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Flugzeugunglück von Madrid:"Sie lassen uns nicht raus!"

Einige Passagiere wollten angeblich den Unglücksjet verlassen, als sie von den Technik-Problemen erfuhren - offenbar ohne Erfolg. Ein Experte zeigt sich im Gespräch mit sueddeutsche.de verwundert.

Die Besatzung des in Madrid abgestürzten Flugzeugs hat offenbar mehreren besorgten Passagieren den Ausstieg verweigert: "Sie lassen uns nicht raus, alles ist geschlossen" - diese Nachricht schrieb Ruben Santana, der bei der Katastrophe ums Leben kam, noch aus dem Unglücksflieger. "Es war seine letzte Nachricht", sagte ein Freund der Familie der Zeitung El País.

Santana hatte seine Frau vom Flieger aus angerufen und ihr von der Verspätung des Spanair-Fluges wegen technischer Probleme berichtet. Sie drängte ihn daraufhin, das Flugzeug zu verlassen.

Laut der Zeitung ABC wurden auch mehreren weiteren Passagieren vor dem verhängnisvollen Start der gewünschte Ausstieg verwehrt. Die Entscheidung darüber trifft in der Regel der Pilot.

Hans-Henning Mühlke, Sprecher des Luftfahrtbundesamtes, sagte sueddeutsche.de: "Der Flugkapitän hat die Entscheidungsbefugnis, ob er den Passagier aussteigen lässt oder nicht. Gut geschulte Kapitäne wären gut beraten, verängstigte Menschen aussteigen zu lassen. Denn es ist schlimmer, wenn ein Passagier während des Fluges in Panik gerät. Es gibt allerdings keine rechtlichen Vorschriften, die den Kapitän dazu zwingen."

Bislang unklar ist, wann die SMS aus dem Flugzeug genau geschickt wurde. Verwundert äußerte sich Mühlke allerdings über die Möglichkeit, dass der Kapitän die Fluggäste während des 1,5-stündigen Checks des Flugzeugs zwischen den beiden Startvorgängen nicht aussteigen ließ.

Luftfahrt-Experte: Angehörige könnten prozessieren

"Im Regelfall gibt es dann noch genügend Möglichkeiten, einen verängstigten Passagier aussteigen zu lassen. Daher wäre die Gesellschaft schlecht beraten, das nicht zu erlauben." Man könne nicht ausschließen, dass Hinterbliebene vor Gericht ziehen: "Wenn die Passagiere aussteigen wollten, würde ich verstehen, wenn Angehörige der Opfer prozessieren", sagt Mühlke.

In Santanas Fall wurde der Ausstieg aus ungeklärten Gründen nicht gewährt. Santana berichtete seinem Sohn zufolge vor dem Unglück auch, der Pilot habe wegen eines Schadens im linken Triebwerk nicht abheben wollen. Die Maschine war nach Angaben von Spanair vor dem Start wegen eines überhitzten Luftschachts unter dem Cockpit zum Gate zurückgekehrt. Diese Panne sei der Fluggesellschaft zufolge behoben worden.

Die Unglücksursache ist unterdessen weiter unklar. Spanische Medien berichten, dass das linke Triebwerk offenbar doch nicht beim Start gebrannt habe. Dies würden Videoaufnahmen der spanischen Flughafenbehörde Aena belegen.

Der 45-jährige Ruben Santana sollte laut El País gar nicht an Bord des Unglücksfliegers sein. Er hatte seine Reise eigentlich für die Nacht von Mittwoch geplant, tauschte allerdings dann den Flug, als er erfahren hatte, dass in dem Flugzeug noch ein Platz frei war.

Er wollte nach Gran Canaria, um seine Mutter und seine Familie zu sehen. In seinem Heimatdorf engagierte er sich für die evangelische Kirche. "Er war ein guter Mensch, geliebt und geschätzt, mit einem beeindruckenden Glauben", sagte ein Freund El País.

Das Flugzeug mit 172 Insassen war am Mittwochnachmittag kurz nach dem Start Richtung Gran Canaria auf dem Flughafen von Madrid abgestürzt und in Flammen aufgegangen. Nur 19 Menschen überlebten.

© sueddeutsche.de/AFP/hai/grc/odg
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