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Feuertod in Dessau:Rätselhaftes Feuerzeug

Im Radio hören sie, was angeblich in der Nacht passiert ist: Ihr Freund soll auf der Straße Frauen belästigt haben. Herbeigerufene Polizisten sperrten ihn in eine Gefängniszelle, an Händen und Füßen gefesselt. In der Zelle soll er die Matratze, auf der er lag, angezündet haben. Es ist Mouctar Bah, der Jallohs Vater die schreckliche Nachricht überbringt. Das mit den Fesseln erzählt er nicht. "Ich hatte nicht die Kraft dazu."

Auch wegen Jallohs Familie beschließt Mouctar Bah, die genauen Umstände des Todes von Oury Jalloh aufzuklären. Mitstreiter findet er zunächst in den Stammkunden seines Telecafés. Hier versammeln sie sich nach der Trauerfeier im März 2005. Wer mitmachen will, hebt die Hand. Es ist die Geburtsstunde der Initiative. Mit Spenden finanzieren sie zunächst eine zweite Obduktion der Leiche. Das Ergebnis: Jallohs Nase war gebrochen, das Trommelfell geplatzt. Wie ist das passiert? Und warum steht davon nichts im Obduktionsbericht der Rechtsmedizin?

Wie kam das Feuerzeug in die Zelle?

Hinzu kommt die fragwürdige Beweislage. Erst Tage nach dem Tod von Oury Jalloh tauchten Reste eines Feuerzeugs auf, mit dem sich der Asylbewerber angezündet haben soll. Allerdings konnten an dem Feuerzeug weder DNA-Spuren nachgewiesen werden noch Gewebereste von Jallohs Kleidung oder der Matratze, auf der er lag. Stattdessen fanden sich daran andere Polyesterfastern, Tierhaare sowie DNA unbekannter Herkunft. Mouctar Bah ist überzeugt, dass sich das Feuerzeug nicht in der Zelle befand als Jalloh starb. Hat es jemand nachträglich dort platziert?

Als die Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau im Mai 2005 Anklage gegen zwei Polizeibeamte erhebt, besteht für sie an der Theorie, Jalloh habe sich selbst angezündet, kein Zweifel. Im Gerichtsverfahren geht es nicht um die Umstände, unter denen Oury Jalloh zu Tode kam. Lediglich das Fehlverhalten der Polizisten spielt eine Rolle (mehr dazu hier). Doch die Beteiligten belasten sich nicht gegenseitig, eine Beamtin zieht ihre Aussage zurück.

Die Initiative beauftragt einen Brandgutachter

2008 spricht der Richter die Polizisten frei. Aus Mangel an Beweisen. Den Zeugen wirft er vor, gelogen und eine "Aufklärung verunmöglicht zu haben". Am Ende seiner mündlichen Urteilsbegründung wählt er ungewöhnlich harte Worte: "Ich habe keinen Bock, zu diesem Scheiß noch irgendwas zu sagen." (die Protokolle der einzelnen Verhandlungstage finden Sie hier). In einem zweiten Verfahren wird der Dienstgruppenleiter 2012 wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilt. Der Bundesgerichtshof bestätigt das Urteil. Oury Jalloh starb an einem Hitzeschock, verursacht durch ein Feuer, das er selbst legte und auf das die Polizisten zu spät reagierten - das ist die offizielle Version der Geschichte. Die Justiz legt den Fall zu den Akten.

Doch Mouctar Bah und die Aktivisten der Initiative machen weiter. Das Unterstützernetzwerk zieht sich mittlerweile durch ganz Deutschland. Mit Spenden bezahlen sie nicht nur die Anwälte, sie übernehmen selbst die Arbeit von Ermittlern. Sie tun etwas, das bisher weder die Polizei noch die Justiz in Erwägung gezogen haben. Sie beauftragen einen Brandgutachter, Versuche zu unternehmen. Mouctar Bah ist selbst dabei. Er legt sich auf eine Matratze, die der in der Zelle ähnlich ist, versucht die Füllung herauszupuhlen und in Brand zu setzen. So wie es sein Freund Jalloh getan haben soll. Bah trägt keine Handschellen, braucht aber trotzdem 20 Minuten. Für ihn ein Beweis dafür, wie schwierig es ist unter diesen Umständen ein Feuer zu legen.

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