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·:Ethnische Kampfstoffe

Ein Pest-Ausbruch, der nur Palästinenser tötet, Milzbrand-Briefe, die Weiße in Frieden, Schwarze aber in Frieden ruhen lassen: Spezialisierte Biowaffen könnten Volksgruppen gezielt treffen, sagt der Hamburger Experte Jan van Aken.

Von Christina Berndt

Jan van Aken ist nicht der Mann, der überall Terroristen mit Röhrchen voller Killerkeimen lauern sieht. Der Biowaffen-Experte, der sich für die weltweite Ächtung solcher Kampfsysteme einsetzt und seit kurzem an der Universität Hamburg über Rüstungskontrolle arbeitet, hält die "Pocken-Panik" zum Beispiel für haltlos übertrieben. Auch die Biowaffen-Gefahr aus dem Irak sei als Kriegsgrund an den Haaren herbeigezogen gewesen, meint der Biologe.

"Ethnische Säuberung" per Biowaffe - in zehn Jahren könnte das möglich sein, warnt der Biowaffenexperte Jan van Aken.

(Foto: Illustration: sueddeutsche.de)

Dennoch ist van Aken momentan nervös. Seit sein Verein Sunshine Project noch einmal das menschliche Genom durchkämmt hat, ist er sich sicher: Biowaffen, die gezielt eine Bevölkerungsgruppe treffen und andere verschonen, sind viel wahrscheinlicher, als Humangenetiker bislang wahrhaben wollen.

"Entgegen der landläufigen Meinung sind ethnische Waffen leider machbar", sagt van Aken. "Genetiker und Virologen müssen endlich umdenken, damit wir nicht in ein paar Jahren dumm dastehen."

Ein Pest-Ausbruch, der nur Palästinenser tötet, Milzbrand-Briefe, die Weiße in Frieden, Schwarze aber in Frieden ruhen lassen: Dass sich Terroristen ebenso wie unverbesserliche Rassisten für solche Dinge interessieren könnten, liegt auf der Hand.

Nur Gerüchten zufolge soll es allerdings bereits konkrete Forschung in dieser Richtung gegeben haben. So soll die israelische Armee der Militärfachzeitschrift Jane's Foreign Report zufolge an Viren geforscht haben, die nur Araber befallen.

Und Südafrikas Apartheids-Regime hat angeblich an einer Mikrobe gearbeitet, die bevorzugt Schwarze unfruchtbar macht. Ob Propaganda oder Tatsache: "Jedenfalls hat bisher nichts davon in der Praxis geklappt", betont der Virologe Alexander Kekulé von der Universität Halle-Wittenberg. "Es gibt derzeit keine ethnische Waffe."

Das, meint Jan van Aken, könne sich aber schon in zehn Jahren ändern. Als neuesten Beleg für seine Sorgen sieht er eine Analyse aus Taiwan: Dort haben sich Forscher genauer angeschaut, welche Opfer der Sars-Erreger bevorzugt.

Demnach macht eine bestimmte Genvariante Menschen besonders anfällig für die mitunter tödliche Atemwegserkrankung. Diese Genvariante, HLA-B 4601 genannt, ist offenbar in Südchina weit verbreitet.

In Taiwan kommt sie dagegen genauso selten vor wie in Europa. Das "könnte erklären, warum Sars letztes Jahr in Südostasien grassierte und außerhalb von Toronto sonst nirgendwo auf der Welt", schreiben die Forscher vom Mackay Memorial Hospital in Taipeh.

Die Sars-Mutation sei nur ein Beispiel, betont Jan van Aken. "Unsere Analyse der Genom-Daten zeigt, dass das menschliche Erbgut Hunderte, womöglich Tausende Ziele für Ethnowaffen bereithält."

So gibt es bei jedem Menschen punktuelle Abweichungen in der Erbsubstanz, die SNPs (Single Nucleotide Polymorphisms). Diese winzigen Unterschiede treten ungefähr alle 200 DNS-Buchstaben auf, und etwa ein Drittel aller SNPs scheint kennzeichnend für eine Bevölkerungsgruppe zu sein.

Manche von ihnen mit umwerfender Exklusivität: So gibt es in einem Gen, dessen Funktion bisher unbekannt ist, eine Mutation namens TSC0493622. Sie kommt bei Asiaten gar nicht vor, dafür aber bei 94 Prozent aller Afrikaner.

"Bestimmte SNPs machen Individuen unterschiedlich anfällig für Krankheiten, daran besteht kein Zweifel", bestätigt der Klinische Pharmakologe Ivar Roots von der Berliner Charité.

Es sei zwar noch kein SNP bekannt, der ein lebenswichtiges Gen betrifft und zugleich in nur einer Bevölkerungsgruppe vorherrscht. Doch das könne sich rasch ändern.

"Unser Wissen über Gene schreitet in atemberaubendem Tempo fort", warnt auch Robin Coupland, der beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in der Abteilung für Minen und Waffen arbeitet.

"Was wir uns noch vor ein paar Jahren gar nicht vorstellen konnten, ist längst Realität. Deshalb müssen wir jetzt beginnen, über Ethnowaffen nachzudenken."

Genau das ist auch Jan van Akens Ziel. Er plädiert dafür, Ethno-Gene nicht in Datenbanken zu erfassen und entsprechende Daten auch nicht zu erheben, "wenn man es vermeiden kann".

"Zahlreiche Projekte liefern Terroristen schon die nötige Munition", warnt der Biowaffen-Experte. "Und in Zukunft werden es noch mehr sein" - wie etwa das Projekt "HapMap": In diesem werden seit Oktober 2002 die genetischen Unterschiede von vier Ethnien erforscht: von weißen US-Bürgern, Han-Chinesen, Japanern und den Yorubas aus Nigeria.

Inwieweit van Aken Gehör bekommt, bleibt indes offen. Bereits im September 2002 hat das IKRK den Appell Biotechnology, Weapons and Humanity veröffentlicht, der Politik, Wissenschaft und Industrie auffordert, schnellstens schärfere Kontrollen einzuführen - auch wegen der Gefahr von Ethnowaffen.

Einen vergleichbaren Appell des IKRK hatte es zuvor erst einmal gegeben. Das war 1918: Im Ersten Weltkrieg hatten die Deutschen eine völlig neue Form der Kriegsführung erprobt. Mit Giftgas als Waffe hatte bis dahin niemand gerechnet.

© SZ vom 22.10.2003
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