Der Fall Niels Högel "Wir haben die Pflicht, diesen Prozess zu führen"

Niels Högel hat gemordet, dort, wo Menschen geholfen werden soll. Warum hat ihn so lange niemand aufgehalten?

(Foto: Fabian Sommer/dpa)

Wie konnte der ehemalige Krankenpfleger Niels Högel ungestört in deutschen Krankenhäusern hundertfachen Mord begehen? Weil Kontrollinstanzen und Vorgesetzte versagt haben, sagt Karl H. Beine, Chefarzt und Professor für Psychiatrie.

Interview von Annette Ramelsberger

Karl H. Beine, Chefarzt des Marien-Hospitals Hamm und Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke hat 4629 Beschäftigte in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen zur Gewalt in ihrem Arbeitsalltag befragt. Er hat bereits 2015 den Prozess gegen Niels Högel beobachtet, dem ehemaligen Krankenpfleger, dem 100 Morde zur Last gelegt werden. Der 41-Jährige ist bereits zu lebenslanger Haft verurteilt. Von diesem Dienstag an muss er sich in Oldenburg erneut vor Gericht verantworten. Doch in dem Prozess geht es um weit mehr als die Frage nach der Schuld eines einzelnen Täters.

SZ: Wie erklären Sie, dass der Krankenpfleger Niels Högel so lange ungehindert töten konnte?

Karl H. Beine: Unter Krankenschwestern, unter Pflegern, in einem eingespielten Team ist es unabdingbar, dass man sich gegenseitig vertraut. Es ist geradezu denkunmöglich, dass jemand, der sich für die Gesundheit der Patienten einsetzt, etwas tut, was diese Menschen gefährdet. Und deswegen dauert es so lang, bis etwas geschieht. Es dauert, bis aus einer Ungereimtheit ein Verdacht wird, es dauert, bis über einen Verdacht mit Kollegen gesprochen wird. Es dauert, bis man sich an den Vorgesetzten wendet. Während der ganzen Zeit konnte das Töten weitergehen

Verhindert auch der Tatort Klinik, dass schneller Alarm geschlagen wird?

Im Krankenhaus sind Sterben und Tod ein häufiges Phänomen. Auch die Tötungsmethoden, zum Beispiel das Spritzen von Medikamenten, sind von außen betrachtet normale medizinische Verrichtungen. Deswegen werden die Frühwarnzeichen oft übersehen.

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In den Krankenhäusern Oldenburg und Delmenhorst, wo Niels Högel tötete, hat aber noch etwas anderes eine Rolle gespielt.

Nach allem, was bisher bekannt ist, wurde dort vertuscht. Man hat dort die Warnzeichen nicht übersehen, sondern aktiv verdrängt. Niels Högel hat sogar ein gutes Zeugnis bekommen und man hat ihn weggelobt, als deutlich wurde, dass etwas nicht stimmt. Der drohende Imageschaden für das Haus wurde höher bewertet als das Wohl der Patienten.

Wie kommt es, dass die Kollegen mitbekommen, dass in den Dienstzeiten von Högel besonders viele Patienten sterben, dass sie sogar raunen über den Pfleger mit "dem schwarzen Schatten" und dennoch die Taten nicht anzeigen?

In vielen Fällen haben die Mitarbeiter mit ihren Vorgesetzten geredet. Aber die Meldungen sind in einer Meldekette versackt, ohne Konsequenzen. Es gab keine Reaktion von oben, und die Mitarbeiter hatten das Gefühl, sie hätten alles getan, was sie tun können. In solchen Fällen fokussieren sie sich dann auf ihre Kernaufgabe, schauen nicht links und nicht rechts und ziehen sich zurück. So wird die Zeit, in der ein Täter ungestört agieren kann, noch länger.

Karl H. Beine, ist Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke und Chefarzt am St. Marien-Hospital in Hamm.

(Foto: OH)

War das nun die Spitze des Eisbergs oder ein monströser Einzelfall?

Die Antwort, das sei ein monströser Einzelfall, kommt immer reflexartig. Aber wir wissen das nicht, wir hoffen das nur. Ich weiß aus einer eigenen Studie, dass Zweifel angebracht sind, dass es sich nur um Einzelfälle handelt.

An der Berliner Charité tötete eine Krankenschwester fünf Menschen, in Sonthofen im Allgäu ein Krankenpfleger sogar 28 Menschen. Das spricht gegen absolute Einzelfälle. Diese Morde hätten doch Warnzeichen sein müssen.

Ja, man ist über solche Vorkommnisse regelmäßig entsetzt. Gleichzeitig aber sagen viele Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern: So was gibt es, aber nicht bei uns.

Was treibt die Täter? Oft heißt es, sie wollten die Menschen von ihrem Leid erlösen.

Es geht da nicht um Mitleid. Die Täter kannten ihre Opfer ja kaum, wurden auch nicht gebeten, Hand anzulegen. Die Handlungsimpulse kommen von den Tätern. Sie waren nicht fähig, das Leiden und den Schmerz von Menschen zu begleiten, ohne übergriffig zu werden - durch die direkte Tötung der Patienten oder durch provozierte Notfälle wie bei Niels Högel, der damit sein Selbstwertgefühl stabilisieren wollte. Diese Menschen sind oft selbst unsicher und auf Anerkennung angewiesen. Diese Menschen sind ihrem Beruf nicht gewachsen, holen sich aber auch nicht Hilfe. Sie wechseln nicht den Beruf, sie reden nicht. Sie gehen hin und töten oder provozieren Notfälle, um sich anschließend als grandiose Retter feiern zu lassen.

Was kann ein Vorgesetzter tun, um das zu verhindern?

Der Vorgesetzte muss präsent sein, er muss sehen, was los ist. Ob jemand in Zynismus verfällt, ob die Sprache auf der Abteilung verroht. Chefs müssen Kritik respektieren. Sie müssen achtsam sein, wenn hinter vorgehaltener Hand bereits Spitznamen über Kollegen kursieren. Das alles ist im Fall Niels Högel nicht geschehen. Er kann nicht sein, dass jemand über Jahre allein mit sich und seinen Problemen ist.

Was kann der Prozess in Oldenburg noch bringen? Der Angeklagte ist ja bereits zu lebenslanger Haft verurteilt.

Dieser Prozess kann uns lehren, den Anfängen zu wehren und die Alarmzeichen zu erkennen. Ich erwarte, dass allein die Verlesung der Anklageschrift ein bedrückendes Dokument sein wird, welch unvorstellbares Ausmaß diese Tötungsserie angenommen hat. Dieser Prozess kann Recht und Sühne für die Hinterbliebenen der Opfer bringen, die ihnen die Justiz so lange verwehrt hat. Wir haben die Pflicht, diesen Prozess zu führen.

Aber der Prozess, der dann folgt, könnte noch viel interessanter werden. Was erwarten Sie sich davon?

Von dem Prozess gegen die Verantwortlichen in den Krankenhäusern erwarte ich mir Antworten darauf, warum niemand aufgefallen ist, dass der Verbrauch des Herzmittels Gilurytmal um das Siebenfache gestiegen ist - nur, weil es ein preiswertes Medikament war? Und ich erwarte Antworten darauf, warum es nicht zu Konsequenzen geführt hat, wenn in den Schichten eines Pflegers die Sterbeziffer signifikant angestiegen ist. Es wurden ja sogar Strichlisten geführt, dass Niels Högel so häufig bei Notfallsituationen anwesend war wie sonst kein Mitarbeiter. Ich erwarte, dass die Justiz überprüft, wie das Versprechen umgesetzt wurde, die Sicherheit der Patienten zu garantieren. Und wer dafür persönlich verantwortlich ist.

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