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Fall Amanda Knox:Dunkle Bilder, wilde Spekulationen

Amanda Knox reacts during her interview on ABC's 'Good Morning America' in New York

Amanda Knox soll 2007 die britische Studentin Meredith Kercher ermordet haben.

(Foto: REUTERS)

Eine junge Frau auf einem Parkplatz. Mehr ist auf dem Überwachungsvideo nicht zu erkennen, das nun im italienischen Fernsehen aufgetaucht ist. Dennoch soll es Amanda Knox der Lüge überführen.

Es ist der 1. November 2007, 20.53 Uhr. Vielleicht zehn Minuten früher oder später, so ganz genau lässt sich das nicht sagen. Eine junge Frau schlendert über einen Parkplatz in der italienischen Stadt Perugia. Eine praktische Abkürzung, will man vom Stadtzentrum in die Via della Pergola. Dort, im Haus mit der Nummer 7, wohnt Amanda Knox - in einer WG mit der britischen Studentin Meredith Kercher, die an diesem Abend ermordet wird. Laut Gerichtsmedizin zwischen 20.30 Uhr und 23 Uhr.

Die Aufnahmen, die nun im italienischen Fernsehen aufgetaucht sind, stammen von einer Überwachungskamera. Die Bilder sind dunkel und unscharf, zu erkennen ist nicht viel. Nur die junge Frau, die über einen Parkplatz schlendert. Für viele Medien, nicht nur in Italien, sind die Bilder Anlass genug, um neue Spekulationen in einem der mysteriösesten Mordfälle der vergangenen Jahre aufzuwerfen. Ist die junge Frau auf dem Video Amanda Knox? War sie zur Tatzeit, anders als sie stets behauptet hatte, doch in der Nähe der Wohnung?

Kerchers Leiche war am 2. November 2007 in der gemeinsamen WG gefunden worden; halbnackt, der Körper wies Spuren mehrerer Messerstiche auf. Etwa zwei Jahre später, im Dezember 2009, wurde Knox verurteilt, gemeinsam mit ihrem damaligen Freund Raffaele Sollecito. DNA-Spuren von Sollecito am BH des Opfers belasteten das Paar. Doch das war erst der Anfang eines jahrelangen Rechtsstreits, der bis heute nicht beendet ist.

Harry Potter und Marihuana

2011 wurde das Urteil zunächst in zweiter Instanz gekippt, bevor Italiens höchstes Gericht zwei Jahre später wiederum den Freispruch einkassierte. Zu viele Mängel, zu viele Widersprüche - erneut musste sich ein Berufungsgericht mit dem Fall beschäftigen. Im vergangenen Januar fällten die Richter ihr Urteil: 28,5 Jahre Gefängnis für Knox, 25 Jahre für Sollecito. Knox hält sich seither in den USA auf, wo sie auf das finale Verfahren wartet. Vor einem italienischen Gericht will Knox allerdings nicht mehr auftreten.

In Haft sitzt derzeit nur Rudy Guede, der 2008 in einem Schnellverfahren schuldig gesprochen worden war. Guede jedoch beteuert, den Mord nicht begangen zu haben, er beschuldigt Knox und Sollecito.

Knox hatte bislang behauptet, zur Tatzeit bei Sollecito gewesen zu sein. "Harry Potter" hätten sie gelesen, sagte die Amerikanerin, einen Film geschaut und später - so detailreich war die Ausführung - noch Marihuana geraucht und Sex gehabt. In der Nähe der Wohnung sei sie den ganzen Abend nicht gewesen.

Das Video wird kaum das Gegenteil beweisen können - dafür sind die Aufnahmen vermutlich zu schlecht. Im italienischen Fernsehen wird nur spekuliert. Der Mantel, den die junge Frau im Parkhaus trage, der erinnere doch sehr an den Mantel, mit dem Knox an den Tagen nach dem Mord gesehen wurde. Ja, sogar der Gang von Knox und der Dame auf dem Video wird verglichen. Ohne eindeutiges Ergebnis.

Tränenreiches Interview

Warum das Video erst jetzt auftaucht, ist unklar. Autorin Barbie Latza Nadeau, die ein Buch über den Fall geschrieben hat, sagte der Times: "Wenn das Amanda ist, beweist es, dass sie eine Lügnerin ist - auch wenn sie keine Mörderin ist." Beide Seiten, sowohl die Anklage als auch die Verteidigung, so Nadeau, hätten von den Aufnahmen gewusst. Vor Gericht seien sie jedoch nicht als hilfreich erachtet worden.

Erst vergangene Woche hatte Knox in einem CNN-Interview unter Tränen ihre Unschuld beteuert. "Ich habe meine Freundin nicht getötet", sagte sie: "Ich habe nicht mit dem Messer zugestochen, ich hatte doch keinen Grund dazu." In der Urteilsbegründung war die Rede von unterschiedlichen Messern, mit denen Kercher attackiert wurde. Die tödliche Verletzung sei von Knox ausgegangen. Der Tat soll ein Streit vorausgegangen sein, schreibt das Gericht in seiner Urteilsbegründung, es sei um Geld gegangen.

Im Interview äußerte Knox die Hoffnung auf ein baldiges Ende "der Spekulationen und Theorien". Diese Hoffnung dürfte nun, nach Auftauchen des Videos, vorerst vergeblich sein.

© Süddeutsche.de/bero/jst/lala

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