Drogen:„Die Leute haben keine Ahnung, was sie da nehmen“

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Ein Mann bereitet einen Heroin-Fentanyl-Cocktail in Philadelphia, USA, vor. In Europa starben laut dem Bericht 2023 mindestens 163 Menschen an einer Überdosis des Schmerzmittels Fentanyl. (Foto: SPENCER PLATT/Getty Images via AFP)

Die EU hebt im Europäischen Drogenbericht die Gefahr synthetischer Substanzen hervor, die leicht hergestellt werden können. Ausgerechnet der Kampf gegen „alte Drogen“ wie Opium und Heroin in Afghanistan könnte die Lage verschärfen.

Von Rainer Stadler

EU-Innenkommissarin Ylva Johansson nimmt bei der Vorstellung des diesjährigen Europäischen Drogenberichts zunächst mal die Endverbraucher in den Blick: Die mischten immer häufiger verschiedene Substanzen zusammen und konsumierten „potenziell tödliche Cocktails aus unterschiedlichen Arten von Drogen“. Weil Drogen ohne Label oder Beipackzettel mit Gesundheitswarnungen vertrieben würden, hätten viele Menschen „keine Ahnung, was sie da nehmen“. Seit 2009 seien 81 neue synthetische Opioide in Europa aufgetaucht, mehr als 900 Substanzen seien derzeit von Skandinavien bis Sizilien im Umlauf.

Die Entwicklung bereitet nicht nur den Fachleuten der Drogenbekämpfung Kopfzerbrechen. Wenn die Konsumenten schon nicht wissen, was sie schnupfen, spritzen oder schlucken, stehen auch die Ärzte, die sie in akuter Not behandeln, oft vor einem Rätsel. Präventionsprogramme, die traditionell auf „alte Drogen“ wie Heroin, Kokain oder Cannabis abzielen, greifen nur begrenzt. Wobei Europa auch davon überschwemmt wird.

Ylva Johansson, EU-Kommissarin für Inneres, aus Schweden. (Foto: Hatim Kaghat/dpa)

Zwar konnten die Fahnder zuletzt mit spektakulären Beschlagnahmen aufwarten, von Jahr zu Jahr entdecken sie mehr: In Spanien setzten sie 2023 einen Bananenfrachter aus Ecuador mit sage und schreibe 9,5 Tonnen Kokain fest, Stoff im Wert von schätzungsweise einer Viertelmilliarde Euro. Doch selbst solche Erfolge erregen bei Expertinnen und Experten Besorgnis, weil sie ahnen lassen, welche Unmengen an Drogen in Europa verfügbar sind. Auch kleinere Häfen, die bisher fern von den Hauptrouten zwischen Südamerika und Europa lagen, sind für Lieferanten zu interessanten Anlaufstellen geworden. Und trotz aller Razzien und Beschlagnahmen bleiben die Preise für den Stoff stabil in Europa, sagt die schwedische EU-Kommissarin Johansson. Was nichts anders bedeutet als: Das Gros der Lieferungen erreicht weiter sein Ziel – den europäischen Markt.

Viele Substanzen würden aber auch in Europa hergestellt, sagt Alexis Goosdeel, Chef der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA), die den jährlichen Drogenbericht herausgibt. Einige von ihnen seien eigentlich für tierärztliche Behandlung vorgesehen gewesen. Die Stoffe würden Konsumentinnen und Konsumenten als Heroin oder Kokain untergejubelt oder den Drogen beigemischt. Drogen können bekanntermaßen in jeder Dosierung ein Gesundheitsrisiko sein, in dieser Kombination aber wirkten sie verheerend, sagt Goosdeel.

Offenbar unterscheidet sich der europäische vom nordamerikanischen Markt. Dort hat sich vor allem das synthetische Opioid Fentanyl wie eine Seuche ausgebreitet, Jahr für Jahr sterben mehr als 70 000 Menschen am Konsum. Fentanyl wird auch in Europa vertrieben, als Schmerzmittel, und wirkt 50-mal stärker als Heroin. Behörden überwachen den medizinischen Einsatz allerdings rigide, was sich bisher offenbar ausgezahlt hat: In Europa starben vergangenes Jahr mindestens 163 Menschen an den Folgen einer Überdosis Fentanyl, ungleich weniger als in den USA. Dafür kamen in den vergangenen Jahren vermehrt sogenannte Nitazene – eine bisher weniger bekannte Klasse synthetischer Opioide – in Umlauf. Sie sollen die Ursache von Todesfällen in irischen Gefängnissen sein, 20 EU-Staaten haben seit 2019 gemeldet, dass Nitazene bei ihnen auf dem Markt sind.

Klingt wie eine gute Nachricht, ist aber eine Gefahr: der Kampf der Taliban gegen Opium

Die Herstellung synthetischer Drogen ist verhältnismäßig billig und einfach, die Grundstoffe werden übers Internet gehandelt. Weil inzwischen so viele verschiedene Substanzen produziert werden, lässt sich ihr Handel kaum regulieren, die Behörden kommen mit Verboten nur schleppend hinterher. Und EMCDDA-Chef Goosdeel warnt vor einer „neuen Gefahr“, die zunächst wie eine gute Nachricht klingt: Die Taliban-Regierung sei gerade dabei, dem Opium-Anbau und Handel mit Heroin den Garaus zu machen. In wenigen Monaten könne der Strom versiegt sein. Was das bedeutet? „Wir wissen es nicht“, sagt Goosdeel. Einiges spricht allerdings dafür, dass Europa dann erst recht mit synthetischen Substanzen überflutet wird.

Die negativen Folgen der Drogenschwemme sind vielfältig: Die Zahl der HIV-Infektionen aufgrund verseuchter Spritzen sei wieder gestiegen, heißt es im Drogenbericht. Auch Gewalt und Kriminalität nähmen zu, betroffen seien zunehmend Minderjährige. Goosdeel erzählt vom Fall eines Jungen aus Marseille, der kürzlich in den Drogenhandel einstieg: Am Nachmittag habe er seinen neuen Job begonnen, am Abend sei er tot gewesen.

All diesen Entwicklungen will sich die EU nun mit einer neuen Behörde entgegenstellen. Im Juli soll die Europäische Drogenagentur ihre Arbeit aufnehmen und die EMCDDA ablösen. Sie wird auch die Entwicklung auf dem Markt für Cannabis beobachten, der in Deutschland und anderen Staaten gerade teillegalisiert wurde. Denn trotz aller synthetischen Substanzen ist Cannabis weiter die mit Abstand am häufigsten konsumierte Droge in Europa.

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