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Mord auf der "Viking Sally":Wichtigster Zeuge nach 33 Jahren angeklagt

'Viking Sally' 'Estonia'

Die "Viking Sally" auf einem Archivbild vom 25.6.1980, damals unterwegs auf der Ems Richtung Meer.

(Foto: Werner_Schilling/picture-alliance / dpa)

Ein Liebespaar aus Deutschland wird 1987 auf der Fähre nach Finnland angegriffen, nur die Frau überlebt. Jetzt gibt es, nach Jahrzehnten, einen Verdächtigen. Er ist in dem Fall kein Unbekannter.

Von Kai Strittmatter, Kopenhagen

Drei junge Leute aus der Stuttgarter Gegend auf Interrail. Die beiden Männer, Klaus S. und Thomas S., waren über ihre Leidenschaft für den Fußball Freunde geworden. Bettina T., die Frau im Bunde, hatte Klaus S. in einem Nachtclub kennengelernt, die beiden waren ein Paar. Am Abend des 27. Juli 1987 bestiegen sie gemeinsam in Stockholm die Fähre Viking Sally, die sie nach Finnland bringen sollte. In Turku wollten sie Ruisrock besuchen, ein Open-Air-Festival, dann mit dem Zug hoch nach Lappland, später über Norwegen zurück.

Das Liebespaar suchte sich kurz nach Mitternacht mit seinen Schlafsäcken einen ruhigen Platz auf dem leeren Helikopterdeck des Schiffs. Thomas S., der den beiden etwas Privatsphäre lassen wollte, fand einen Schlafplatz auf einem der unteren Decks. Kurz vor dem Morgengrauen, so wurde die Geschichte mehr als dreißig Jahre lang erzählt, sei dann eine Gruppe von Pfadfindern auf das Helikopterdeck gestolpert und habe die Schlafsäcke entdeckt. Die Teenager waren unterwegs zu einem Pfadfinderlager in Südwestfinnland. Einer der Pfadfinder, so war es damals in der Presse zu lesen, ein 18-jähriger Däne, näherte sich den Schlafsäcken und machte eine grausige Entdeckung: Es lagen zwei Menschen in ihrem Blut. Der 20-jährige Klaus S. und die 22-jährige Bettina T., waren Opfer eines Gewaltverbrechens geworden.

Ein vom Festland herbeigerufener Helikopter brachte die beiden in ein Krankenhaus in Turku. Klaus S. wurde dort für tot erklärt, Bettina T. lag noch Wochen im Koma, am Ende überlebte sie. Die Polizei riegelte die Fähre nach dem Einlaufen in Turku ab und versuchte, so viele der Passagiere wie möglich zu befragen, jedoch ohne Ergebnis. Die Ermittlungen liefen noch jahrelang weiter, ohne dass der Täter je gefunden wurde. Auch das Motiv des Mörders blieb rätselhaft: Die finnische Polizei schloss bald sowohl einen Raubmord als auch ein Sexualvergehen aus.

Völlig überraschend kam dann im September 2020 wieder Bewegung in den Fall, als die finnische Polizei erklärte, sie habe neue Erkenntnisse und glaube nun zu wissen, wer der Mörder sei. Die Staatsanwaltschaft in Finnland scheint sich ihrer Sache ziemlich sicher zu sein, sie hat nun Anklage erhoben, der Prozess soll im Mai stattfinden. Der Verdächtige, den die finnischen Behörden nun benennen: ein 1969 geborener dänischer Staatsbürger. Dem finnischen Rundfunk YLE und dem dänischen Boulevardblatt Ekstra Bladet zufolge handelt es sich dabei um einen der Hauptzeugen aus der Mordnacht: den dänischen Pfadfinderjungen.

Der Verdächtige bestreitet die Tat

Der damals 18-Jährige hatte nach dem Verbrechen nicht nur der Polizei berichtet, wie er gemeinsam mit drei schwedischen Pfadfinderfreunden die beiden Deutschen auf dem Hubschrauberdeck gefunden habe, er erzählte seine Geschichte damals auch mehreren Zeitungen. Als Zeuge hatte er es 1987 auf die Titelseite von Ekstra Bladet geschafft, wo er die "schrecklich misshandelten" Körper schilderte: "Es sah so aus als seien sie zu Tode getreten worden". Die dänische Zeitung berichtet nun, der Däne habe nach der Tat seinen Namen mehrfach geändert. Der Anwalt des heute 51-Jährigen bestätigte der Zeitung, dass gegen seinen Mandanten ermittelt werde. Sein Mandant bestreite die Vorwürfe, und sei "überrascht" ob der Ermittlungen und der Anklage, sagte der Anwalt Ekstra Bladet: "Andererseits habe ich den finnischen Behörden mitgeteilt, dass er natürlich vor Gericht erscheinen wird." Sein Mandant sehe dem Prozess "mit Gelassenheit" entgegen.

Mord verjährt in Finnland nicht, deshalb kann ein Prozess auch mehr als 33 Jahre später noch stattfinden. Im Falle einer Verurteilung würde der Mordfall in Finnland dem öffentlich-rechtlichen Sender YLE zufolge einen Rekord aufstellen: Noch nie verging in dem Land eine so lange Zeitspanne zwischen Tat und Urteil. Der Verdächtige bleibe bis zum Prozess auf freiem Fuß, teilte die finnische Staatsanwaltschaft mit, denn die Gefahr der Vertuschung oder Vernichtung von Beweismitteln bestehe nach so vielen Jahren nicht mehr. Bekannt ist, dass die finnischen Behörden offenbar im Jahr 2016 erstmals neue Hinweise zum Fall erhielten, sie hüllen sich bislang allerdings in Stillschweigen über die Details dazu.

Dass die neuen Erkenntnisse vom Tatort stammen, ist jedenfalls ausgeschlossen. Auch die Viking Sally änderte 1993 ihren Namen, sie wurde damals zur MS Estonia: jener Fähre, die in der Nacht zum 28. September 1994 in der Ostsee sank und dabei 852 Menschen in den Tod riss. Sie liegt seither vor der finnischen Insel Utö in 80 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund.

© SZ/feko
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