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Fakten zum Fall Cosby:Wie aus alten Vorwürfen ein Proteststurm wurde

Die Missbrauchs-Vorwürfe gegen Bill Cosby wiegen schwer. Doch warum kommen die alten Anschuldigungen gerade jetzt wieder ans Licht? Und wie geht es weiter? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Ist Bill Cosby, den die Welt als treusorgenden American Dad kannte, womöglich ein Vergewaltiger, der Frauen mit K.o.-Tropfen gefügig macht und sie zum Sex zwingt? Es sind Geschichten wie die der Schauspielerin Barbara Bowman, die zu dieser Frage führen.

Bowman wirft Cosby vor, sie 1985 als Jugendliche missbraucht zu haben. Cosby habe ihr in seiner New Yorker Wohnung ein Glas Wein gereicht. Das habe sie komplett außer Gefecht gesetzt. Als sie aufgewacht sei, habe sie bis auf ihren Slip - und das T-Shirt eines Mannes - nichts mehr getragen.

Ähnlich wie Bowman äußerten sich auch andere Frauen: Das frühere Model Janice Dickinson, die Schauspielerin Louisa Moritz, die Kellnerin Linda Traitz, das Ex-Playmate Victoria Valentino, die ehemalige Hollywood-Autorin Joan Tarshis.

Selbst wenn die Unschuldsvermutung gilt, solange nichts bewiesen ist und die Fälle nicht gerichtlich aufgearbeitet wurden: Was derzeit mit Bill Cosby in der Öffentlichkeit passiert, ist die "Demontage eines Denkmals", wie die österreichische Zeitung Der Standard schreibt.

Die wichtigsten Fakten über den Fall:

Was sind die Vorwürfe gegen Cosby?

Wie die Zeitung USA Today schreibt, haben sich inzwischen fast 20 Frauen gemeldet, die Bill Cosby des sexuellen Missbrauchs beschuldigen. Die mutmaßlichen Vergewaltigungen liegen zum Teil mehr als 40 Jahre zurück.

Alles soll stets nach einer ähnlichen Methode abgelaufen sein: Cosby soll die Frauen mit Betäubungstropfen oder Tabletten schläfrig gemacht und die Willenlosigkeit seiner Opfer dann ausgenutzt haben, um sie zum Sex zu zwingen.

Warum kommen die Vorwürfe erst jetzt ans Licht?

Eigentlich sind die Anschuldigungen nicht neu. Bereits vor zehn Jahren kamen Gerüchte über Cosby auf. Mehrere Journalisten recherchierten und gingen den Vorwürfen nach, das Magazin Philadelphia zum Beispiel brachte 2006 eine große Story. Doch, wie es in dem Artikel von USA Today heißt, wurde das Thema aus einer Vielzahl von Gründen nicht zum Gegenstand einer breiten öffentlichen Diskussion. Vielleicht, weil es aus Mangel an Beweisen nie zu einer Anklage kam. Vielleicht, weil die Öffentlichkeit zögerte, den American Dad vorschnell zu verurteilen. Vielleicht, weil die Reporter zu beschäftigt waren und die Auseinandersetzung mit Cosbys Anwälten scheuten.

Doch das änderte sich schnell, als Mitte Oktober der Comedian Hannibal Buress in seiner Show Cosby einen "Vergewaltiger" nannte. Wohl ermutigt durch die öffentliche Anklage, meldeten sich in verschiedenen US-Medien mehrere Frauen zu Wort, die Cosby vorwarfen, sie sexuell bedrängt zu haben. Auf Twitter entwickelte sich in rasanter Geschwindigkeit ein Shitstorm, in dem Cosby beschimpft und angegriffen wurde. Zusätzlich griffen zahlreiche Portale mit großer Reichweite die Geschichte auf.

Buress war klar, dass seine Äußerung ein Echo auslösen würde. Aber das Ausmaß der Empörung hat auch ihn überrascht. "Mann, das ist wirklich schnell eskaliert", sagte der Komiker. Tatsächlich fungierten die sozialen Medien, die vor zehn Jahren, als die ersten Vorwürfe auftauchten, noch kaum genutzt wurden, jetzt als Katalysator des Protests gegen Cosby. Allerdings lag es nicht nur an Twitter, wie die USA Today plausibel darlegt. Diesmal dürfte auch eine Rolle gespielt haben, dass Cosby von einem Mitglied seiner eigenen Community angegangen wurde. Denn auch Buress ist ein Komiker und er ist schwarz, genau wie Cosby.

Wie verhält sich Cosby angesichts der Vorwürfe?

Die Missbrauchsvorwürfe sind jetzt seit einigen Wochen in der Welt. Cosbys Reaktion besteht vor allem aus: Schweigen. Zweimal hat er in Interviews entsprechende Nachfragen unbeantwortet gelassen. Nur eine einzige öffentliche Äußerung von ihm ist dokumentiert. Der Zeitung Florida Today sagte Cosby: "Ich weiß, dass die Menschen darauf warten, dass ich endlich etwas sage. Aber man muss nicht auf diese Art von Anschuldigungen eingehen. Die Leute sollten sich die Tatsachen anschauen."

Ansonsten lässt Cosby andere für sich sprechen. Sein Anwalt Martin Singer nannte die Vorwürfe "lächerlich" und "völligen Unsinn". Es seien "der Fantasie entsprungene Geschichten ohne jede Substanz", die überdrehte Medien in ihrem Streben nach Verkaufszahlen und Einschaltquoten lancieren, ohne auf die Einhaltung journalistischer Qualitätsstandards zu achten.

Wie geht es jetzt weiter?

Auch wenn Cosby bei einem Auftritt in Florida von Fans bejubelt wurde - bereits jetzt hat die Debatte erhebliche negative Auswirkungen für ihn. Der Video-Dienst Netflix hält eine Comedy-Sendung mit Cosby vorerst zurück. Auch der TV-Sender NBC hat ein bereits geplantes Projekt abgesagt. Ein anderer Sender hat Wiederholungen einer Cosby-Show aus dem Programm genommen.

Schwerwiegender als ein paar abgesagte Projekte ist jedoch die Rufschädigung, die sich in diesem Fall dauerhaft auswirken könnte. Und die juristische Auseinandersetzung, die dem Schauspieler jetzt droht. Louisa Moritz, eines der mutmaßlichen Opfer, will neun der betroffenen Frauen überzeugen, den Schauspieler gemeinsam zivilrechtlich zu verklagen, berichtete das Klatschportal tmz.com vor einigen Tagen.

© Süddeutsche.de/olkl/vs
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