Fotografie Tschüss, Seemann!

George Mendonsa, der auf der weltberühmten Fotografie vom New Yorker Times Square die Zahnarzthelferin Greta Friedman küsst, ist im Alter von 95 Jahren gestorben.

Von Willi Winkler

Kunsthistoriker, Forensiker und Fotolaboranten haben ihn immer wieder untersucht, haben ihn künstlich verjüngt, den Haaransatz verglichen, die Augen, diese kräftigen Hände, auch die Tätowierungen nachgemessen, den Lichteinfall an jenem Tag nicht vergessen, bis sie zu ungefähr 97,275 Prozent sicher sein konnten, dass er es war, der am 14. August 1945 vor aller Augen eine junge Frau küsste: George Mendonsa.

Das Bild des Fotografen Alfred Eisenstaedt wurde weltberühmt. Es erschien ganzseitig im Magazin Life, dann auf Trillionen von Postern, wurde in Filmen nachgestellt und ist doch vor allem ein zeitgeschichtliches Dokument: Amerika feiert den V-J Day, den Tag, an dem nach Deutschland auch Japan kapitulierte.

Am Schauplatz auf dem New Yorker Times Square haben sie die Szene mit einer Plastik dreidimensional nachgeformt, sie leicht herrenwitzartig "Bedingungslose Kapitulation" genannt und doch nicht kaputt gekriegt. Es gibt sogar, schrecklicher Genitiv, einen "Welttag des Kusses", aber es wird kein pinkberauschter Valentinstag je etwas daran ändern, dass sich hier ein Weltaugenblick ereignete, wie es ihn seit der Vertreibung aus dem Paradies kaum mehr gab.

Heftiger, ungestümer, leidenschaftlicher wirken die beiden als die ganze marmorne Erotik Auguste Rodins oder Gustav Klimts vergoldetes Paar, eine einzige Ode an die Freude.

Durch das Foto wurden George Mendonsa und Greta Friedman zu einem mythischen Paar: der heimgekehrte Seemann, der den glücklich gewonnenen Krieg mit einem großen Friedensfest feiert, und die Krankenschwester, bereit, jede Wunde zu heilen, die der Gegner dem Soldaten geschlagen haben konnte. Greta Friedman (da noch mit dem Mädchennamen Zimmer) war zwar keine Krankenschwester, sondern Zahnarzthelferin, doch schien sie ihren Helden zu empfangen wie eine neue Penelope.

Es konnte nicht ausbleiben, dass sich kritische Stimmen erhoben, einen aggressiven Akt sahen, wo Mendonsa offensichtlich nur Freude kannte, sogar von date rape war die Rede. Friedman äußerte sich später zu dem Kuss, den sie nicht als romantisch empfunden hatte. Es sei eher ein Ereignis gewesen im Sinne von "Gottseidank, der Krieg ist vorbei!". Die beiden kannten sich vorher nicht und sie trennten sich auf der Stelle wieder.

Er wusste nicht, dass sie als Kind mit zwei Schwestern aus Österreich geflohen war, dass die Eltern im Holocaust starben. Sie wusste nichts von ihm, wusste nicht, dass er vor und nach der Navy Fischer war, dass seine Eltern aus Portugal eingewandert waren: zwei Glückskinder, die in Amerika die neue Heimat gefunden hatten und jetzt den Sieg über das Böse feierten.

Und wenn er's doch nicht war? Egal, es geht hier um Grundsätzliches, wie Sam in "Casablanca" singt: "A kiss is just a kiss ...", aber was für einer. Am Sonntag ist der ewig junge Matrose George Mendonsa 95-jährig in Middletown in Rhode Island zwar gestorben, aber er lebt weiter in diesem Kuss, den er vor fast 74 Jahren der ganzen Welt gab.

George Mendonsa im Jahr 2009 mit Fotos, die ihn berühmt gemacht haben.

(Foto: Connie Grosch/dpa)

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir den berühmten Kuss zeitlich fälschlicherweise vor 64 Jahren eingeordnet. Das Kriegsende 1945 war jedoch vor 74 Jahren.