Fotografie Wer knipst, gewinnt

Foto: Christian Tönsmann

Smartphones und Digitalkameras produzieren eine Bilderflut, die schönen Momenten die Aura nehmen - oder? Von wegen. Neue Forschungen zeigen: Fotografieren verstärkt besondere Erlebnisse.

Von Sebastian Herrmann

Bei Konzerten teilt sich das Publikum heute in zwei Fraktionen. Die einen halten ihr Smartphone in die Höhe und fotografieren, bis der Speicherplatz ihres Handys kollabiert. Die anderen stehen daneben, setzen einen genervten Blick auf und ärgern sich: Jetzt halten einem schon wieder die Foto-Lemminge ihre Displays vor die Augen, wo man doch lieber in Ruhe die Band genießen würde. Jarvis Cocker, Sänger der britischen Band Pulp, die Rock-Senioren von den Eagles und andere Musiker haben schon über fotografierende Konzertbesucher geschimpft und geklagt: Wer die Welt nur noch durch ein Display betrachtet, der kriegt irgendwann gar nichts mehr mit und verpasst die besten Momente seines Lebens. Aber ist das wirklich so?

Die Psychologin Kristin Diehl von der University of Southern California hat gerade zusammen mit anderen Forschern eine Studie veröffentlicht, die zeigt: Zu fotografieren mindert ein Erlebnis mitnichten. Vielmehr kann es die Freude an schönen Momenten sogar steigern, wenn man dabei fotografiert. Der Mensch mit der Kamera in der Hand erlebt das Konzert einer Band also noch intensiver - wenn er auch allen anderen ohne Kamera in der Hand dabei auf die Nerven geht.

Ein Foto eines besonderen Moments zu schießen, fokussiert die Aufmerksamkeit auf dieses Erlebnis, sagt die Psychologin Diehl. Das beobachteten die Wissenschaftler in zahlreichen Versuchen, bei denen die Teilnehmer auf Busrundfahrten in Philadelphia unterwegs waren, auf Feinkostmärkten Essen kosteten oder andere Dinge unternahmen: Durften die Probanden dabei Fotos machen, dann genossen sie die Bustour, ihr Essen oder die anderen Erfahrungen noch ein bisschen mehr, weil sie das Fotografieren (nicht aber die Bilder) stärker mit den Erlebnissen verknüpften. Die vielen Billionen Bilder dieser Welt lassen sich also auch als Maßeinheit von Zufriedenheit und Kontemplation lesen: Wenn Fotos schöne Momente noch ein wenig schöner werden lassen können, dann bitte: Hier ist der Auslöser!

Weltweit werden jeden Tag ungefähr 2,7 Milliarden Fotos gemacht

Wie schlimm würde es auch um die Menschheit stehen, wenn das Fotografieren tatsächlich Freude an Erlebnissen mindern würde. Denn es wird ja mehr fotografiert als je zuvor: Im Jahr 2000 posaunte die einst stolze Firma Kodak in die Welt, dass in jenem Jahr weltweit unfassbare 80 Milliarden Fotos gemacht worden waren. Dann aber fegte die digitale Revolution den analogen Film, die Firma Kodak und jegliche Zurückhaltung am Auslöser hinweg. Im Jahr 2010 wurden weltweit etwa 300 Milliarden und 2015 bereits eine Billion Fotos im Jahr aufgenommen. Das sind etwas mehr als 2,7 Milliarden Bilder pro Tag oder 122,5 Millionen Bilder pro Stunde. Etwa 40 000 dieser Fotos werden aktuell pro Minute bei Instagram hochgeladen. Und wie viele Bilder bei Facebook, Flickr, Snapchat oder sonst wo im Internet landen - man will es gar nicht wissen, es schwirrt einem auch so schon der Kopf.

Da drängt sich die Frage auf: Wer sieht sich all diese Bilder an, die aus den Smartphone-Meeren in den Konzerthallen in die sozialen Netzwerke verschoben werden? Die Antwort lautet: fast niemand. "Es geht nicht darum, die Fotos anzusehen", sagt der Kulturwissenschaftler Torsten Scheid, "sondern darum, sie zu machen." Es ist ein Ritual, das sich - lieber Jarvis Cocker, liebe Eagles und ihr lieben anderen meckernden Musiker - auch als Form der Wertschätzung begreifen lässt: Da wird ein Moment gefeiert; es wird fotografiert, weil gerade etwas Besonderes vor sich geht. Das Essen sieht so gut aus, die vergötterte Sängerin steht auf der Bühne. Und ein wenig ist es auch so, als habe das Ereignis nicht stattgefunden, wenn es keine Bilder davon gibt. Eine Hochzeit ohne Fotos? Undenkbar!

Über die Massenhaftigkeit der Bilder und den vermeintlich verstellten Blick auf die Welt wird im Übrigen gejammert, seit es Fotoapparate gibt. "Der Vorwurf, wir würden die Welt nur durch die Kamera wahrnehmen, ist nun wahrlich nicht neu", sagt die Kulturwissenschaftlerin Kerstin Brandes. Schon in den 1920er-Jahren prägte der Soziologe Siegfried Kracauer die Metapher von der Bilderflut. Und dass die Reproduzierbarkeit von Fotos den schönen Dinge die Aura raube und die Welt beschleunige, diese Ideen formulierte Walter Benjamin in den 1930er-Jahren.

Die Muster wiederholen sich, nur die Dimensionen nehmen zu: Früher machten die Menschen zwei Bilder vom Sonnenuntergang am Strand, weil das eben zum Urlaub gehörte. Und heute knipsen Urlauber gleich 200 Fotos vom Sonnenuntergang, ihrem Schwertfisch-Carpaccio im Restaurant und nebenher noch 50 Selfies. Immerhin wird man nicht mehr zu Dia-Abenden eingeladen.

Als Konzertbesucher darf man trotzdem schlimm genervt von all dem Smartphone-Gefuchtel der Bilder-Lemminge sein. Die zwanghaften Fotografen mögen ihr eigenes Erleben verstärken; das der anderen vermiesen sie. Um das zu erkennen, braucht es keine Studie aus der Psychologie und auch keine verstiegene Kulturkritik. Ein wenig Rücksicht und Höflichkeit reichen da vollkommen.