Flüchtlingsstrom nach Europa:Exodus auf Ansage

Flüchtlingsströme übers Mittelmeer

Die italienische Marine greift Ende März vor Sizilien dieses Boot auf und rettet 128 Flüchtlinge: Tausende warten im Norden Afrikas auf ihre Überfahrt.

(Foto: AFP)

Hunderttausende Menschen warten in Nordafrika auf die Überfahrt nach Europa. Das Ganze hat sich zu einem zynischen Spiel entwickelt. Italiens Behörden gehen inzwischen menschenwürdiger mit den Bootsflüchtlingen um - die Schmuggler schicken deshalb noch mehr auf die Reise.

Von Andrea Bachstein, Rom

Admiral Giuseppe De Giorgi lässt keine Zweifel: "Die Rettung der Leute bleibt unser wesentliches Ziel." Was der Chef der italienischen Militärmarine am Donnerstag in Rom berichtet von der Flüchtlingswelle über das Mittelmeer besorgniserregend zu nennen, wäre eine grobe Untertreibung. Nichts weniger als "biblisch" nennt der Admiral mit seinen 18 Ordenszeichen auf der blauen Uniformjacke den Exodus, dessen Anfänge dieser Tage zu beobachten sind: Bis zu 600 000 Menschen warten in Libyen auf ihren Moment, mit einem der Menschenhändlerboote Richtung Italien in See zu stechen.

Das geht von Libyen aus leichter denn je. Die Grenzen stehen sperrangelweit offen, es gibt keine innere Ordnung. Auch in Tunesien starten noch Boote, aber die in den vergangenen Jahren wichtigen Routen von Ägypten aus spielen offenbar kaum noch eine Rolle.

Die Menschen, die auf ein besseres Leben in Europa hoffen, kommen aus Schwarzafrika, aus Ägypten, aus Syrien, Frauen, Männer, Kinder, Wirtschaftsmigranten, Kriegsflüchtlinge, politische Flüchtlinge. Um 224 Prozent ist im Vergleich zum Vorjahr ihre Zahl 2013 gestiegen. 43 000 waren es, und in diesem Jahr sind es bereits mehr als 15 000. Dabei beginnt die Zeit, da die Stürme nachlassen, erst jetzt. Allein in den vergangenen Tagen haben Küstenwache und Marine mehr als 4000 Menschen an Bord ihrer Schiffe genommen, und am Donnerstag waren schon wieder mindestens sechs solcher Boote der Verzweifelten gesichtet.

Die Techniken der Menschenhändler haben sich geändert

Nicht nur die Zahlen haben sich geändert, die ganze Situation wandelt sich im Kanal von Sizilien, wo sich schon so viele Tragödien abgespielt haben. Die Chancen, dass die Menschen die Überfahrt in den Seelenverkäufern der Menschenschmuggler überleben, haben sich immerhin verbessert. Die am 18. Oktober letzten Jahres von Italiens Regierung gestartete Operation "Mare Nostrum" zeigt offenbar Wirkung. Es ist ein zynisches Spiel: Die Schmuggler betrachten sie offenkundig als eine Art Einladung. Italiens Marine hat ihre Kräfte verfünffacht. Fast 1000 Mann sind ständig unterwegs für Mare Nostrum: Überwachung per Satellit, Infrarot, Radar; Aufklärungsflugzeuge und Hubschrauber sind in Einsatz, sogar U-Boote.

Ziemlich schwer sei es, die Boote zu identifizieren, erläutert der Admiral, einige wechselten Flaggen und Signale. Aber es gelinge zunehmend, Flüchtlingsboote früh zu orten, manchmal in Hunderten von Meilen Entfernung. Dann fahre man ihnen entgegen. Das ist offenbar nötiger denn je. Denn die Techniken der Menschenhändler haben sich geändert. An Nordafrikas Küsten sind selbst die einfachen hölzernen Fischerboote knapp geworden durch das Menschenschmuggel-Geschäft. Schon diese bunt bemalten Kähne waren selten in seetüchtigem Zustand und wurden immer wieder zu Todesfallen. Aber was jetzt im tückischen Mittelmeer unterwegs ist, taugt eher zum Schippern in einem Baggersee: Große Gummiboote sind es neuerdings.

Die Schlepper gehen gar nicht mehr selbst an Bord

Aus so dünnen Plastikhäuten sind sie, dass sie mit ihrer viel zu großen Last oft nur ein paar Stunden den Wellen standhalten, dann beginnen sie sich aufzulösen. Dass die Retter bald zur Stelle sind, haben die kriminellen Organisatoren bereits in ihr Geschäftsmodell einkalkuliert. Sie sind jetzt meist nicht mehr an Bord solcher Boote, sondern überlassen das Steuer einem der Flüchtlinge. "Kamikaze-Unternehmen" nennt der Admiral das.

Zur Ausrüstung der Boatpeople gehört indes ein Satellitentelefon. Darin ist schon die Nummer der römischen Alarm- und Koordinierungszentrale programmiert, in der die Fäden von Marine, Küstenwache und den Seeeinheiten der Finanzpolizei zusammenlaufen. Kaum sind die Gummiboote in internationalen Gewässern, wird der Notruf abgesetzt. Kommen die Retter in Sichtweite, werfen die "Kapitäne" der Fluchtboote die Telefone ins Wasser. So lässt sich keine Spur zurückverfolgen.

An Land hat "Mare Nostrum" immerhin dazu geführt, dass in den Aufnahmezentren der Flüchtlinge nicht mehr so menschenverachtende Zustände herrschen, wie sie vor allem auf der Insel Lampedusa vorkamen. Die Aufnahme der Schiffbrüchigen findet jetzt immer öfter auf den Marineschiffen statt. Auf denen ist italienische Polizei präsent, die die Menschen identifiziert. Schon an Bord nehmen Beamte die Asylanträge entgegen. Ärzte sind dabei, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Dolmetscher. Die Geretteten werden auf Weisung des Innenministeriums jetzt besser auf die Aufnahmezentren verteilt.

Sogar Fregatten muss Admiral De Giorgi mittlerweile einsetzen, weil die normalen Patrouillenschiffe zu klein sind für die vielen Menschen. Als besonders nützlich erweisen sich Amphibienschiffe, weil sie auch bei hohem Seegang leichter Menschen an Bord nehmen können.

Zwei "Mutterschiffe" konnte die Marine aufbringen

Auch die Menschenschmuggler haben ihr Verhalten geändert: Sie gehen nicht mehr selbst an Bord. Das liegt auch daran, dass schon 66 Skipper von Flüchtlingsbooten festgenommen wurden, einer wurde kürzlich zu 13 Jahren Haft verurteilt.

Auch an Land gab es Erfolge. Die Methode, "Mutterschiffe" zu benutzen, hat die Marine in diesem Jahr nicht mehr beobachtet. Das waren größere Boote, die Flüchtlinge bis zur Hoheitsgrenze brachten. Die wurden dann in Schlauchbooten oder kleinen Ruderkähnen ausgesetzt. Zwei dieser Mutterschiffe hat die Marine aufgebracht, zuletzt im November nach zweitägiger Verfolgung unter Beteiligung eines U-Bootes.

Die Behörden hätten sie schon früher an den Haken nehmen können, aber sie wollten alle Beweise haben. Die Staatsanwaltschaft von Catania war in Echtzeit zugeschaltet, alles wurde abgehört und beobachtet, was auf dem Mutterschiff geschah. Vor allem wurde dokumentiert, wie das Aussetzen der Passagiere vorbereitet wurde - für die Strafverfolger eine Art Hauptgewinn.

Gegen die Ursachen des Exodus über das Mittelmeer kann Italiens Marine-Chef nichts tun, aber er hat offenbar keine Zweifel, wie die Zukunft seiner Truppe aussieht. Weiterhin werde sie natürlich zur Terrorabwehr und zur Bekämpfung von Piraten eingesetzt, erläutert De Giorgi. Aber zunehmend eben auch zu humanitären Einsätzen. Alle neu bestellten Schiffe seien so konzipiert, dass sie große Zahlen Schiffbrüchiger aufnehmen, verköstigen und behandeln können. "Sie werden auf unseren Schiffen empfangen, wie sich das für ein zivilisiertes Land gehört", sagt De Giorgi im Brustton der Überzeugung. Dass das Militär auffangen muss, was die internationale Politik nicht zu lösen vermag, sagt er nicht.

© SZ vom 11.04.2014/sks
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