SZ-Rubrik "Ein Anruf bei":"Da geht noch viel mehr!"

Lesezeit: 3 min

Florian Neuschwandner

"Man braucht extrem viel Geduld und Erfahrung, um solche Strecken zu meistern": Florian Neuschwander.

(Foto: Garmin)

Weltrekord: Noch nie ist jemand 100 Kilometer auf einem Laufband so schnell gelaufen wie Florian Neuschwander am vergangenen Wochenende. Wie hält man das durch?

Von Max Sprick

Eigentlich beeindrucken Florian Neuschwander weite Strecken nicht mehr sonderlich. Seit seiner Jugendzeit rennt er erfolgreich Halb- und Marathons, gewinnt Ultra-Trails und motiviert auf Instagram mehr als 80 000 Follower zum "Ballern", wie er das Laufen nennt. Inzwischen kann der 39-Jährige von seinem Sport leben. Am vergangenen Wochenende stellte der gebürtige Saarländer in einer Turnhalle im bayerischen Traunstein nun einen neuen Weltrekord auf - über 100 Kilometer auf einem Laufband.

SZ: Guten Tag, Herr Neuschwandner ...

Florian Neuschwandner: Sorry, ich habe gerade noch ein paar Nüsschen im Mund (kaut).

Was gab's denn zur Feier des Tages nach Ihrem Weltrekord?

Zwei vegane Pizzen, zwei Bier, ein Glas Sekt, Erdnussflips und Nüsschen.

Sie klingen, als gehe es Ihnen schon wieder ganz gut?

Sogar sehr gut! Eigentlich würde ich heute gerne wieder laufen gehen, aber ich habe leider zu viel Arbeit auf meinem Schreibtisch.

Sie sind in 6:26 Stunden 100 Kilometer auf dem Laufband gelaufen, so schnell, wie noch nie jemand vor Ihnen.

Und insgesamt war es die zweitschnellste Zeit, die je ein Deutscher über diese Distanz gerannt ist. Auf der Straße war schon einmal einer schneller, auf den fehlen mir noch eineinhalb Minuten.

Der zweifache Triathlon-Hawaii-Sieger Patrick Lange kommentierte Ihren Lauf: "Verdammt, wie macht der Kerl das? Inspirierend". Wundert Sie das?

Ich sag's mal so: Für mich ist das eigentlich ganz einfach zu erklären. Ich wohne im schönen Inzell, direkt am Berg. Hier liegt momentan so viel Schnee, da kann ich nicht draußen trainieren. Ich laufe gerne lange Distanzen und auch gerne schnell - aber hier gibt's gerade keine flache Strecke, wo ich entsprechend ballern könnte. Also musste ich aufs Band ausweichen.

Läuft es sich auf dem Band leichter als draußen?

Schwierig zu sagen. Draußen muss alles passen für eine Rekordleistung: Wetter, Streckenprofil und Konkurrenten, die mit einem laufen. Ist zum Beispiel der Gegenwind zu stark, hat man keine Chance auf Rekorde. Auf dem Band herrschen die immer gleichen Bedingungen - dafür hat man weniger Abwechslung und keine frische Luft.

Sind Sie je zuvor so weit gelaufen?

Einmal, 2015 bei der Straßenlauf-Weltmeisterschaft über 100 Kilometer in den Niederlanden. Da bin ich mit 6:49 Stunden Neunter geworden. Ich hatte aber auch ein paar Probleme, musste unter anderem fünf oder sechs Mal stoppen, um eine Toilettenpause einzulegen. Dass ich mir das auch sparen kann, wusste ich also jetzt schon mal.

Wie ...?

... na ja ich habe mir ausgerechnet, wie viel Zeit ich verlieren würde. Ich hätte etwa 20 Sekunden durch die Halle zur Toilette rennen müssen, dann zurück aufs Band - ich hätte also jedes Mal 1:30 Min verloren.

Das war keine Option?

Zwei Mal war ich kurz davor. Aber ich habe mir dann gesagt: 'Komm, noch fünf Kilometer, dann gehst du!' Dann habe ich's immer weiter rausgezögert und schließlich überwunden.

Viele Langstreckenläufer sagen, der Körper sei nicht das Problem bei solchen Strecken, eher der Kopf. Wie steht man so ein Projekt mental durch?

Ich hatte vor mir drei Bildschirme, da habe ich mich als Avatar in einer virtuellen Laufumgebung auf Zwift, einem Online-Rennsimulator für Radler und Läufer, rennen sehen und super viele Nachrichten und Video-Botschaften über die Social Wall von Garmin bekommen. Das hat extrem motiviert, dadurch habe ich die ersten 60 Kilometer abgespult wie im Training. Dass ich die locker schaffe, wusste ich. Was danach kam, war spannend. Also habe ich mich hauptsächlich auf die letzten 40 Kilometer fokussiert, der härteste Teil war zwischen 70 und 85 Kilometern.

Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Da habe ich schon gedacht: Ganz schön zäh, dauert ganz schön lang, das alles. Aber das hat die Community gemerkt, dann kamen viele Videos, die mich enorm gepusht haben.

Während der Corona-Zeit haben viele Menschen das Laufen für sich entdeckt. Könnte Ihnen jeder nacheifern?

Das würde ich nicht empfehlen. Man braucht extrem viel Geduld und Erfahrung, um solche Strecken zu meistern. Man darf auf keinen Fall zu schnell starten und von Anfang an zu viel wollen, sondern muss langsam anfangen, Pausen einplanen und sich ransteigern von den Strecken her. Man muss auch nicht so weit laufen wie ich - ein schöner Lauf über 10 Kilometer ist doch auch was Herrliches!

Sind Sie nach Ihrem Weltrekord etwa satt?

Also, am Tag danach war ich extrem müde und habe auch meine Oberschenkel gespürt. Aber heute sage ich: Da geht noch viel mehr! Mir schwirrt schon lange ein besonderes Projekt im Kopf herum.

Verraten Sie es?

Ich will einen Tag komplett durchrennen. Nicht auf Vollgas, sondern einfach zur Haustüre raus, loslaufen und schauen, wo ich nach 24 Stunden ankomme.

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