Evangelische Kirche Mehr Mut täte gut

Heinrich Bedford-Strohm ist neuer EKD-Ratspräsident - er steht für einen liberalen, weltoffenen und kommunikativen Kurs.

(Foto: dpa)

Keine Debatte, kaum Wortmeldungen - der Synode der Evangelischen Kirche hätte mehr Luther'scher Bekennermut gutgetan. Der neue Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm muss die Kirche wieder zu einem Korrektiv der Politik machen.

Ein Kommentar von Matthias Drobinski

Macht mit. Mischt euch ein. Thomas de Maizière, der CDU-Bundesinnenminister, hat die evangelische Kirche geradezu angefleht, die Politik nicht alleinzulassen. In einer Zeit, in der die Kopfabschneider des "Islamischen Staates" Gewissheiten über Krieg und Frieden über den Haufen werfen und in den Ost-West-Beziehungen der Winter vor der Tür steht; in der so viele Flüchtlinge wie lange nicht mehr ins Land kommen, der Wirtschaft die Krise droht und überhaupt die Kräfte schwächer zu werden scheinen, die das Land zusammenhalten.

Und auch, wenn einer der Hintergedanken des Ministers gewesen sein mag, die Kirchen zu einer freundlicheren Beurteilung seiner Flüchtlingspolitik zu bewegen, kann man nur sagen: Der Mann hat recht.

Diskurs- und Veränderungskraft sind knapp geworden

Er hat nicht deshalb recht, weil die evangelische Kirche (wie auch die katholische) kraft ihrer schieren Größe und institutionellen Macht zu den selbstverständlich Mächtigen im Land gehört - diese Selbstverständlichkeit bröckelt, man muss auch nicht unbedingt gewesenen Thron-Altar-Bündnissen nachtrauern. Die Einmischungskraft der evangelischen Kirche besteht auch nicht einfach darin, dass sie als große Sozialträgerin dazu beiträgt, dass das Gemeinwesen in Deutschland einigermaßen gut funktioniert, so wichtig dies ist.

Er hat recht, weil gerade die aus der Reformation heraus entstandene Kirche eine Diskurs-, Veränderungs- und Verunsicherungskraft hat, die knapp und kostbar geworden ist - gerade weil sie mehr zu bieten hat als nur Politik.

Ein bisschen mehr Luther'scher Bekennermut täte gut

Manchmal muss man sagen: Sie hätte das zu bieten. Denn die in Dresden versammelte Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland ist von der gleichen Diskursscheu befallen, die auch die Politik in den Zeiten der großen Koalition bedroht. Weder auf de Maizières Appell noch auf den Ratsbericht des scheidenden Vorsitzenden Nikolaus Schneider gab es eine echte Debatte, trotz der mehr als 50 Wortmeldungen: Jeder trug seine kleine Anmerkung vor, sein Anliegen - bloß nicht den Kopf zu weit herausstrecken, ja sich nicht angreifbar machen, nichts riskieren. Die Synodalen sind da, schaut man sich außerhalb der Kirchen um, in guter Gesellschaft - ein bisschen mehr vom Bekennermut des Martin Luther würde ihnen aber guttun.

Der neue Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm könnte einiges an protestantischer Diskurskraft zurückbringen. Er ist ein politischer Mensch, der eigenständige Positionen seiner Kirche formulieren und vertreten kann, wenn es um Flüchtlinge geht, um Friedensethik, Sterbehilfe oder um die Frage, wie das digitale Zeitalter das Bild vom Menschen verändert.

Quelle seiner Positionen: der Glaube

Er kann klar sein, ohne auszuschließen, denn auch das macht diese Kirche aus, dass in ihr die Radikalpazifistin Margot Käßmann genauso ihren Platz hat wie der grundkonservative bayerische Ex-Ministerpräsident Günther Beckstein. Und Bedford-Strohm lässt keinen Zweifel, was die Quelle seiner Positionen ist: der Glaube.

Das ist es ja, was diese Kirche an Besonderem einzubringen hat in die Bundesrepublik: Die Politik ist sich selbst nicht die letzte Instanz. Für eine Kirche darf nicht der Machterhalt, die Institutionensicherung zum Selbstzweck werden. Sie muss nach Wert und Würde des Menschen fragen, muss die vertreten, die keine Stimme haben, ob es um Flüchtlinge geht oder um Sterbende oder um die Frage, wann das Unrecht militärischer Gewalt hingenommen werden muss, um schlimmeres Unrecht zu verhindern. Sie darf nicht naiv sein und die Wolkenkuckucksheime des Gutgemeinten hübsch möblieren. Sie muss sich aber das Recht herausnehmen, Utopien zu vertreten und zu Grundsätzen zu stehen, über das Machbarkeitsdenken hinaus. Auch, wenn das dann dem Bundesinnenminister nicht unbedingt gefällt.

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