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Fotografische Antiquitäten:Knipsen wie James Bond

Köln ist einer der weltweit bedeutendsten Umschlagplätze für alte und seltene Foto-Technik - mit faszinierenden Detektivkameras.

Ein Holzkasten, etwa so lang wie ein Zehner-Eierkarton und doppelt so hoch, mit gut sichtbarer Linse - nach heutigen Maßstäben wirkt diese "Detektivkamera" nicht besonders unauffällig. Aber 1893, als die kleine britische Firma Benetfink & Co. das Modell in London baute, stellten sich die meisten Menschen unter einer Kamera ja noch eine Monstrosität mit Stativ und einem Ziehharmonika-artigen Gehäuse vor. Solche Brummer hat das Kölner Auktionshaus Breker auch im Sortiment seiner Versteigerung fotografischer Antiquitäten, die an diesem Samstag ansteht. Verglichen mit ihnen wirkt der Kasten dezent.

Die "Detektivkamera" anno 1893.

(Foto: Auction Team Breker)

"Das war schon praktisch. Die Leute wollten Ende des 19. Jahrhunderts nicht gerne ungefragt fotografiert werden", sagt Hilmar Girhartz. "Damals war es nicht anders als heute." Girhartz, Foto-Spezialist des "Auction Team Breker", führt durch den Präsentationsraum des Zweckbaus im Kölner Stadtteil Godorf, wo die Lose für die "Fotografica & Film"-Auktion in Vitrinen aufgereiht sind. Hier, zwischen Möbelhaus und Karnevalskostüm-Großhändler, würde man ohne ausdrücklichen Hinweis wohl kaum einen der weltweit bedeutendsten Umschlagplätze für alte und zum Teil sehr seltene Technik vermuten. Die Sammlung alter Kameras und Projektionsgeräte ist beeindruckend.

Für den Laien besonders faszinierend sind die diversen Spionage- und Detektivkameras, deren Bandbreite erstaunlich ist.

Spionage-Kamera mit Periskop-Objektiv für das Knopfloch.

(Foto: Auction Team Breker)

Der Begriff "Detektivkamera" wurde vom späten 19. Jahrhundert bis in die 1920er Jahre verwendet. Er bezeichnete Kameras, die, unter dem Arm getragen, zum diskreten Fotografieren verwendet werden konnten. Angesichts sich verkleinernder Technik gab mancher der Versuchung nach, unauffällig Bilder von Umgebung und Mitmenschen zu machen. Hierzu verwendete man meist per Kordel ausgelöste Magazinkameras in Kastenform, wie die der Firma Benetfink. Einige, zum Beispiel die 1886 von Stirn in Berlin hergestellte "Photographische Geheim-Camera", waren aber bereits ausgefeilter: Der Proto-Paparazzo trug sie unterm Gehrock und schob das Periskop-Objektiv durchs Knopfloch. Prinzipiell lassen sich, wie sich herausstellt, Kameras in so ziemlich allem verstecken - in Spazierstockknäufen, Radios oder Ferngläsern, wie das Model "Argus" der Stuttgarter Firma Contessa-Nettel von 1919: Das Okular des Fernrohrs ist nur Attrappe, die Fotolinse seitlich angebracht, so dass man damit um die Ecke fotografieren kann.

Das Model "Argus" der Stuttgarter Firma Contessa-Nettel von 1919: Zum um die Ecke fotografieren.

(Foto: Auction Team Breker)

Im 20. Jahrhundert schlug die Stunde der Geheimdienste und Spitzel. Sehr unauffällig zum Beispiel die Linse, die aus der Rückwand eines Herrenhandtäschchens lugt. 18 Aufnahmen konnte man mit dem sowjetischen Spionagemodell F-21 schießen. Aus dem Kamera-Arsenal der DDR-Staatssicherheit, das ursprünglich 1989 eingestampft werden sollte, tauchen laut Hilmar Girhartz gar nicht so selten Stücke wie diese Tasche auf, die sich stilistisch hervorragend in die beige-braun-schwarzen Kleidungskombinationen der Stasi-Agenten gefügt haben dürfte. Eine weinrote Damenhandtasche aus russischer Produktion, bei der sich das Kameraobjektiv geschickt hinter einem als Zierelement getarnten Fensterchen verbirgt, bildet gleichsam das weibliche Gegenstück.

Herrenhandtäschchen mit versteckter Kamera.

(Foto: Auction Team Breker)

Vollends in James-Bond-Gefilden angekommen wähnt man sich, wenn man eine Zigarettenschachtel in die Hand nimmt, die sich als Metallnachbau mit Kiev-Kleinstbildkamera für 16-Millimeter-Film entpuppt. Ausgelöst wurde das noch 1990 entstandene Gerät, indem man am Filter einer Zigarettenattrappe zupfte.

Zigarettenschachtel mit Kiev-Kleinstbildkamera für 16-Millimeter-Film.

(Foto: Auction Team Breker)

Das ungewöhnlichste Stück, das in Köln zum Aufruf kommt, ist eine sogenannte Hut-Kamera. Bisher nur aus Werbung und Patentschriften bekannt, ist diese aus London stammende Melone mit eingebauter Kamera das erste Exemplar, das seit Menschengedenken aufgetaucht ist. "Bequem zu tragen, und stets einsatzbereit" preist eine Werbung aus dem British Journal Almanac den Hut an. Die Firma Adams fertigte ihn zirka zwischen 1892 und 1894; die per Kordelzug bedienbare Kamera der Marke Gaumont stammt allerdings aus Frankreich. Ihre Linse lugt oben aus dem Hut heraus. Wenn man also nicht nur den Himmel knipsen möchte, muss man sie abnehmen und nonchalant vor die Brust halten.

Zum geheimen Fotografieren wäre die charmante Hutkamera heute also ungeeignet. Erstens trägt niemand mehr Melone, und zweitens wird Höflichkeit nicht selten mit Verhaltensauffälligkeit gleichgesetzt - wer lüftet heute schon noch die Kopfbedeckung? Der Detektiv von heute lässt die Mütze auf und greift zur Handykamera. Dennoch hat der linsenbewehrte Hut Seltenheits- und Liebhaberwert; die Gebote sollen bei 7500 Euro starten.