Extremsportler Felix Baumgartner gelingt Rekordversuch:Sprung mit Werbewirkung

Der Extremsportler Felix Baumgartner springt aus 39 Kilometern Höhe und landet sicher auf der Erde. Er knackt dabei die Schallmauer und ist gut vier Minuten im freien Fall. Historischer Rekord oder Werbegag?

Titus Arnu

Es ist wahrscheinlich kein großer Schritt für die Menschheit. Aber ein sehr großer Sprung für Felix Baumgartner. Der österreichische Extremsportler ist am Sonntag aus einer Höhe von 39.000 Meter aus einer Kapsel gesprungen, die an einem Heliumballon hing.

Auf seinem Flug zurück zur Erde wollte er gleich vier Rekorde aufstellen: der höchste bemannte Ballonflug, der höchste Fallschirmsprung, der längste freie Fall und das Durchbrechen der Schallmauer eines Menschen ohne technische Hilfsmittel. Die Messwerte müssen noch offiziell bestätigt werden, aber wie es am Sonntagabend aussah, erreichte Baumgartner ein Tempo von mehr als 1170 Stundenkilometern. Allerdings öffnete er den Fallschirm früher als geplant, so dass der Rekord für den längsten freien Fall nicht zustande kam.

Vorher war nicht klar gewesen, was bei dieser Geschwindigkeit mit dem Körper eines Menschen passiert, selbst wenn er so gut durchtrainiert ist wie der von Felix Baumgartner. Könnten Arterien in seinem Gehirn platzen? Würde sein Blut kochen? Kommt es zum Blackout, einer Ohnmacht aufgrund der ungeheuren Belastungen? Oder gar zum Redout* - so nennen es die Fachleute, wenn die Beschleunigungskräfte das Blut in die Augen drücken, bis das Sichtfeld rot ist? Während der stundenlangen Live-Übertragung wurden immer wieder Baumgartners Eltern eingeblendet, seine Mutter Ava Baumgartner weinte meistens, und man musste sich die Frage stellen, wie die Angehörigen und die Sponsoren wohl damit umgegangen wären, wenn ihr Sohn die waghalsige Aktion nicht überlebt hätte.

Wie verrückt muss man sein, um so einen Sprung zu wagen?

Blackout oder Redout - die Gefahr, einen derart gruseligen Tod vor Millionen Zuschauern zu sterben, hat Baumgartner allerdings noch nie geschreckt: "Fearless Felix", der furchtlose Felix, ist ein Fallschirm-Profi, der sich zwar gewissenhaft vorbereitet, aber ein Restrisiko immer in Kauf nimmt.

Der österreichische Extremsportler hatte fünf Jahre lang für den Stratosphären-Sprung trainiert. Zuvor hatte er sich von der Christus-Statue in Rio de Janeiro fallen lassen, er flog mit einem selbst entwickelten Flügel über den Ärmelkanal, er hüpfte von einem der höchsten Gebäude der Welt in Taipeh aus 508 Metern Höhe in die Tiefe - und flüchtete unten mit einem Taxi vor der Polizei. Die Bild-Zeitung nannte Baumgartner in den letzten Wochen vor dem Start konsequent den "irren Ösi". Im Ernst, wie verrückt muss man sein, um so einen Sprung zu wagen? "Waren die Wright Brothers verrückt? Dank ihnen fliegen die Menschen heute", konterte Felix Baumgartner in einem Interview.

Anvisiert war eine Höhe von 36.576 Metern, was 120.000 Fuß entspricht, doch der Ballon stieg bis auf 39 Kilometer - mehr als ausreichend, um beim Sprung die Schallgeschwindigkeit zu erreichen. Das Rekordtempo erreichte Baumgartner im oberen Bereich des Sprungs. Ab etwa 15 Kilometern abwärts wurde der Sturz gebremst durch den größer werdenden Luftwiderstand*.

52 Jahre alt war der bisherige Höhen- und Geschwindigkeitsrekord eines Fallschirmspringers. Der Amerikaner Joseph Kittinger war im August 1960 in einem Ballon auf 31.333 Meter aufgestiegen und hatte im Sturzflug knapp 900 Stundenkilometer erreicht. Kittinger ist mittlerweile 84 Jahre alt und gehört nun als Berater zum Team von Baumgartner. Er stand ständig im Funkkontakt mit dem Österreicher, als dieser in seiner Kapsel von Roswell in New Mexico aus in die Höhe schwebte.

Wissenschaftlicher Nutzen ist unter Experten umstritten

Ärzte überwachten vom Boden aus die gesamte Zeit Baumgartners Körperfunktionen. Im Vorfeld wurde immer wieder betont, mit dem Projekt wolle man "wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse für die Raumfahrt gewinnen". Der Nutzen ist aber unter Experten umstritten, denn ein Fallschirmsprung aus der Stratosphäre lässt kaum Rückschlüsse auf die Bedingungen im Weltall zu. Die Kosten werden auf rund 50 Millionen Euro geschätzt, Sponsor Red Bull äußert sich dazu nicht offiziell.

Die Werbewirkung des Spektakels wurde schon vor dem Sprung am Sonntag allerdings auf Hunderte Millionen Euro geschätzt. "Baumgartner ist eine fliegende Red-Bull-Dose", sagt der österreichische Werbeexperte Christoph Bösenkopf, "der finanzielle Aufwand hat sich für Red Bull hundert Mal gerechnet". Überall war das Logo des Salzburger Energydrink-Brauers zu sehen, auf der Kapsel, auf dem Raumanzug und dem Kran, der die Kapsel an den Ballon hängte. Auf der Website des Stratos-Projekts gibt es Kappen, Rucksäcke und andere Merchandising-Artikel zu bestellen.

Das Ereignis wurde per Livestream im Internet und von mehreren Fernsehsendern übertragen, auch von Servus TV, einem Sender, der ebenfalls Red Bull gehört; in Österreich berichtete zudem der öffentlich-rechtliche ORF, in Deutschland n-tv. Foren in sozialen Netzwerken verzeichneten Rekordquoten - selbst am vergangenen Dienstag, als gar nichts passierte, weil Baumgartner seinen Sprung wegen zu starken Winds verschieben musste.

Nach den gescheiterten Versuchen der vergangenen Woche stand für den Start am Sonntag nur noch ein Ersatzballon zur Verfügung. Art Thompson, technischer Direktor in Baumgartners Team, bezifferte den Preis für den Ballon auf mehrere Hunderttausend Dollar, allein das Helium koste pro Versuch 60.000 bis 70.000 Dollar (zwischen 46.000 bis 54.000 Euro). Selbst wenn Baumgartner bei seinem Sprung ums Leben gekommen wäre, hielten sich die Risiken für den Konzern in Grenzen, kommentierte Die Presse. Vor Jahren starben eine ebenfalls vom Unternehmen gesponserte Fallschirmspringerin und ein Basejumper: "Red Bull veröffentlichte eine Kondolenz - und machte weiter."

Die Organisatoren wollten mit Blick auf die Möglichkeit eines tragischen Endes der Aktion die Live-Übertragung sicherheitshalber etwas zeitversetzt senden. Zum Glück ging aber alles gut. Um 20:16 Uhr europäischer Zeit landete Baumgartner sicher in New Mexico, direkt auf den Füßen. Er fiel auf die Knie und wurde binnen Sekunden von einem Kamerateam umringt.

*Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version stand, der Luftwiderstand werde dichter - er wird allerdings größer. Außerdem wurde der Redout besser erklärt.

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