Fällung stinkender Ginkgos:Ekliges in Essen

Lesezeit: 2 min

Ginkgo schützt nicht vor Demenz

Die fächerförmigen Blätter sind charakteristisch für den Ginkgo-Baum.

(Foto: dpa-tmn)

Erstmals nach Jahrzehnten tragen die Ginkgos an einer Essener Straße Früchte. Für die Bäume mit den hübschen Fächer-Blättern bedeutet das nichts Gutes. Denn ihre Samen stinken nach Erbrochenem.

Von Jannis Brühl

Unter den Bäumen ist Ginkgo biloba das, was der Schläfer unter den Terroristen ist. Er verhält sich viele Jahre ruhig und schlägt plötzlich brutal zu. Dann riecht es nach Kotze. Zumindest auf dem Dohmanns Kamp, einer Straße in Essen. Dort sind mehrere Ginkgos mit einem gelben Punkt markiert, ihr Todesurteil.

Denn Ginkgos sind "zweihäusig getrenntgeschlechtig", das heißt, jede Pflanze ist entweder männlich oder weiblich. Die weiblichen tragen nicht nur das charakteristisch fächerförmige grüne Blatt, sondern in Essen auch erstmals seit Jahrzehnten ihre grünen, mirabellenartigen Früchte. Klingt hübsch und lecker? Weit gefehlt. Die Samen enthalten Buttersäure, und diese "stinkt erbärmlich", wie es eine Mitarbeiterin der Stadt ausdrückt - und zwar nach Erbrochenem. Ein vorsichtigerer Kollege von ihr spricht lieber von "Geruchsbelästigung". Buttersäure, verursacht durch Darmbakterien, kann beim Menschen auch Mundgeruch verursachen. Die zerplatzten Früchte auf dem Bürgersteig bedeuteten außerdem ein "Sicherheitsrisiko", sagt die Stadtmitarbeiterin: Fußgänger könnten auf ihnen ausrutschen.

Mit der Geschlechtsreife beginnen die Probleme

Mindestens 20 Jahre brauchen Ginkgos bis zur Geschlechtsreife, und mit ihr beginnen, ähnlich wie beim Menschen, die Probleme für das Umfeld. In Essen beklagten sich Anwohner über den Gestank, wandten sich schriftlich und telefonisch an die Stadt. Die städtische Einrichtung Grün & Gruga, in Essen für öffentliche Botanik zuständig, will die Bäume noch im Winterhalbjahr fällen.

Mit dem Problem ist Essen nicht allein. Immer wieder müssen sich Kommunen mit Ginkgo-Gestank herumschlagen. In Dresden nervte vor wenigen Jahren eine ganze Allee mit den Bäumen Anwohner, in Duisburg fällte die Stadt 2010 gleich 160 Bäume.

Das Problem: Wenn die Bäume gepflanzt werden, weiß niemand, welche Pflanze männlich und welche weiblich wird. Das zeigt sich erst viel später, wenn die weiblichen Exemplare Früchte tragen. Man müsse schon das Genom eines Samens durchpflügen, um das Geschlecht des Baumes vorab zu kennen, sagt Hans-Albrecht Thrun von der Baumschule Lorenz von Ehren in Hamburg. Das aber sei aufwändig und teuer.

Bäume sind in NRW derzeit ein sensibles Thema

Nicht alle Anwohner am Dohmanns Kamp sind allerdings glücklich damit, dass die Bäume gefällt werden. Die Zeitung WAZ berichtet von einem wütenden Leserbriefschreiber, der behauptet, die Mehrheit seiner Nachbarn habe gar kein Problem mit dem Geruch, sondern nur ein paar Querulanten.

Tatsächlich sind Bäume in Nordrhein-Westfalen derzeit ein sensibles Thema. Der Sturm Ela im Juni hat viele entwurzelt oder so stark mitgenommen, dass sie gefällt werden mussten. Essen wird wohl deshalb ohnehin bis zu einem Zehntel seiner 260 000 Bäume auf öffentlichem Grund verlieren. Wegen der Gefahr durch herunterfallende Äste dürfen die meisten Wälder der Stadt bis heute nicht betreten werden. Auch in Düsseldorf zerstörte Ela 30 000 Bäume.

Essens stinkende Störenfriede werden nun durch Ahornbäume ersetzt. Damit es am Dohmanns Kamp in 20 Jahren nicht wieder anfängt zu stinken.

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