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Fall Mia:Das Urteil ist gefallen, der Protest geht weiter

  • Im Dezember 2017 ist in Kandel eine 15-Jährige von ihrem Exfreund erstochen worden.
  • Das Landgericht Landau hat Abdul D. zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt.
  • In Kandel demonstrieren rechte Gruppierungen weiter.

Der junge Mann, der nun in Landau wegen Mordes verurteilt wurde, gibt viele Rätsel auf. Es steht nicht fest, woher er genau stammt, wahrscheinlich ist Afghanistan seine Heimat. Sein genaues Alter ist unbekannt. Aus welchen Beweggründen er am 27. Dezember im pfälzischen Kandel seine ehemalige Freundin Mia erstach, eine damals 15 Jahre alte Schülerin, ist nicht bekannt. Der Prozess gegen Abdul D. fand hinter verschlossenen Türen statt, man ging davon aus, dass er zum Tatzeitpunkt womöglich noch minderjährig war. Wegen Mordes und Körperverletzung muss er nun achteinhalb Jahre ins Gefängnis.

Damit wählte das Landgericht Landau einen Mittelweg zwischen den Forderungen der Staatsanwaltschaft, die zehn Jahre Haft gefordert hatte, und der Verteidigung, die auf eine Strafe von siebeneinhalb Jahren wegen Totschlags plädiert hatte. Mehr teilte das zuständige Landgericht am Montag über das Geschehen im Gericht nicht mit, zum Schutz des Angeklagten, der nach Ansicht von Fachleuten noch keine 21 Jahre alt war, vermutlich nicht einmal 18. Jugendlichen Kriminellen soll damit die Chance eröffnet werden, nach der Verbüßung ihrer Schuld einen etwas leichteren Weg in eine hoffentlich bessere Zukunft zu gehen. Diese Regel gelte unabhängig von der Nationalität für jeden jungen Menschen, der in Deutschland vor Gericht komme, hieß es vom Gericht. Im Laufe des Verfahrens sahen sich Juristen dazu genötigt, dies immer wieder aufs Neue erklären zu müssen. Denn die Öffentlichkeit wollte mehr über diese Tat wissen, die nicht nur Kandel, sondern ganz Deutschland erschütterte.

Mia hatte sich nach den Weihnachtsfeiertagen mit Freunden verabredet, man bummelte durch Geschäfte. Abdul D. lauerte ihnen auf, wahrscheinlich war er eifersüchtig. Denn er und Mia waren bis Anfang Dezember ein Paar gewesen. Der junge Mann wollte das Ende der Beziehung offenkundig nicht hinnehmen, er drohte und schimpfte, Mias Familie erstattete Anzeige. Die Betreuer des Flüchtlings wurden informiert, die Polizei redete ihm noch vor Weihnachten ins Gewissen. Am 27. Dezember kaufte er zwei Messer, folgte Mia in einen Drogeriemarkt. Sieben Mal stach er dort auf die Schülerin ein. Sie starb wenig später im Krankenhaus. Zum Auftakt des Landauer Prozesses bekundete der Angeklagte über seinen Verteidiger Reue über die Tat. Am Montag, nach der Urteilsverkündung, sagte sein Anwalt, er akzeptiere den Schuldspruch. Die Staatsanwaltschaft prüft Revision.

Im Leben der Eltern von Mia, die ihr einziges Kind verloren haben, im Alltag von Freunden, in der Gemeinde Kandel und in ganz Deutschland war nach der Tat vieles anders. Die Öffentlichkeit stritt über den Umgang mit gewalttätigen Flüchtlingen, wieder einmal. Die deutsche Politik diskutierte, ob und wie man das Alter junger Flüchtlinge feststellen kann. Ein Jahr zuvor, im Oktober 2016, hatte in Freiburg der aus Afghanistan geflüchtete Hussein K. die Studentin Maria L. ermordet. Auch in diesem Fall war lange über das wahre Alter des Angeklagten gemutmaßt worden. Der Prozess wurde vor der Jugendkammer geführt, Gutachter kamen letztlich aber zu dem Schluss, dass Hussein K. über 21 Jahre alt sein musste. Er wurde nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt.

In Kandel kaperten Rechtspopulisten die Debatte für ihre eigenen Zwecke. Seit Jahresanfang ruft ein angebliches Frauenbündnis immer wieder zu Demonstrationen auf, zu denen nach Polizeiangaben zwischenzeitlich auch gewaltbereite Rechtsextremisten kamen. Gegendemonstranten protestierten, solche Szenen kannte man bislang nicht in dem beschaulichen Städtchen in der Südpfalz. Inzwischen ziehen die Fremdenfeinde nur noch ein Mal im Monat auf, zuletzt am vergangenen Samstag. Sie stammen bis auf wenige Ausnahmen nicht aus Kandel. Und die Bewohner der Stadt sind ihrer längst überdrüssig.

Anonyme Drohungen gegen den Bürgermeister

Verbandsgemeinde-Bürgermeister Volker Poß hat wie viele Bewohner schwere Zeiten hinter sich. Der Sozialdemokrat hatte im Fall Mia zu Besonnenheit und demokratischem Umgang aufgerufen, wurde deshalb massiv beschimpft und bedroht. Er sagt, er hoffe nach dem Urteil auf mehr Ruhe für die Stadt: "Die Leute haben die Nase voll von diesen Samstagdemos." Aber Kandel wird, das weiß auch Poß, diese Aufmärsche notgedrungen aushalten müssen. Die Versammlungsfreiheit sei ein hohes Gut, sagt er. Wie so viele in ganz Deutschland verfolgte er mit Entsetzen und Befremden im Fernsehen die gewalttätigen Geschehnisse in Chemnitz, an deren Anfang auch eine Bluttat stand. Wird es brenzliger in Deutschland? "Es sieht so aus. Manchmal frage ich mich, wohin das alles noch führen soll", sagt Poß.

Die anonymen Drohungen gegen ihn seien über die Monate hinweg weniger geworden, erzählt der Bürgermeister. Einträge auf seiner Facebook-Seite liest er aber bis heute nicht mehr. Er hat aber auch viel Zuspruch erhalten. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfing ihn im Mai in Berlin. Das habe ihm gut getan, sagt Poß. Einschüchtern ließ er sich nicht, er geht, wie gewohnt, zu Fuß in sein Büro und redet mit den Leuten, die immer noch nicht verstehen können, warum ausgerechnet in ihrem Ort ein solches Verbrechen stattfinden konnte. Denn mit den Flüchtlingen in Kandel kam und kommt man gut aus. Viele Ehrenamtliche bemühen sich um die Zuzügler. Bürgermeister Poß sagt, inzwischen lasse das Engagement ein wenig nach. Die Leute seien wahrscheinlich nach drei Jahren Arbeit etwas müde geworden.

Fürs Erste wird in Kandel auch nach dem Urteilsspruch gegen Abdul D. keine Ruhe einziehen. Die Rechtspopulisten haben weitere Samstagsdemonstrationen angekündigt.

© SZ.de/pvn/pwi/eca/rus/cat
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