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Ein Anruf bei ...:Allison Knight, die vor einer Viagra-Flechte warnt

Eine 69-jährige Botanikerin in Neuseeland wollte eine interessante Vorlesung über Flechten halten. Seitdem geistert ein Begriff durchs Netz.

Die neuseeländische Botanikerin Allison Knight

Sehen Sie das grüne Zeug, auf das Allison Knight? Das sind Flechten.

(Foto: privat)

Bis vor wenigen Tagen noch erschienen Flechten als eher ungeeignetes Thema, um im Netz "viral" zu gehen. Viral bezeichnet ja inzwischen auch: "durch Kontakte in den Social Media schnell weite Verbreitung im Internet findend" (Duden). Doch genau das geschah mit "Xanthoparmelia scabrosa", einer Flechtenart typisch für Neuseeland und jetzt wohl bis in alle Zeiten mit dem Namen Allison Knight, 69, verbunden, Botanikerin an der Universität von Otago.

SZ: Frau Doktor Knight, Ihr Spezialgebiet sind Flechten. Wie erklären Sie sich Ihren derzeitigen Internetruhm?

Allison Knight: Ich bin eigentlich im Herbarium verabredet, aber wenn Sie sich schon die Mühe machen, anzurufen: Ich habe vor dieser Viagra-Flechte gewarnt.

Viagra-Flechte?

Mir ist aufgefallen, dass überall im Internet Mittelchen mit Xanthoparmelia scabrosa verkauft werden, dazu die Behauptung, das Ganze würde wie Viagra wirken.

Xanthoparmelia scabrosa? Viagra? Keine gute Idee?

Schauen Sie, Xanthoparmelia scabrosa ist eine grün-gelbe Flechte, die man in Neuseeland überall auf der Straße findet. Und ja, diese Flechte enthält Substanzen, die der chemischen Verbindung von Viagra ähnelt. Aber diese Flechte enthält auch jede Menge giftige Substanzen, Blei, Kupfer und Zink zum Beispiel.

Das ist "Xanthoparmelia scabrosa" - inzwischen besser bekannt als "sexy Pflaster-Flechte".

(Foto: privat)

Nur damit wir das richtig verstehen: Menschen in Neuseeland essen Flechten, die giftig sind, in der Hoffnung auf potenzsteigernde Wirkung?

Zumindest wird Xanthoparmelia scabrosa auf allen möglichen Plattformen als natürliches Viagra angeboten. Flechten-Viagra sozusagen, von dem ich - wie gesagt - schwer abraten würde. Aber das Ganze ist auch ein größeres Missverständnis.

Missverständnis?

Ich habe den Fehler gemacht, Xanthoparmelia scabrosa einen Spitznamen zu geben. In einer Vorlesung über Xanthoparmelia scabrosa habe ich davor gewarnt, den Bürgersteig abzulecken. Und ich habe von "sexy Pflaster-Flechte" gesprochen.

Sexy Pflaster-Flechte?

Wissen Sie, ich bin eine Spezialistin für Flechten, ich liebe Flechten, ich könnte Sie jetzt stundenlang über Flechten zutexten. Aber die meisten Menschen empfinden leider nicht so wie ich. Die meisten Zuhörer finden Flechten ziemlich langweilig. Man muss das Publikum ja auch unterhalten. Also habe ich im Netz recherchiert, was es sonst noch so über Xanthoparmelia scabrosa zu sagen gibt...

...und sind dabei auf die Pseudo-Viagra-Flechten-Mittelchen gestoßen.

Genau. Und jetzt steht mein Telefon nicht mehr still.

Klar, jeder will etwas über die sexy Pflaster-Flechte wissen.

Ich hoffe wirklich, dass Sie der Letzte sind. Aber ich habe auch ein paar Mails von Kollegen bekommen. Sie schreiben: Gratulation, Allison, die Leute unterhalten sich über Flechten, wie verrückt ist das denn?!

Wir hören da eine gewisse Genugtuung bei Ihnen heraus.

Jeder halbwegs vernünftige Mensch kann eine Rose von einer Gerbera unterscheiden. Aber wer kann schon Xanthoparmelia scabrosa und Parmelina labrosa auseinanderhalten? Wer weiß schon, dass Flechten mehr als 1000 verschiedene chemische Substanzen produzieren, sich so gut wie jeder Umgebung anpassen, auf Gehwegen und Straßen wachsen, aber auch auf Glas, Gummi oder Metall?

Enorm.

Es gibt sogar Flechten, die in luftleeren Räumen und sogar im Weltraum für eine gewisse Zeit überleben. Wussten Sie, dass wir alleine in Neuseeland 2000 verschiedene Flechtenarten haben?

Können Sie sich an Ihre erste Flechten-Begegnung erinnern?

Selbstverständlich. Ich war acht oder neun Jahre alt und mit meinem Vater im Awarua-Sumpf auf der Südinsel von Neuseeland auf Entenjagd. Wir waren gerade dabei, mit Ästen und Stöcken seinen Tarnstand zu bauen. Und plötzlich sehe ich vor mir eine wunderschöne Korallenflechte. Wenig später begegnete mir an einer Straße dann zum ersten Mal im Leben auch eine Echte Becherflechte, ein wirklich magischer Moment.

Und seitdem wollten Sie Botanikerin werden, mit dem Forschungsschwerpunkt: Flechten.

Leider nein, ich habe mein halbes Leben in der medizinischen Forschung vertrödelt, bis ich Mitte 40 war. Gott sei Dank fiel mir plötzlich ein Buch über Flechten in die Hände. Aber da war nur Text, Hunderte Seiten über Flechten ohne eine einzige Abbildung. Und da sagte ich mir: Allison, kümmere dich um Illustrationen und Bilder. Mach, dass die Neuseeländer ihre Flechten kennenlernen.

Was Sie mit Ihrer sexy Pflaster-Flechte definitiv geschafft haben. Gilt auch bei Flechten: Sex sells?

Kann man wohl sagen. Aber ich bereue die "sexy Pflaster-Flechte" kein bisschen. Hauptsache, die Leute sind jetzt angefixt.

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