Sportliche Müllabfuhr Jogger und Sammler

Beugen, aufsammeln, strecken, weiterjoggen: Plogging nennt sich die neue Sportart aus Schweden, die sich nun in Berlin großer Beliebtheit erfreut. Renato Losio organisiert die Mischung aus Joggen und Müllentsorgung.

(Foto: Verena Mayer)

Berlin ist die Hauptstadt der Vermüllung. Und kein Konzept dagegen greift. Jetzt haben ein paar Läufer angefangen, auf ihren Runden Müllsäcke mitzunehmen - sie "ploggen". Nur: Kommt man so voran?

Von Verena Mayer

Eine Laufgruppe in Berlin. Vier Männer, eine Frau, sie wollen an diesem Nachmittag fünf Kilometer schaffen. Doch erst einmal schnappt sich jeder eine grüne Mülltüte, Plastikhandschuhe werden verteilt. Dann rennen sie los. In unterschiedliche Richtungen. Joggen ein Stück, bücken sich, heben auf, was am Boden liegt, Pappbecher, zerfledderte Zeitungen, Glasscherben, Plastikflaschen, Kronenkorken, gebrauchte Windeln. Packen es in ihre Müllsäcke. Und weiter.

"Plogging" nennt sich diese Mischung aus Sport und Müllentsorgung. Der Begriff kommt aus dem Schwedischen und setzt sich zusammen aus den Wörtern Jogging und "plocka", was so viel wie Sammeln bedeutet. Fitness-Websites zufolge ist das international angeblich das nächste große Ding, Instagram quillt bereits über von Fotos von Leuten, die mit einer Mülltüte durch die Gegend rennen oder vor selbst gesammelten Abfallhaufen posieren.

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In einer Welt, in der sich alles um Sportlichkeit und Selbstoptimierung dreht, war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis selbst Müllwegtragen zum Fitness-Trend wird.

Andererseits: Warum auch nicht?

Berlin, Volkspark Friedrichshain. Es ist eines der ersten warmen Frühlingswochenenden in der weitläufigen Anlage im Osten der Stadt. Auf den Wiesen werden Kindergeburtstage oder Spontanpartys gefeiert, man hört laute Musik, der süßliche Geruch von Shisha-Pfeifen liegt in der Luft. Und da ist Müll, "je länger man guckt, desto mehr sieht man", sagt Renato Losio. Er ist ein drahtiger Mann in Sportklamotten, 43, Software-Entwickler aus Italien, den es, wie so viele, irgendwann in die Hauptstadt gezogen hat. Er läuft normalerweise Marathon, auf das Ploggen ist er erst in Berlin gekommen. Er liebe die Stadt, sagt Losio und breitet die Arme aus, als wolle er den gesamten Volkspark umarmen. "Aber warum liegt hier so viel Müll?"

Das ist die Frage, die sich viele in der Hauptstadt stellen. Berlin ist die Stadt, in der man sich innerhalb von Minuten mit mehreren Röhrenfernsehern, alten Couchtischen oder durchgesessenen Sofas eindecken könnte, weil die Dinge einfach auf der Straße herumstehen.

Die Berliner Stadtreinigung BSR hat zwar viele orangefarbene Fahrzeuge, auf denen lustige Wörter wie "Räumschiff" oder "Leerkraft" stehen. Aber mit dem Müll kommt auch sie nicht hinterher: Jedes Jahr fallen in Berlin allein 25 000 Kubikmeter Sperrmüll an. Firmen laden einfach ihren Bauschutt irgendwo ab, um Entsorgungskosten zu sparen, vor einer Kita wurden schon Asbest und Ölkanister gefunden. Viele Leute haben zudem kein Auto, um den Sperrmüll zu den eigentlich kostenlosen Recyclingstellen zu bringen.

Verschärft wird das Phänomen durch Hunderttausende Partytouristen, die in Berlin unterwegs sind. Und, klar, durch die knirschende Berliner Verwaltung. So ist für die Parks nicht die BSR zuständig, sondern die ohnehin schon überforderten Bezirke müssen sich darum kümmern. Auch Sperrmüll muss erst von den Ordnungsämtern gemeldet werden, bis er irgendwann abgeholt wird, und die sind seit Jahren chronisch überlastet. Die einzelnen Viertel werden zudem unterschiedlich häufig gereinigt, von den Hinterlassenschaften der 90 000 Berliner Hunde ganz zu schweigen. Leider wahr: Berlin ist die Hauptstadt der Vermüllung.

Inzwischen gibt es die unterschiedlichsten politischen Ideen, um mit dem Müll fertig zu werden. Die einen wollen die Leute in den Kiezen zu mehr Verantwortung erziehen, die anderen machen sich für Kameras oder Kontrolltrupps der Ordnungsämter stark. In Neukölln, einem der am stärksten betroffenen Bezirke, werden seit einiger Zeit private Sicherheitsdienste eingesetzt, um Müllsündern aufzulauern.

Großen Erfolg hatte bislang noch kein Konzept. Das Zeug steht noch immer auf den Straßen und wird höchstens von einem Blog wie "Notes of Berlin" wahrgenommen, das regelmäßig Fotos des originellsten Gerümpels postet. Das rote Bettsofa etwa, auf das jemand in riesigen Buchstaben schmierte: "Will keiner haben, kannste wieder hochtragen, du Clown."

Und so sind es in Berlin vor allem Privatleute, die sich darum kümmern, dass die Stadt sauber bleibt, die Zivilgesellschaft muss einspringen, weil die Behörden nicht weiterkommen.

Berliner Eltern treffen sich, um Spielplätze von Bierflaschen und Spritzen zu befreien, Nachbarschaftsinitiativen durchkämmen Parks und klauben den Müll von den Wiesen. Und jetzt sind auch die Plogger unterwegs. Die Laufgruppe im Volkspark Friedrichshain wirkt allerdings noch nicht besonders ausgepowert, was auch daran liegt, dass sie erst 400 Meter gejoggt ist. Es liegt einfach zu viel herum, Pappteller, Lebensmittelverpackungen, einzelne Socken, Deckel, eine zerrissene Jacke, ein ganzes Brett.

Eine Australierin sagt, in ihrer Heimat sei es üblich, beim Wandern oder Joggen immer Müllbeutel dabeizuhaben, "aber das hier ist ein Schock". Sie ploggt trotzdem weiter, zusammen mit einem Engländer und einem Franzosen, es sind interessanterweise viele Zugezogene, die den Berlinern den Dreck hinterherräumen. Irgendwann ist die Rolle mit den Müllbeuteln aufgebraucht, und die Gruppe beschließt, nächstes Mal lieber im entlegenen Grunewald zu ploggen. Da kommt man vielleicht auch mal zum Laufen.

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