Radlklima: Anruf bei Hofs Bürgermeister "Da ist Nachholbedarf da"

Längst nicht in allen deutschen Städten sind Fahrradfahrer gut integriert.

(Foto: dpa)

Der Fahrradclub ADFC hat in 700 Städten nachgefragt, wie zufrieden Radler mit den Bedingungen vor Ort sind. Harald Fichtner ist Bürgermeister der Stadt, die am schlechtesten abgeschnitten hat: das bayerische Hof.

Interview von Helena Ott

Im Nichts endende, schmale Fahrradwege, die dann noch zugeparkt sind. Hohe Bordsteinkanten, zu wenige Fahrradständer. Die Städte gehörten lange den Autos, und bis heute ist es so, dass SUVs in der Breite von Müllautos andere Verkehrsteilnehmer in klaustrophobische Zustände versetzen. 170 000 Fahrradfahrer schlagen jetzt zurück und verteilen in einem bundesweiten Ranking des deutschen Fahrradclubs ADFC Noten an ihre Städte in Sachen Fahrradfreundlichkeit. Ein Anruf bei Bürgermeister Harald Fichtner in Hof, den es besonders hart getroffen hat. Seine Stadt, bayerischer Außenposten Richtung Sachsen und kurz vor der tschechischen Grenze, nimmt den letzten Platz ein.

Herr Fichtner, der Fahrradclub ADFC hat Fahrradfahrer in fast 700 Städten befragt, wie zufrieden sie mit ihrer Stadt sind. Was glauben Sie, welchen Platz Hof belegt?

Harald Fichtner: Ziemlich weit hinten wahrscheinlich.

Warum?

Das habe ich in früheren Jahren schon Mal irgendwo gelesen.

Ihre Stadt wurde als fahrrad-unfreundlichste Stadt Deutschlands gerankt. Überrascht Sie das?

Das überrascht mich in der Deutlichkeit schon, nachdem ich selbst leidenschaftlicher Fahrradfahrer bin. Aber gut, es gibt da auch einen jahrzehntelangen Rückstand. Nach der Wende floss das Geld hier an der Grenze zu Sachsen verständlicherweise zuerst in den Ausbau der Straßeninfrastruktur Richtung Osten. Ich selbst habe in Erlangen studiert, da gab es schon immer sehr viele Studenten, in Hof kam die Uni erst vor 25 Jahren und damit auch Studenten, die viel Fahrrad fahren. Und im Vergleich zu anderen Städten haben wir hier auch eine besondere Topografie.

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Es gibt viele Berge oder Hügel in Hof?

Naja, schauen Sie doch mal bei Wikipedia. Wir sind von Hügeln umgeben. Die Innenstadt liegt im Saaletal, aber gerade wenn Sie im Osten und Westen in die Wohngebiete wollen, haben Sie zu jeder Seite Berge vor sich.

Fahrradfahrer haben Hof im Fahrradranking mit 4,8 bewertet. Hatten Sie zu Schulzeiten auch mal eine fünf?

Nein, daran kann ich mich nicht erinnern.

Keine Einzige?

Ich glaube nicht.

Harald Fichtner, Oberbürgermeister von Hof (Bayern).

(Foto: Stadt Hof)

Tragen Sie Warnweste und Motorradhelm beim Fahrradfahren?

Also wenn ich Fahrrad fahre, trage ich einen Fahrradhelm und keinen Motorradhelm. Und Warnweste auch eher weniger.

Fühlen Sie sich sicher auf dem Fahrrad?

Ja, ich fühle mich sicher. Wenn alle Verkehrsteilnehmer aufmerksam sind, ist die Sicherheit gewährleistet, vielleicht nicht der Komfort in jeder Hinsicht...

Wo würden Sie Komfortpunkte abziehen?

Es fehlt zurzeit noch an durchgängigen Radwegen in der Stadt. Wir haben den schönen Saale-Radweg, der auch bei Touristen sehr beliebt ist. In der Stadt gibt es auch vereinzelt Radwege an der Bundesstraße und den Haupttangenten, aber das brauchen wir nicht wegzureden, da ist Nachholbedarf da.

Was war Ihr schlimmster Fahrradunfall, an den Sie sich erinnern können.

Da habe ich mir das Knie aufgeschlagen. Das hatte aber nix mit nicht-ausgebauten Radwegen zu tun. Da bin ich einfach gestürzt, das wäre auf dem Radweg genauso passiert wie auf der Straße. Ist aber alles gut verheilt, gibt heute keine Narbe mehr.

Herr Fichtner, Sie haben von der besonderen Topografie gesprochen. E-Bikes sind sehr beliebt. Was gilt für Sie: Strom oder Schwitzen?

Ich setze aufs Schwitzen, wenn Sie das so wollen. Ich habe kein E-Bike, aber seit einiger Zeit habe ich vollstes Verständnis für E-Bike-Besitzer.

Ist das Fahrradfahren in Hof wirklich so gefährlich oder sind die Hofer Nörgler?

Letzteres werde ich sicherlich nicht bestätigen, man mag in manchen Situationen etwas kritisch sein. Sie kennen vielleicht die Form des fränkischen Lobs "Basst scho", so ist das hier eben.

Die Fahrradfahrer werden immer mehr und fallen als Wähler ins Gewicht. Welche städtischen Mitarbeiter müssen nach dem Ranking mit personellen Konsequenzen rechnen?

Nein, die städtischen Mitarbeiter können da gar nichts dafür. Begrenzt sind nicht die Fähigkeiten unserer Mitarbeiter, sondern die Haushaltsmittel.

Werden Sie jetzt Nachhilfeunterricht in Sachen Fahrradfreundlichkeit nehmen?

Also, Nachhilfeunterricht brauche ich persönlich mit Sicherheit nicht, ich kenne die Situation in der Stadt. Es liegt wie gesagt nicht an mangelndem Willen, sondern an der Finanznot, die wir in den letzten Jahren wirklich deutlich hatten.

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