Prozess in Hamburg Richter verurteilen Chantals Pflegeeltern zu Bewährungsstrafen

  • Im Fall der vor drei Jahren an einer Methadon-Vegiftung gestorbenen Chantal hat das Landgericht in Hamburg ein Urteil gesprochen.
  • Die beiden Pflegeeltern wurden zu Bewährungsstrafen verurteilt.
  • Im Prozess wurden auch Vorwürfe gegen das Jugendamt laut.
Von Hannah Beitzer, Hamburg

Welches Urteil das Gericht gefällt hat

Drei Jahre nach dem Tod der damals elfjährigen Chantal in Hamburg ist an diesem Donnerstag das Urteil gesprochen worden. Die Richter am Landgericht verurteilten den früheren Pflegevater des Mädchens wegen fahrlässiger Tötung und Vernachlässigung seiner Fürsorgepflicht zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung. Die Pfegemutter wurde zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt.

Damit blieb das Gericht unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, die für den Vater eine zweieinhalbjährige Haftstrafe und für die Mutter eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten verlangt hatte. Die Verteidiger hatten für beide Angeklagte auf Freispruch plädiert.

Wie Chantal zu Tode kam

Chantal war vor drei Jahren an den Folgen einer Methadon-Vergiftung gestorben. Das Mädchen hatte in der Wohnung seiner drogenabhängigen Pflegeeltern Zugang zu der Heroin-Ersatzdroge bekommen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Pflegevater die im Sterben liegende Chantal dann sich selbst überlassen hatte - ohne den Notarzt oder seine Lebensgefährtin zu verständigen.

Beide Angeklagten hätten im Prozess Reue gezeigt, hieß es von Seiten des Gerichts zur Begründung der relativ milden Strafen. Die Familie sei unter den Ereignissen zusammengebrochen. Außerdem hätten die Pflegeeltern unter der Medienberichterstattung zu leiden gehabt und jeweils ihre Arbeitsstelle verloren.

Methadon-Tod von Chantal

Hilfe, die nicht kam

Was sind gute Eltern? Im Fall der an einer Methadon-Überdosis gestorbenen Chantal erhebt der Staatsanwalt schwere Vorwürfe gegen die Angeklagten. Für den Pflegevater des Mädchens fordert er eine zweieinhalbjährige Haftstrafe. Die Verteidigung sieht das anders.   Von Hannah Beitzer

Wie die Staatsanwaltschaft argumentierte

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft hatte das Mädchen in der Wohnung von Sylvia L. und Wolfgang A. versehentlich die Ersatzdroge eingenommen, weil sie sie für ein Medikament gegen Übelkeit hielt. Die Pflegemutter war an dem betreffenden Abend nicht zu Hause, der Pflegevater kam gegen 23 Uhr zurück und beauftragte die jüngste Pflegetochter, Chantal, noch einen Tee zu kochen. Als das Kind am nächsten Tag bewusstlos im Bett lag, alarmierte er jedoch keinen Arzt, sondern ging gegen Mittag zur Arbeit. Ein verhängnisvoller Fehler, denn zu diesem Zeitpunkt hätte Chantal noch gerettet werden können.

Welche Version die Verteidigung verbrachte

Die Verteidigung hat eine andere Version der Geschichte: Die Pflegeeltern beharrten darauf, das Methadon sei sicher in der Garage verwahrt gewesen. Den Anwälten von Sylvia L. und Wolfgang A. zufolge ist keinesfalls erwiesen, dass Chantal das Methadon von ihren Pflegeeltern hatte. Sie hätte es - eine Vermutung, die auf eine Aussage der jüngsten Pflegetochter der Familie zurückgeht - auch bei ihrem drogenabhängigen leiblichen Vater geklaut haben können. Doch weder in dessen Blut, noch in dessen Wohnung wurde bei einer Durchsuchung Methadon gefunden.