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Fall Jens Söring:"In den Vereinigten Staaten ist die Justiz irgendwie steckengeblieben"

Haben Sie das erwartet?

Aber sicher. Vor ein paar Jahren habe ich einem Mann geholfen, sein Name war Michael Wayne Hash. Er war wegen Mordes verurteilt, aber er war unschuldig und ist jetzt ein freier Mann. Damals rief sogar ein Sheriff bei mir an und frage, was zum Teufel ich da mache. Ich habe mal bei einer Sheriff-Konferenz gesagt, dass wir eine unabhängige Justizkommission brauchen. Sie könnte aufarbeiten, was wir gelernt haben aus Fällen, in denen durch DNS-Analysen die Unschuld von Verurteilten bewiesen werden konnte. Sie könnte helfen, unsere Arbeit zu verbessern. Als ich vom Podium runterkam, standen dort drei, vier Männer, die mir die Hand schüttelten und sagten, dass sie hundertprozentig hinter mir stehen. Aber sie haben auch gesagt, dass ein paar Leute in diesem Raum wirklich sehr sauer sind auf mich.

Jens Söring Neue DNA-Erkenntnisse im Fall Jens Söring
Fall Söring

Neue DNA-Erkenntnisse im Fall Jens Söring

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Wieso diese Gegenwehr?

Es ist die Angst vor Veränderung. Großbritannien ist da in vielen Punkten wirklich weit vorne, aber in den Vereinigten Staaten ist die Justiz irgendwie steckengeblieben. Letztlich ist es wie bei einem Flugzeugabsturz. Da kommt eine Gruppe von Experten und begutachtet, warum das Flugzeug abgestürzt ist, damit das nicht wieder passiert. Im Rechtssystem kommt nach einem Fehlurteil das Innocence Project [eine Gruppe von Anwälten, die sich um die Aufdeckung von Justizirrtümern bemüht, Anm.d.Red] und begutachtet den Fall. Es gibt auch hervorragende Forschung über die Ursachen von Fehlurteilen. Es wäre nicht mal teuer und schwierig, diese Dinge zu ändern. Aber ich habe trotzdem keine Ahnung, wie wir das durchsetzen können. Man bräuchte einen wirklich wichtigen Politiker, der die Autorität hätte, so eine Kommission zu gründen.

Haben Sie Hoffnung, dass sich da etwas tut?

Kaum. Ich habe ja nur noch zweieinhalb Jahre im Job. Aber ich arbeite dran, ich versuche es trotzdem. Und es gibt eine ganze Gruppe hervorragender Leute, die mich unterstützen, Professor Brandon Garrett von der Universität von Virginia zum Beispiel. Er hat "Convicting the Innocent" ("Verurteilung der Unschuldigen") geschrieben, eine faszinierende Studie.

Warum ist es so wichtig, diese Fälle aufzuarbeiten?

Wissen Sie, ich habe mich früher nie um Fehlurteile gekümmert. Die Ungerechtigkeit, die ich so lebendig gesehen habe, war für mich die der Opfer. Ich war wie die meisten von uns in den Vollzugsbehörden: Ich kämpfte dafür, die bösen Jungs von der Straße zu bekommen. Der Wendepunkt für mich war John Grishams Buch "The Innocent Man" (deutscher Titel: "Der Gefangene"). Da habe ich erkannt: Wir müssen unbedingt unser Bewusstsein für dieses Problem schärfen. Und es tut sich ja auch was, aber lange nicht so viel, wie nötig wäre. Wenn es allen wirklich klar wäre, würden wir uns zusammen an den Tisch setzen und überlegen, wie wir die Fehlurteile minimieren können.

© SZ.de/olkl/sks
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