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Facebook-Partys:Projekt Langeweile

Sie sind für Jugendliche eine Flucht - und für Polizisten ein Albtraum: Ausufernde Facebook-Partys. Wie schafft man es, "aus Versehen" Milllionen Menschen einzuladen? Können solche Veranstaltungen verboten werden? Und wer haftet für Schäden?

Facebook hat inzwischen eine Milliarde Konten weltweit registriert, der durchschnittliche Nutzer des sozialen Netzwerks ist 22 Jahre alt. Er chattet, zeigt Urlaubsfotos, verschickt Einladungen. Nur: Diese Einladungen gehen nicht immer nur an Bekannte. Am Wochenende erst kamen 600 Menschen nach Magdeburg - sie waren einer versehentlich veröffentlichten Einladung gefolgt. Am Ende randalierten sie in der Innenstadt. Das Video, das danach auf der Plattform YouTube auftauchte, trägt den Titel Project X - in Anlehnung an einen Kinofilm, in dem ein leeres Elternhaus zur Partyhölle wird.

Sind Facebook-Partys nur eine Mode oder ein Gesellschaftsphänomen?

Dass sich Menschen in der Masse zusammenfinden, um gemeinsam Grenzen zu überschreiten, ist schon immer ein Gesellschaftsphänomen gewesen. "Das ist bei Woodstock ebenso passiert wie während der arabischen Revolution", sagt Kerstin Heinemann vom Institut für Medienpädagogik (IFF) in München. Wer sich in eine Masse integriere, fühle sich stark. Für Jugendliche gelte das Überschreiten von Grenzen sogar als Entwicklungsaufgabe. Sich dabei strafbar zu machen, stünde allerdings auf einem anderen Blatt. Dem Bundesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt zufolge kommen eskalierte Partys heute weder häufiger noch in größeren Dimensionen vor als zu Zeiten, in denen per Handzettel und Plakat eingeladen wurde. "Allerdings lassen sich solche Krawallveranstaltungen heute schneller organisieren." Treffen, bei denen auch mal über die Stränge geschlagen wird, seien Teil der Jugendkultur - egal ob mit oder ohne Online-Netzwerke.

Warum folgen Massen von Jugendlichen den Party-Einladungen auf Facebook?

Jede Facebook-Einladung ist ein Versprechen. "Wer eine Einladung bekommt, kann sicher sein, dass viele andere sie auch bekommen haben", sagt der Sozialpsychologe Egon Stephan von der Universität Köln. "Die Erwartungshaltung, dass man dabei sein wird, wenn etwas Besonderes passiert, ist hoch." Hinzu komme die Langeweile, die viele junge Menschen im Alltag empfänden. "Der Wunsch, aus dieser Realität auszubrechen, ist stark", sagt Stephan. Facebook-Partys würden auch genutzt, um Frust abzulassen. Neben Abenteuerlust und dem Wunsch sich zu inszenieren macht die Medienpädagogin Kerstin Heinemann vom Institut für Medienpädagogik aus: "Es gibt auch Jugendliche, die diese Partys aus Häme besuchen", sagt sie. Um Überlegenheit denen gegenüber zu demonstrieren, die Facebook "offenbar nicht richtig bedienen könnten".

Kann man wirklich aus Versehen Millionen Menschen einladen?

Wer auf Facebook eine Veranstaltung erstellt, muss in der Regel auswählen, ob diese öffentlich sein soll. Dass am Ende eine Geburtstagsfeier zur Krawallparty wird, passiert trotzdem immer wieder aus Versehen: "Da deklariert ein junger Mensch mit wenig Medienkompetenz eine Veranstaltung unabsichtlich als öffentlich und eine Horde Menschen rückt an", erklärt Rainer Wendt von der Polizeigewerkschaft. Immer häufiger kann von Versehen jedoch keine Rede sein: Veranstalter laden gezielt zu Massenpartys ein - Randale sei einkalkuliert, sagt Wendt. Diese Veranstaltungen heißen meist "Projekt X-Partys", in Anlehnung an den gleichnamigen Film, der im Sommer im Kino lief. In der US-Komödie endet die Sturmfrei-Party von Teenagern mit Drogen und Gewalt.