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Fall Freddie Gray:Baltimore - wo Polizeigewalt alltäglich ist

Baltimore, die die sicherste Stadt der USA werden will, hat ein Problem mit der Polizeigewalt

(Foto: AP)

Noch ist nicht klar, ob Polizisten für den Tod des Afro-Amerikaners Freddie Gray verantwortlich sind. Sicher ist aber: Die Stadt hat in den vergangenen Jahren Millionen Dollar an Opfer von Polizeigewalt gezahlt.

Etwas mehr als zwei Wochen ist es her, dass sie Freddie Gray erwischt haben. Mehrere Polizisten nahmen den 25-Jährigen fest, weil er ein Klappmesser bei sich hatte. Was genau bei der Festnahme passierte, ist unklar. Bekannt ist nur, dass der Mann vor Schmerzen schrie, als die Beamten ihn zu ihrem Wagen brachten. Und, dass er eine Stunde später ins Krankenhaus eingeliefert wurde und ins Koma fiel. Sieben Tage später erlag er seinen Rückenmarksverletzungen.

Noch ist nicht bewiesen, dass die beteiligten Polizisten für Grays Tod verantwortlich sind. Doch eine Recherche der Tageszeitung Baltimore Sun, die vergangenen September veröffentlicht wurde, legt diese Option zumindest nahe.

Polizeigewalt scheint in der Stadt, die laut Verbrechensstatistik zu den zehn gefährlichsten Großstädten der USA gehört, an der Tagesordnung zu sein. 5,7 Millionen Dollar hat Baltimore seit 2011 an Opfer von Polizeigewalt gezahlt. Die Summe verteilt sich auf etwa hundert Kläger, die gegen die Stadt vor Gericht gezogen sind, weil sie von Beamten körperlich angegriffen oder grundlos festgenommen wurden.

Baltimore

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In Baltimore wird ein Mann festgenommen. Anschließend hat er schwere Verletzungen, eine Woche später ist er tot. Die Polizei und der Anwalt der Familie des Getöteten verbreiten verschiedene Versionen des Geschehens.

Gepackt, festgehalten, auf den Boden geworfen

Die Baltimore Sun hat die Fälle gesammelt, ausgewertet und versucht, mit den Opfern zu sprechen.

Da ist die Großmutter, "Grandma Green", deren Enkel mit einer Schussverletzung am Bein schreiend nach Hause kam. Die damals 87-Jährige wählte den Notruf. Doch die Polizisten brachten keine Hilfe, sondern einen falschen Verdacht mit in ihren Vorgarten. Der junge Mann sei in Greens Haus angeschossen worden, mutmaßte einer der Beamten, ein Weißer, und verlangte, ins Haus gelassen zu werden. Doch weil im Haus zwei Hunde herumliefen, die den Polizisten hätten angreifen können, verweigerte Grandma Green dem Beamten den Zutritt. Dann, sagt sie, habe der Polizist sie gegen die Wand gestoßen; sie, als sie zu Boden sank, wieder hochgerissen und auf ein Sofa geworfen, sein Knie in ihrem Rücken. Er habe ihr Handschellen angelegt, obwohl sie vor Schmerzen schrie. Der Polizist brach ihr die Schulter.

Da ist Starr Brown, die beobachtete, wie zwei Mädchen auf der Straße von einer größeren Gruppe Mädchen bedrängt wurden. Nachbarn riefen die Polizei; Brown, die schwanger war und bereits eine kleine Tochter hatte, blieb zunächst im Haus. Als die Polizei eintraf, waren die Angreiferinnen längst geflüchtet, nur ihre beiden Opfer waren noch da - und wurden von den Beamten angebrüllt. Die 26-Jährige ging dazwischen, wollte den offensichtlichen Irrtum aufklären und wies die Polizisten an, die geflüchteten Angreiferinnen zu verfolgen. Da habe sie einer der Polizisten plötzlich gepackt und auf den Boden geworfen, sagte die junge Frau später vor Gericht - obwohl sie noch schrie, dass sie schwanger sei. "Das hören wir immer wieder", habe der Polizist gesagt, bevor er sich auf ihren Rücken kniete, um sie am Boden zu halten.

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Klausel verbietet, über die Vorfälle zu sprechen

Sechs Monate hat die Baltimore Sun recherchiert - und ist dabei auf erhebliche Hindernisse gestoßen. So gibt es im Gesetz der Stadt eine Klausel, die verbietet, dass die Prozessparteien öffentlich über den Vorfall sprechen, der sie zu ihrer Klage veranlasst hat. Man könnte das so deuten, dass sich die Stadt durch die Zahlung das Schweigen über den vorausgegangenen Fall erkauft. Bei Missachtung droht den Klägern, dass sie die Hälfte des erhaltenen Geldes wieder abgeben müssen.

"Wir wollen nicht das Geld der Steuerzahler ausgeben und dann hören, wie Leute Dinge sagen, die sie bei Gericht nicht ausführen konnten", begründet ein Anwalt der Stadt die Regel, die auch bei anderen Prozessen gilt.

Die Baltimore Sun hat sich deshalb zahlreiche Prozessmitschriften angesehen. In den meisten Fällen schildern die beteiligten Polizisten die Situationen ganz anders als die Kläger. Die Beamten hätten sich bedroht gefühlt, heißt es oft. Was nicht unerheblich ist, denn wenn Polizisten um ihre Sicherheit fürchten, ist ihnen einem Urteil des Supreme Court zufolge nahezu alles erlaubt. Bei manchen scheint auch die Erinnerung an den jeweiligen Vorfall auszusetzen. Im Fall der schwangeren Brown beschreibt der beteiligte Polizist, die junge Frau habe gebissen, getreten und um sich geschlagen. Sie sei selbst zu Boden gefallen und habe den Beamten mitgerissen. Glück für Brown, dass Nachbarn vor Gericht ihre Version der Geschichte bezeugten - sie erhielt 125 000 Dollar.