Fall Niels Högel Jede zweite oder dritte Schicht ein toter Patient

Niels Högel auf der Anklagebank im Landgericht Oldenburg.

(Foto: dpa)
  • Am fünften Verhandlungstag im Mordprozess gegen den früheren Krankenpfleger Niels Högel hat der Angeklagte seine Aussage beendet.
  • Vor Gericht gab er zu, sich regelmäßig Opfer gesucht zu haben. Am Ende habe er es darauf angelegt, erwischt zu werden.
  • Högel hat nur einen Teil der 100 ihm vorgeworfenen Taten gestanden. An den Großteil seiner Opfer könne er sich nicht erinnern.

Vier ganze Prozesstage haben sich die Richter am Oldenburger Landgericht Zeit genommen, um den Mann zu befragen, der mutmaßlich mehr Menschen getötet hat als jeder andere in Deutschland seit 1945. Niels Högel, früherer Krankenpfleger, angeklagt wegen Mordes in 100 Fällen.

An diesem Mittwoch hat Högel seine Aussage beendet. 43 Morde hat er gestanden. Am Ende seiner Aussage ging es um die Patientin Renate R., das letzte Opfer, das Högel vor seiner Verhaftung im Juni 2005 vergiftete, wie er einräumte.

Gegen Högel wurde bereits lebenslange Haft verhängt. Er wurde aber bisher erst wegen sechs Taten verurteilt. Im neuen Prozess geht es um zahlreiche weitere Fälle. Der Staatsanwaltschaft zufolge hat der Angeklagte in den Jahren 2000 bis 2005 als Pfleger in den Kliniken Delmenhorst und Oldenburg regelmäßig Patienten Medikamente verabreicht, die zum Herzstillstand führten. Anschließend habe er versucht, sie wiederzubeleben, um bei der Reanimation vor seinen Kollegen als Held dazustehen.

An die übrigen 57 Fälle, die er nicht gestanden hat, so Högel, könne er sich nicht mehr erinnern. Er könne aber nicht ausschließen, diese Patienten getötet zu haben. Das Gericht hatte Högel im Gefängnis Patientenakten studieren lassen, um seine Erinnerung zu aktivieren. Nach eigenen Angaben war er - vor allem zum Schluss in Delmenhorst - meist umnebelt von Alkohol und Schmerztabletten. Die Gesichter seiner Opfer erkannte im Prozess nicht, sondern - wenn überhaupt - nur Krankengeschichten oder Diagnosen.

Högel sagte am Mittwoch aus, am Ende habe er es sogar darauf angelegt, dass Kollegen ihn dabei erwischten, wie er Patienten die todbringenden Medikamente spritzte. Zum Schluss habe er nicht mehr darauf geachtet, ob das Krankheitsbild zu einer Reanimation passte. Auch sei er zusehends "schlampig und verwahrloster" geworden. Högel sprach von "Gleichgültigkeit" und einem "Automatismus", der ihn habe weitermachen lassen. Am Ende habe er alle zwei bis drei Dienste einen Menschen vergiftet.

Als die Polizei ihn schließlich festnahm, sei Högel erleichtert gewesen, wie er vor Gericht sagte. "Natürlich war ich schockiert und ängstlich. Aber ich war froh, dass es vorbei ist und dass ich endlich weg von dem Ganzen bin." Die Taten hat er trotzdem lange bestritten und viele erst nach und nach eingeräumt. Er sei beim ersten Polizeiverhör stark betrunken gewesen, erläuterte Högel vor Gericht. "Ich war damals auch nicht so weit, das zuzugeben, das alles auszusprechen."

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