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Attacke in Frankfurt:Haltestelle der Verlorenen

Frankfurt am Main Bahnhofsviertel Rotlichtviertel Taunusstrasse *** Frankfurt am Main Station di

Teile der Taunusstraße am Hauptbahnhof bilden die Hauptader des Frankfurter Rotlichtviertels.

(Foto: imago images / Jochen Tack)
  • Dem Frankfurter Bahnhof haftet seit langer Zeit ein schlechter Ruf an. Die Station liegt mitten im Frankfurter Drogenviertel.
  • Stadt und Sicherheitsbehörden hatten die Lage im Bahnhofsviertel lange vernachlässigt. Doch das Quartier hat sich verändert, es ist zur Ausgehmeile geworden.
  • Renovierungen im Bahnhof sollen die Station nun freundlicher gestalten.

Deutschlands Bahnhöfe, so verlangte es Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) nach dem tödlichen Angriff auf einen achtjährigen Jungen in Frankfurt, sollen sicherer werden. Mehr Polizei solle patrouillieren, damit die Fahrgäste sich nicht ängstigen müssten. Am Mittwoch, zwei Tage nach der Attacke auf den Jungen und seine Mutter, sieht man auf den beiden Etagen des Frankfurter Hauptbahnhofs etliche Frauen und Männer in gelb-roten Westen, Beauftragte der Bahn, die für Ordnung sorgen. Beamte der Bundespolizei, die für den Schutz des Bahnhofs verantwortlich sind, entdeckt man an diesem Sommernachmittag nicht.

Kein Wunder, sie werden in den Nachtstunden üblicherweise dringender gebraucht als am Tag. Frankfurts Bahnhof ist seit Jahrzehnten nicht gut beleumdet, viele Menschen betreten ihn mit einem mulmigen Gefühl, vor allem am späten Abend und in den frühen Morgenstunden.

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Die Station liegt mitten im Frankfurter Drogenviertel rund um die Taunusanlage, unterhalb des Bankenviertels. Auch im Bahnhof selbst machen die Dealer ihre Geschäfte mit den Süchtigen, hauptsächlich im unteren Geschoss, der sogenannten B-Ebene, einer düsteren Ladenzeile mit Imbissständen und Geschäften. Tagsüber muss sich dort zwar niemand fürchten, einladend wirkt es aber nicht. Hier und da riecht es nach Urin oder Erbrochenem. Menschen in großer und größter Not suchen in der Passage Unterschlupf, vor Hitze, vor Kälte, es sind Drogenabhängige, Ausreißer, Obdachlose, Bettler aus aller Welt.

Ja, meint Andreas Grün, hessischer Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), das Untergeschoss sei kein schöner Ort. Er selbst kennt den Bahnhof aus früheren Einsatzzeiten. Und sagt, die Dinge hätten sich etwas gebessert. Stimmt.

Erst vernachlässigt, dann Trendviertel

Jahrzehntelang hatten Stadt und Sicherheitsbehörden die Lage im Bahnhofsviertel vernachlässigt. Es verkam, die Bewohner des Quartiers reagierten erzürnt, alteingesessene Geschäfte zogen fort, man konnte und wollte das traurige Treiben in den Straßen nicht länger ertragen. Verhärmte Junkies, die an Ecken kauern, zittern und im Wahn reden, die auf den Dealer warten, auch wenn ihnen das Geld fehlt für den Stoff. Junge Frauen und Männer, die sich für ein paar Euro an Freier verkaufen, um sich neues Rauschgift zu besorgen. Dazu die vielen Kleinhändler, zweifelhafte Charaktere aus der Rotlichtszene, die traditionell im Frankfurter Bahnhofsviertel beheimatet ist.

Seit die Immobilienwirtschaft die einst hochherrschaftlichen Häuser zwischen Bankenviertel und Bahnhof als Geschäftsidee entdeckte und mit den Renovierungen begann, hat sich das Quartier verändert. Es ist zur Ausgehmeile geworden, inzwischen wird alljährlich die "Bahnhofsviertelnacht" gefeiert, mit Zehntausenden Besuchern. Und die Polizei hat deutlich aufgestockt. Neben dem Hauptbahnhof in der Gutleutstraße wurde ein neues Brennpunktrevier eingerichtet.

Auch die Bundespolizei erhält für ihre Arbeit im Bahnhof zusätzliches Personal. Wie viele Mitarbeiter es genau sind, will die für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland zuständige Behördenleitung in Koblenz nicht verraten. Von den 102 Frauen und Männern, die im März erfolgreich ihre Ausbildung in der Direktion Koblenz abgeschlossen hätten, seien allein 35 in die Inspektion Frankfurt gegangen, sagt Sprecher Christian Altenhofen.

Die Zahl der Rauschgiftdelikte, die im und rund um den Bahnhof registriert wurden, ist allerdings nach wie vor hoch. Im vergangenen Jahr waren es 4998, knapp sieben Prozent weniger als 2017, aber immer noch deutlich mehr als in den Jahren davor. Aus Sicht der Frankfurter Polizei ist dies dennoch ein positives Zeichen. Denn die Razzien und verstärkten Kontrollen zeigten Wirkung, die Polizisten registrierten mehr Verstöße, weil sie öfter und intensiver prüfen, argumentieren die Beamten.

Die Bundespolizei notierte auf allen Frankfurter Bahnhöfen vergangenes Jahr mit 434 etwas weniger Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz als 2017. Ob die Besserung nur für die kleineren Stationen gilt oder auch für den Hauptbahnhof, lässt die Statistik nach Aussage der Behörde nicht erkennen. Die Drogenhändler, so viel steht fest, werden auch in den kommenden Jahren in der Station ihre Treffpunkte finden: Die Szene soll nicht aus dem Viertel vertrieben werden, denn dort sind auch die Hilfsorganisationen angesiedelt, die den Süchtigen Beratung, Unterstützung und Obdach bieten.

Reisende müssen sich dennoch nicht vor einem Aufenthalt am Hauptbahnhof fürchten. Man kann jahrelang von und nach Frankfurt pendeln, ohne je in Gefahr zu geraten. Auf die Handtasche oder den Rucksack aufzupassen, ist auch andernorts in Deutschland angeraten. Andreas Grün, der Polizeigewerkschafter, ist und war beruflich viel mit dem Zug unterwegs. Er findet die Lage am Main nicht schlimmer als an anderen großen Bahnstationen. Doch er plädiert dafür, dass die Bundespolizei noch öfter auf dem Gelände sichtbar ist, zur Beruhigung der Passagiere. Dafür seien dann natürlich zusätzliche Beamte nötig.

Zur Wohlfühloase wird der Frankfurter Hauptbahnhof trotz verschiedener Anstrengungen aber kaum werden. Die Bahn hat für die nächsten Jahre große Umbauten im Inneren angekündigt, die B-Ebene soll heller und freundlicher werden, ein Lichthof ist geplant, neue, überirdische Zugänge von den S- und U-Bahnen, die man derzeit zumeist über das dunkle Mittelgeschoss erreicht. Der Optik und der Atmosphäre mag das Vorteile bringen, der Sicherheitslage ist damit aber nicht wirklich geholfen. Bahnhöfe müssen ein durchlässiger Ort bleiben, sonst können sie ihren Zweck für mobile Menschen nicht mehr erfüllen.

Andreas Grün warnt jedenfalls vor zu hohen Erwartungen in die Renovierung, die im kommenden Jahr beginnen soll: "Die Probleme der B-Ebene bekommt man auch durch bauliche Maßnahmen sicher nicht in den Griff."

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