weil sie nett zu ihr waren.

A.-K. Eckardt

Freundlichkeit zahlt sich aus. Diese Erfahrung machen in der nordfranzösischen Kleinstadt Dieppe gerade 200 Einwohner. Denn als die pensionierte Immobilienverwalterin Jeannine Vromant vor eineinhalb Jahren im Alter von 86 Jahren starb, vermachte sie ihr gesamtes Vermögen, insgesamt 280.000 Euro, den Menschen, die nett zu ihr waren - auch wenn sie viele nur vom Sehen kannte. Ihr Testamentsvollstrecker, der Notar Francis Bécu, versucht seitdem, alle Erben ausfindig zu machen. Kein leichter Job.

Unterwarteter Geldregen: 200 Menschen dürfen sich über das Testament von Mademoiselle Vromant freuen.

(Foto: Foto: istockphoto)

SZ: Herr Bécu, 200 Menschen dürfen sich über das Testament von Mademoiselle Vromant freuen. Bei Ihnen war die Begeisterung wohl nicht ganz so groß ...

Bécu: Für mich ist das Testament kein Geschenk. Die Idee, sein Geld an Menschen zu verschenken, die nett zu einem waren, finde ich zwar toll. Aber ich habe natürlich gleich gesehen, welche Arbeit da auf mich zukommt. Als Mademoiselle Vromant 2004 mit ihrem Testament zu mir kam, habe ich deshalb erst einmal versucht, sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Die Liste der Erben war ja endlos lang. Vier Seiten in dünner, kleiner Handschrift vollgeschrieben!

SZ: Aber sie ließ sich offensichtlich nicht umstimmen.

Bécu: Nein, da war leider nichts zu machen. Sie wollte ihre Ersparnisse nicht dem Staat oder irgendeiner Stiftung hinterlassen, sondern den Menschen, die nett zu ihr waren. Da ich sie schon sehr lange kenne - sie hat früher in der Kanzlei meines Vaters gearbeitet - habe ich irgendwann nachgegeben. Das Testament habe ich dann bis zu ihrem Tod in einem Schließfach verwahrt.

SZ: Hatte Mademoiselle Vromant denn gar keine Verwandten?

Bécu: Sie war ein Einzelkind, nie verheiratet, hatte keine Kinder und keinen Lebenspartner. Sie hat sehr lange mit ihrem Vater zusammengelebt. Außerdem war sie schon immer sehr zuvorkommend und großzügig. Und mit ihrem Vermögen wollte sie so viele Menschen wie möglich glücklich machen.

SZ: Und wer sind die Erben?

Bécu: Oh, die hat sie ganz genau ausgesucht. Vier Jahre lang hat sie an der Liste der Erben gearbeitet, hat hinzugefügt und weggestrichen. Am Ende blieben 200 übrig, zum Beispiel die 40 Busfahrer aus ihrer Stadt. Meine Klientin hatte gesundheitliche Probleme, und sie hatte nie einen Führerschein. Also ist sie Bus gefahren. Die Fahrer haben sie immer freundlich gegrüßt und direkt vor ihrer Haustür rausgelassen. Dafür wollte sie sich bedanken. Oder bei ihren Pflegern, der netten Kassiererin im Supermarkt, dem Postboten oder der Apothekerin.

SZ: Wie viele Erben haben Sie denn inzwischen aufgetan?

Bécu: Uns fehlen jetzt noch fünf oder sechs. Und eine Erbin soll inzwischen nach Madagaskar gezogen sein.Ich habe den Fall zusammen mit einem Kollegen bearbeitet, und manchmal waren wir ehrlich gesagt kurz davor aufzugeben. Die Suche war und ist äußerst schwierig, weil wir von vielen Erben nur den Vornamen oder eine Beschreibung haben, etwa "Michelle aus der Arztpraxis" oder "der Mann, der die Einkäufe bringt".

SZ: Und wie haben Sie Michelle und den Mann, der die Einkäufe bringt, dann gefunden?

Bécu: Wir haben im Internet recherchiert, in den Gelben Seiten oder uns von einem Erben zum nächsten gehangelt. Die Krankenpflegerin kannte zum Beispiel die Arzthelferin Michelle und so weiter.

SZ: Wie haben die Erben denn auf die frohe Botschaft reagiert?

Bécu: Manche waren sehr überrascht oder dachten, wir machen einen Scherz. Anderen hatte Mademoiselle Vromant noch zu Lebzeiten eine "kleine Überraschung" nach ihrem Tod angekündigt.

SZ: Haben alle Erben gleich viel bekommen?

Bécu: Bislang habe ich noch gar kein Geld ausgezahlt. Ich habe Anfang August alle Erben, die wir bislang ausfindig machen konnten, angeschrieben. Viele haben geantwortet, aber bei 70 Erben warten wir noch auf die Antwort. Erst wenn wir alle beisammen haben, kann ich das Geld verteilen. Aber das wird vermutlich nicht vor Ende des Jahres sein.

SZ: Und wie viel ist das für jeden?

Bécu: Etwa 1200 Euro.

SZ: Hat Mademoiselle Vromant auch ihre persönlichen Dinge vererbt? Ihren Schmuck zum Beispiel?

Bécu: Da gibt es nicht viel. Sie hat sehr sparsam gelebt. Und obwohl sie beruflich ja viel mit Immobilien zu tun hatte, hat sie sich nie ein Haus oder eine Wohnung gekauft. Am Ende hat sie sogar in einer Sozialwohnung gelebt.

SZ: Haben Sie wenigstens auch etwas von Mademoiselle Vromant geerbt?

Bécu: Nein, ich bekomme nur mein normales Honorar.

© SZ vom 19.09.2009
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB