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Flugzeugabsturz bei Teheran:Keine ausreichende Erklärung

  • Beim Absturz einer Boeing 737-800 der Fluggesellschaft Ukraine International Airlines nahe der iranischen Hauptstadt Teheran sind mehr als 170 Menschen gestorben.
  • Die Ursache ist unklar. Von den Behörden hieß es, ein Triebwerk habe Feuer gefangen und die Besatzung dann die Kontrolle über das Flugzeug verloren.
  • Angaben des ukrainischen Außenministers, denen zufolge drei Deutsche unter den Toten sind, dementiert das Auswärtige Amt.

Flug PS752 Teheran-Kiew war auf den ersten Blick eine Routinesache für Kapitän Wladimir Japonenko und seine Crew mit der Boeing 737-800 der ukrainischen Fluggesellschaft Ukraine International Airlines (UIA). Zwar gilt der Teheraner Flughafen als nicht einfach, doch Japonenko war ebenso wie Kopilot Sergej Chomenko sehr erfahren. Chomenko hatte 7 600 Flugstunden vorzuweisen, Kapitän Japonenko gar 11 600, die er fast alle auf Boeing 737-Jets zusammengeflogen hatte.

Der UIA-Führung zufolge hatte sich die Crew in einem Teheraner Hotel ausgeruht; auch mit dem Flugzeug gab es angeblich keine Probleme: UIA hatte die Boeing 737-800 (Registrierungszeichen UR-PSR) erst 2016 neu und direkt von Boeing übernommen. Die letzte Überprüfung der Maschine war gerade zwei Tage her, als Japonenko, acht weitere Besatzungsmitglieder und 167 Passagiere am frühen Mittwochmorgen ins Flugzeug stiegen.

Flugzeugabsturz in Iran

Die Trümmer der Unglücksmaschine

Mit einer Stunde Verspätung hob Flug PS752 um 6.12 Uhr Ortszeit von der Landebahn ab. Die Maschine stieg bis auf 2400 Meter Höhe - und stürzte ab. Einem von der iranischen Staatsagentur Irna zitierten Beamten zufolge hatte ein Triebwerk der Boeing Feuer gefangen und die Besatzung dann die Kontrolle über das Flugzeug verloren. Auch auf einem von Iranern verbreiteten Handy-Amateurvideo, das Flug PS752 zeigen soll, ist kurz vor dem Aufprall Feuer an der Maschine zu sehen. Dann schlägt die Maschine von Kapitän Japonenko um 6.14 Uhr in einem den Nachthimmel erhellenden Feuerball auf. Niemand überlebt.

Ukraines Präsident Wolodimir Selenskij brach einen Staatsbesuch in Oman ab und flog nach Kiew zurück. Die Führung von UIA erklärte auf einer Pressekonferenz auf dem Kiewer Flughafen Boryspol, der Absturz werde gemeinsam mit Experten der ukrainischen und iranischen Flugbehörden und dem Hersteller Boeing untersucht. "Es war eines unserer besten Flugzeuge mit einer tollen, zuverlässigen Besatzung", sagte Direktor Jewgenij Dychne. Alexander Schafijew, der Technische Direktor der Airline, sagte die Maschine sei zuletzt am 6. Januar überprüft worden. Dabei seien keinerlei Mängel festgestellt worden. Auch "von der Besatzung kamen weder beim Hinflug nach Teheran noch vor dem Rückflug irgendwelche Beanstandungen".

Bis die bereits sichergestellten Flugschreiber ausgewertet sind, stehen Flugexperten also vor einem Rätsel: Der abgestürzte Flugzeugtyp ist nicht der Boeing-Unglückstyp 737 Max; die 737-800, die von zahlreichen Fluggesellschaften auf der ganzen Welt eingesetzt wird, ist bislang nicht für Probleme bekannt. Auch ein Triebwerksbrand ist keine ausreichende Erklärung für den Absturz. Die Boeing 737-800 verfügt über zwei Triebwerke. "Das Flugzeug ist, wie alle Maschinen mit zwei Triebwerken, so ausgelegt, dass es auch nach dem Ausfall eines Triebwerkes sicher weiterfliegen und wieder landen oder sogar einen Ausweichflughafen anfliegen kann", sagt Flugkapitän Janis Georg Schmitt, Sprecher der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit, der fünf Jahre Erfahrung auf 737-Jets hat. "Das gilt selbst für den Steigflug, bei dem auch der plötzliche Ausfall eines Triebwerkes nicht dazu führt, dass der gesamte Auftrieb abreißt und die Maschine wie ein Stein vom Himmel fällt. Wenn die Maschine in Teheran schon eine Flughöhe von 2400 Meter erreicht hatte, hätte sie auch nach dem Ausfall eines Triebwerkes eigentlich sicher landen sollen."

Dagegen sagte ein Sprecher des iranischen Verkehrsministeriums, der Pilot habe vergeblich versucht, die brennende Maschine unter Kontrolle zu bekommen. Der ukrainische Außenminister Wadim Prystaiko gab bekannt, unter den Toten seien 82 Iraner, 63 Kanadier, elf Ukrainer, zehn Schweden, vier Afghanen, drei Briten und drei Deutsche. Das Auswärtige Amt in Berlin erklärte jedoch, es habe "derzeit keine Erkenntnisse, nach denen sich deutsche Staatsangehörige unter den Opfern des Flugzeugabsturzes in Iran befinden". Die Fluggesellschaft veröffentlichte im Internet eine Namensliste aller gestorbenen Passagiere.

Ukraine International Airlines ist wegen der günstigen Preise bei vielen Fluggästen beliebt, die über das Drehkreuz Kiew nach Teheran oder in westliche Länder weiterfliegen. Etliche Fluggesellschaften im postsowjetischen Raum haben miserable Sicherheitschroniken. Dies gilt jedoch nicht für UIA, die der Stiftung Fligh Safety Foundation zufolge noch nie einen Absturz verzeichnete. UIA wird von dem umstrittenen Oligarchen Ihor Kolomoiskij kontrolliert, dessen massive Hilfe Präsident Selenskij mit ins Amt brachte.

Offenbar um den Eindruck möglicher Begünstigung zu vermeiden, machte Selenskij die Aufklärung des Absturzes zur Chefsache und wies den Generalstaatsanwalt an, eine Strafermittlung einzuleiten. "Unabhängig von den Schlussfolgerungen zur Ursache der Katastrophe im Iran wird eine Überprüfung der Flugfähigkeit der gesamten zivilen Flugzeugflotte stattfinden", sagte der Präsident. Die Führung der UIA stellte am Mittwoch bis auf Weiteres alle Flüge nach Teheran ein. Andere Airlines reagierten auf die politische Eskalation in der Region und leiteten ihre Flüge so um, dass sie weder iranischen noch irakischen Luftraum berührten.

Wenige Stunden vor dem Absturz von Flug PS752 hatte Irans Militär mehr als 20 Raketen auf den US-Stützpunkt Ain al-Asad westlich von Bagdad und auf die US-Basis Erbil im Nordirak abgeschossen. Die Regierung in Teheran schloss aus, dass eine fehlgegangene Rakete das ukrainische Flugzeug getroffen und den Absturz verursacht haben könnte, auch gebe es keine Hinweise auf Terrorismus.

© SZ vom 09.01.2020/ick/cat
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