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Fernsehen:Bluten für die Schönheit

Katrin K., Lkw-Fahrerin, ließ sich dabei filmen, wie sie in Tschechien ihre Brüste von Cup C auf Cup DD auffüllen ließ. Die Chirurgin hatte Mühe, die Silikonkissen - mittlere Couchgröße - in die Patientin hineinzustopfen. Für sie persönlich sei das ja zu viel, sagte die Ärztin. Katrin K., eine gesunde Frau von 23 Jahren, war nach dem Eingriff sichtlich übel. Die Last der zwei mal 525-Millimeter-Implantate drückte auf ihre Lungen.

"Mit Verlaub, die sind schön gewachsen, warum machen Sie das?", hatten die besorgten RTL-2-Reporter vorher gefragt. "Warum nicht?", sagte Katrin. "Was Neues, Klamottenkaufen ist langweilig."

XXL-Brüste kaufen wie im Warenhaus? Bitte neue Nase nach Schnittmuster Nicole Kidman? Dazu straffe Oberschenkel à la Demi Moore? Die Aufregung über den neuen TV-Trend ist groß. Die Deutsche Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie fordert, den TV-Arbeitern die Approbation zu entziehen.

Und die Kollegen von der Vereinigung Deutscher Ästhetisch-Plastischer Chirurgen finden es "geschmacklos", dass manche Ärzte sich sogar ins TV einkauften; es sollen Summen zwischen 8000 und 10.000 Euro gezahlt worden sein. Als "pervers" bezeichnet der ZDF-Fernsehratsvorsitzende Ruprecht Polenz, CDU, die aus den USA importierten OP-Shows.

I want a famous face ist so eine Import-Sendung. Der deutsche MTV-Ableger zeigt die Starschnitt-Show gerade in der Wiederholungsschleife - und hat handfesten Krach unter Jugendmedienschützern verursacht.

Die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF), eine Einrichtung der Privatsender, hatte das Format als unbedenklich bewertet. Die Wächter der staatlichen Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) sehen das anders: Iwant a famous face schaffe falsche Vorbilder. Zum ersten Mal widersprechen sich die beiden Insitutionen.

Deshalb darf jetzt zum Beispiel die Episode, in der sich die Zwillinge Matt und Mike das Kinn aufpolstern und die Wangenknochen abraspeln lassen, erst nach 23 Uhr laufen. Die beiden 21-Jährigen wollen aussehen wie Brad Pitt. Dass ein dermatologisches Gesichtswasser auch Wunder bewirken kann, hat den pickeligen Jungs keiner gesagt.

Was ist erlaubt? Die Sender sind verunsichert. RTL2 zog eine Big Brother-Folge mit OP-Beratung aus dem Verkehr. AberFSF-Chef Joachim von Gottberg findet, man müsse eher fragen, welches Schönheitsideal Werbung und Medien generell transportierten. Ein "allgemeines Thematisierungsverbot" lehnt er ab. Die FSF greift auf einen Kriterienkatalog zurück. Über die MTV-Sendung sagt Gottberg: "Man sieht genau: Das tut weh". Er spricht von "klarer Antiwerbung für Schönheits-OPs".

RTL2 preist seinen Zehnteiler Schönheit um jeden Preis als Format, "das nach journalistischen Gesichtspunkten das Für und Wider von Schönheitseingriffen zeigt". In der Tat verblüfft der auf Sensation gepolte Sender mit Nüchternheit zum Thema. Dass Katrin K. im Dessous-Laden frustriert in die Kamera schaut, weil es keine passende Wäsche für ihren Atombusen gibt, sagt genug.

Die KJM kriegt aber sicher bald wieder Arbeit mit den Schnipplern. Das Pro-Sieben-Projekt The Swan will im Herbst 16 Kandidatinnen vom Entlein zum Schwan formen. Wer ist die Schönste im ganzen Land? Das sollen am Ende die Zuschauer entscheiden. Märchenhaftes verspricht auch die Konkurrenz: Alles ist möglich heißt die RTL-Langzeitdoku, die Menschen vom "enormen, nachweislichen Leidensdruck" erlösen will.

Den Stoff, aus dem die Schönheit ist, haben manche längst ins Drehbuch eingebaut. Zum Beispiel die Fernsehserie Nip/Tuck ("Zwicken, Stecken"), die der Abokanal Premiere in Amerika eingekauft hat und von 5.September an zeigt. Zwei Schönheitschirurgen aus Miami haben es unter anderem mit den verdächtig prallen Brüsten einer Drogenschmugglerin zu tun - angeblich ein authentischer Fall.

"Süffisant-ironisch" will sich dagegen RTL dem Thema "Schönheit, Sex und Skalpell" widmen: Die Krankenhaus-Serie Beauty Queen ist für Ende September angekündigt, und die Dialoge sind irre gut. Es geht um zwei Brüder, beide Chirurgen, beide ehrgeizig. Gar nicht einfach. Aber irgendwie einigt man sich: "Ich schneide, du brichst."