Flüchtlingsheim in Hamburger Villenviertel:Die Debatte hat die Mitte der Gesellschaft erreicht

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München und Harvestehude sind keine Ausnahmen, sondern die Regel. Fast überall haben es die Behörden erst einmal mit Anwohnern zu tun, die Bedenken vorbringen. Da gibt es von der rechten Szene unterwanderte Demonstrationen wie im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf, einem Stadtteil voller Hochhäuser und nicht eben vermögender Einwohner. "Wir wollen kein - Asylantenheim" skandieren dort die Demonstranten, die sich trotzdem nicht Nazis nennen lassen wollen. Anderswo kommt der Protest leiser daher: "Rettet die Bahlmannwiese" heißt eine Bürgerinitiative in Münster, die sich gegen die Bebauung einer Wiese im Stadtteil Uppenberg ausspricht.

Zwei zufällig ausgewählte Beispiele, die neben dem - wenn auch sehr unterschiedlich ausgeprägten - Protest der Anwohner noch etwas mit Harvestehude gemeinsam haben: Auch hier gibt es Gegeninitiativen, Anwohner, die sich explizit für die Flüchtlinge in ihrer Nachbarschaft aussprechen. In Berlin heißt eine Pro-Flüchtlingsinitiative zum Beispiel "Hellersdorf hilft", in Münster schrieb eine "Offene Interessengemeinschaft Flüchtlingsunterkunft Falgerstraße" einen Brief an den Bürgermeister, in dem sie sich für die Unterkunft ausspricht.

"Wir haben doch eine moralische Verpflichtung, Flüchtlingen zu helfen, auch aus unserer eigenen Geschichte heraus", sagt Hendrikje Blandow-Schlegel in Harvestehude. Zum einen habe Deutschland "selbst viele Fluchtursachen gesetzt". Zum anderen können sich gerade ältere Menschen noch gut an die Flüchtlingsströme nach dem Zweiten Weltkrieg erinnern.

Krakeeler ignorieren, Bedenken ernst nehmen

Blandow-Schlegel selbst ist auch ein Kind von Flüchtlingen. Ihre Mutter floh während des Zweiten Weltkriegs aus Breslau, Mutter und Vater flüchteten in den 50er Jahren aus der DDR - und lernten sich dann in Stuttgart kennen. Sie hat bereits in den 90er Jahren eine Containerdorf-Initiative geleitet. Sie sagt: "Das schlimme an der Debatte nun ist auch, dass es viele laute Krakeeler gab, von einem 'Horrorhaus' war da die Rede. Da gehen die kleinen, leiseren Ängste unter." Und genau die müsse man ernst nehmen. Denn natürlich dürfe man als Anwohner fragen: Wie gehen wir denn mit Konfliktsituationen um? Wie ist es denn tatsächlich mit der Kriminalität in der Nähe von Flüchtlingsheimen?

Die "Flüchtlingshilfe Harvestehude" organisiert nun Veranstaltungen, die sich mit den Fragen und Vorbehalten rund um das Heim beschäftigen. Der nächste billige Supermarkt ist zwei Kilometer entfernt? Sie gründen eine Fahrrad-AG, damit er trotzdem leicht zu erreichen ist. Einen Dolmetscher-Pool organisieren Blandow-Schlegel und die anderen, Deutschunterricht, eine Freizeit-AG und Paten, die die Flüchtlinge bei Behördengängen begleiten. Zwar sind die Flüchtlinge noch gar nicht da, aber die Initiative will vorbereitet sein, Probleme erst gar nicht aufkommen lassen.

"Manchmal bekomme ich E-mails von Menschen, die mir sagen: Toll, endlich merkt man mal, dass hier nicht alle Leute mit der Nase hoch herumlaufen",sagt Blandow-Schlegel. Um einen kapitalismuskritischen Diskurs geht es Blandow-Schlegel aber nicht: "Es ist völlig in Ordnung, dass jemand ein schönes Haus hat. Es geht hier um soziale Verantwortung."

Wie viel Verantwortung hat Deutschland für Flüchtlinge? Diese Frage ist zumindest angekommen. Im Nobelviertel, auf der Münsteraner Wiese und in den Plattenbauten von Marzahn-Hellersdorf. Die Antwort allerdings ist nicht so leicht.

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