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Muttertag:Seien wir ohne Anlass aufmerksam

Die Mutterrolle hat sich wie das Frauenbild in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt, der Muttertag aber ist geblieben - eine Aufnahme aus den Sechzigerjahren.

(Foto: Marz/Interfoto)

Wenn wir das ganze Jahr über mehr Zeit mir unseren Müttern verbringen, kann selbst der Muttertag zum Freudenfest werden - statt zu einem Bußgang.

An diesem Wochenende werden sich wieder Millionen Kinder zu Millionen Müttern aufmachen, um sich gewissermaßen für ihre Existenz zu bedanken. Geburtstage und Jubiläen kann man vergessen, am Muttertag aber kommt niemand vorbei. Seit Tagen wird man bombardiert mit Geschenkideen und Blumenstraußvorschlägen. Im Fernsehen, auf Internetportalen, auf Plakatwänden, in den Supermärkten. Wie Weihnachten - nur mit mehr Sozialdruck. Man müsste absichtlich wegsehen und weghören. Doch wer will schon als Rabentochter oder Rabensohn gelten?

Wer bereits in den vergangenen Jahren leicht genervt viele Kilometer im Zug, im Auto oder im Flugzeug hinter sich gebracht hat, um bei seiner Mutter auf Kuchen und Konfekt vorbeizuschauen, sollte daran denken: Je größer der Druck und je schlechter das Gewissen, umso mehr läuft schief an den restlichen 364 Tagen. Denn eigentlich ist es eine schöne Idee, Zeit mit der Mutter zu verbringen, solange das noch geht. Ohne sie wäre ja alles nichts. Die Frage ist, ob es genau an diesem Tag sein muss. Und nur an diesem Tag.

Die Ideengeberin: Anna Marie Jarvis

Der Muttertag - eine US-Erfindung wie Halloween - war ursprünglich nicht dazu gedacht, die Frau in ihrer traditionellsten Rolle zu feiern. Er war auch keine Geschäftsidee der Blumenhändler und Kuchenbäcker. Und schon gar nicht ein Einfall der Nationalsozialisten, die ihre Mutterkreuz-Ideale in die deutsche Gesellschaft trugen, weil sie möglichst viele Soldaten zum Verheizen brauchten.

Die Amerikanerin Anna Marie Jarvis wollte 1908 ihre eigene Mutter ehren, die ihr Leben der Wohltätigkeit gewidmet hatte. Und sie setzte sich später, als der Tag schon kommerzialisiert war, erfolglos dafür ein, ihn wieder abzuschaffen - weil er mit dem Gedenken an den Einsatz ihrer Mutter nichts mehr zu tun hatte. Mittlerweile ist der Muttertag eine große Verkaufsmasche und Feier der Erzeugerin als solcher - merci, dass es dich gibt.

Der Tag kann dem einen oder anderen Leistungsträger natürlich auch ein Warnschild auf der Überholspur sein, ein Hinweis, dass es da noch diese eine Person gibt, ohne die das Leben wirklich nicht denkbar wäre. Auch wenn man gerne glauben möchte, man hätte sich selbst zu dem gemacht, was man ist.

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Ein trister Tag, wenn er zu bedeutsam wird

So oder so ist der Tag wichtig, wenn er aber zu bedeutend wird, ist er auch ein wenig trist. In den Pflegeheimen wird am Sonntag ungewohnte Betriebsamkeit einsetzen, Enkel rennen durch die Flure, Pfleger holen verstaubte Blumenvasen aus den Spinden. In den Familienhaushalten verwüsten Kinder und Väter die Küchen, weil sie die Zubereitung des Frühstücks übernehmen. Wenn das Wetter an diesem Wochenende hält, was es verspricht, wird man in der Nachmittagssonne Mütter bei Kaffee und Kuchen sitzen sehen, die ihren bereits angegrauten Söhnen etwas Sahne aus dem Mundwinkel wischen - im besten Fall, ohne die Serviette vorher mit Speichel zu benetzen.

Kinder sind irgendwann erwachsen, aber egal, wie alt sie werden - solange ihre Mutter noch da ist, geht sie im stets gleichen Abstand vor ihnen durch das Leben. Und so bleibt die eigene Mutter irgendwie lebenslang erziehungsberechtigt. Weder beruflicher Erfolg noch Klugheit noch Wohlstand befreit das Kind davon, Teil der mütterlichen Weltwahrnehmung zu bleiben.

Da kann man Bankenvorstand oder Rennfahrerin werden. Es ist der Mutter vorbehalten, weiterhin das Kind zu erkennen, das früher schon gerne mit Geld oder Autos gespielt hat. Kinder bleiben immer Kinder, für ihre Mutter. Dass sie älter geworden sind, zeigt sich eigentlich nur, wenn sie an diesem Sonntag zu Besuch in die Wohnungen und Häuser fahren, die noch so riechen und knarzen wie vor Jahrzehnten. Bloß müssen sie mittlerweile nicht mehr auf einen Stuhl steigen, um an die Keksdose zu gelangen, sondern können einfach den Arm ausstrecken.

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