Prozess im Fall Tuğçe "Haltet das Maul und lasst die Mädchen in Ruhe"

  • Der Angeklagte Sanel M. hat zugegeben, der Studentin Tuğçe Albayrak ins Gesicht geschlagen zu haben. Er bestreitet aber, dass er sie töten wollte.
  • Vor dem Landgericht Darmstadt sagen nun zwei Türsteher aus, die eine andere Version des Abends erzählen als die Freundinnen der getöteten Studentin.
  • Ihnen sei die Situation in dem Schnellimbiss nicht besonders bedrohlich erschienen, sagen die Männer vor Gericht.
Von Susanne Höll, Darmstadt

Zeugenaussagen werden maßgeblich über Strafmaß entscheiden

Ob der 18-jährige Sanel M., der der Studentin Tuğçe Albayrak im Morgengrauen des 15. Novembers eine verhängnisvolle Ohrfeige versetzte, mit einer milden Strafe davonkommt oder für viele Jahre hinter Gitter muss, werden maßgeblich die Zeugenaussagen entscheiden.

Denn die Tatsache ist unbestritten: Sanel M. selbst hat zugegeben, der Studentin ins Gesicht geschlagen zu haben, bestreitet aber, dass er sie töten wollte. Zwei Türsteher einer Diskothek aus Offenbach haben nun neue Zweifel aufgebracht, ob alle Aussagen der Freundinnen von Tuğçe Albayrak für bare Münze genommen werden können.

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Das sagen die Freundinnen von Tuğçe Albayrak

Eine der jungen Frauen, die in der fraglichen Nacht mit einer Gruppe junger Männer, darunter Sanel M., in einem Schnellimbiss in Offenbach in üblen Streit gerieten, hatte sich Ende April vor Gericht erklärtermaßen erinnert, dass der Angeklagte schon vor dem Schlag besonders aggressiv aufgetreten sei. In der Toilette der Gaststätte hätten er und zwei seiner Kumpel zwei junge Mädchen belästigt, denen Tuğçe Albayrak zu Hilfe eilte.

Zwei unbeteiligte Männer, die in der Herrentoilette waren, hätten dann vorerst für Ruhe gesorgt. Sie hätten Sanel M. im Schwitzkasten die Treppe hinaufgeführt, der Angeklagte habe Tuğçe Albayrak auf dem Weg nach oben bedroht und gerufen: "Du wirst schon sehen, was du davon hast, du Schlampe!" Eine zweite Freundin will die Drohung auch gehört haben, ob der Angeklagte tatsächlich im Zwangsgriff weggeführt wurde, wusste sie aber nicht mehr genau.

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Das sagen die Türsteher

Die beiden Männer - gebürtige Afghanen, seit 15 Jahren in Deutschland und beruflich mit der Sicherheit von Musik-Clubs betraut - widersprechen am Mittwoch vor Gericht klar und deutlich dieser Beschreibung. Ja, es habe Getöse und Zank in der Damentoilette gegeben. Ja, sie hätten den offenkundig angetrunkenen jungen Männern nahegelegt, den Raum zu verlassen, mit den Worten: "Haltet das Maul, geht hoch und lasst die Mädchen in Ruhe." Der Angeklagte Sanel M. und dessen Kumpel seien der Aufforderung prompt gefolgt. Eine glaubhafte Darstellung - die beiden Brüder, 29 und 27 Jahre alt, sind zwar nicht sonderlich groß, aber muskulös und, wie man erfährt, kampfsporterfahren.

Ob man die Jungen mit Körpergewalt die Treppe hinauf bugsiert habe, will der Vorsitzende Richter Jens Aßling wissen. Der Ältere der beiden schüttelt den Kopf: "Wir haben keinen der Jungen angefasst. Kein Schwitzkasten, nein, nein, keinesfalls." Die Geschwister gingen nach eigener Aussage direkt hinter Sanel M. und dessen Freunden die Stufen hinauf. Irgendwelche Drohungen an die Adresse von Tuğçe Albayrak will keiner der beiden gehört haben.

Die beiden Brüder, damals in Begleitung eines dritten Ex-Türstehers, sorgten dann im Lokal ein zweites Mal für zwischenzeitliche Ruhe im Zwist der Jungen- und Mädchengruppe, die sich wechselseitig gröbste Beleidigungen an den Kopf warfen. Man habe die pöbelnden Jungen gewarnt, dass sie rausflögen, wenn nicht sofort Ruhe sei. Der Appell soll erfolgreich gewesen sein, einer der Freunde von Sanel M. habe sich sogar für das ungebührliche Betragen entschuldigt.

Augenzeugen sprechen von "Kindergartenzeugs"

Den drei Sicherheitsleuten erschien die Situation in dem Schnellimbiss nicht sonderlich bedrohlich. Zwar seien die Jungen wie Mädchen angetrunken gewesen und hätten mitunter lautstark gepöbelt. Bei seiner Aussage vor der Polizei hatte der ältere der beiden Türsteher-Brüder von "Kindergartenzeugs" gesprochen. Vor Gericht sagt er nun: "Die Jungs waren nicht aggressiv, solchen Situationen bin ich im Leben 100 000 Mal begegnet."

Keiner von beiden hätte gedacht, dass die Pöbelei zu körperlicher Gewalt mitsamt Todesfall eskalieren könnte. Ansonsten wären sie, wie sie sagen, frühzeitig und handfester eingeschritten. Der Angeklagte war den Brüdern, wie sie sagen, nicht als besonderer Rowdy aufgefallen.

Fast scheint es, als plage zumindest den älteren Bruder noch immer das Gefühl, er hätte den Tod der Studentin vielleicht doch verhindern können. Er ging später in das Krankenhaus, in dem die schwerverletzte Tuğçe Albayrak bis zu ihrem Tod im Koma lag, und sprach der Familie sein Mitgefühl aus.

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Ein Anwalt der Familie Albayrak, die im Prozess als Nebenkläger auftritt, hält dem gebürtigen Afghanen vor, er habe dem Bruder der Studentin bei dieser Gelegenheit gesagt, dass sein Einschreiten in jener Nacht womöglich den Zorn des Angeklagten angefacht und zu der Ohrfeige geführt habe. Vor Gericht zeigt sich der Türsteher erstaunt über diese Behauptung und weist sie zurück.