Flüchtlingsdrama vor Italien:Was erwartet die Flüchtlinge in Europa?

Lesezeit: 5 min

Vor allem in Griechenland prangern Menschenrechtsorganisationen seit Jahren die Situation von Flüchtlingen an. "An der griechisch-türkischen Grenze finden permanent völkerrechtliche Zurückweisungen statt", berichtet Karl Kopp von der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl. Auch Franziska Vilmar von Amnesty Deutschland kennt die Zustände: "Flüchtlinge, die sich mit dem Boot auf den Weg nach Griechenland machen, werden teilweise von der Küstenwache misshandelt, ihre Boote zerstört und auf dem Meer zurückgelassen", sagt Vilmar. Es gebe willkürliche Inhaftierungen über Monate, außerdem deportiere man die Migranten und Asylbewerber von der Straße weg zurück in die Türkei - obwohl deren Familien in Griechenland leben und sie dort seit mehreren Jahren arbeiten.

Das Problem in Griechenland sei, so Vilmar und Kopp, dass es kein funktionierendes Asylsystem gebe. Die Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Athen, Ketty Kehayioylou, spricht dagegen von einem Durchbruch: "Die Situation der Asylbewerber verändert sich. Seit Juni ist nicht mehr die Polizei für die Anträge zuständig, sondern eine öffentliche Behörde." Dennoch sieht Karl Kopp die Situation nach wie vor skeptisch: "Es funktioniert de facto noch nicht. Es gibt Gesetze, aber die kommen bei den Flüchtlingen schlichtweg noch nicht an." Nach wie vor habe man die Kapazitäten in der Bearbeitung von Asylanträgen nicht erhöht, so Kopp.

"Für die meisten Flüchtlinge gibt es keine staatliche Unterstützung", schildert die UNHCR-Sprecherin die Situation in Griechenland, "außer in wenigen Auffangstationen gibt es keine Unterkunft, keine medizinische Versorgung und kein Essen für sie." Auch in Italien sind viele Flüchtlinge ohne staatliche Hilfe größtenteils auf sich allein gestellt. "Ich kenne authentische Berichte von Menschen, die im Winter in Italien auf U-Bahn-Schächten schlafen, um nicht zu erfrieren", sagt Franziska Vilmar. Und diejenigen, die sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten wollen, werden nach einem Amnesty-Bericht vom Dezember 2012 oftmals ausgebeutet oder überhaupt nicht bezahlt.

Wohin gehen die Flüchtlinge danach?

Aufgrund solcher Schwierigkeiten und der ökonomischen Lage wollen viele Flüchtlinge nicht in den Ankunftsländern bleiben. Laut Frontex ist vor allem Nordeuropa und insbesondere Schweden bei den Einwanderern beliebt. Im Jahr 2012 seien in den fünf nordeuropäischen Staaten 62.900 Asylanfragen gestellt worden, 70 Prozent davon entfielen auf Schweden.

Welche legalen Möglichkeiten zur Weiterreise haben die Menschen?

"Wir haben die Erfahrung gemacht, dass nur wenige Menschen hier bleiben möchten. Aber sie fühlen sich gefangen, da es keinen legalen Weg gibt, in andere Länder zu gehen", sagt Ketty Kehayioylou vom UN-Flüchtlingshilfswerk. Zwar hätten einige wenige, schildert Karl Kopp von der Asylvereinigung Pro Asyl, auf dem Papier Möglichkeiten - doch diese Fälle seien in der Praxis kaum umsetzbar. So haben etwa Minderjährige einen Rechtsanspruch, zu ihrer Familie zu kommen, wenn diese bereits in der EU lebt. Wer eine Anerkennung als Flüchtling oder auf einen besonderen humanitären Status erhält, darf danach für drei Monate innerhalb des Schengenraums reisen wie ein Tourist. Nach dem Ablauf der Frist muss er jedoch offiziell zurück in das Land, in dem er als Flüchtling registriert wurde. "Es war nie wirklich schön und einfach im Asylbereich", sagt Karl Kopp, "aber dass so viele auf der Flucht traumatisierte Menschen auftauchen, ist eine Steigerungsform der letzten Jahre."

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB