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Estonia:Das Rätsel des Untergangs

Zehn Jahre nach der Katastrophe ist noch immer nicht geklärt, warum die "Estonia" sank und 852 Menschen sterben mussten.

Stockholm - Gegen 20.30 Uhr schlagen die Wellen der Ostsee immer höher. Einige Passagiere werden seekrank. Gegen 23.30 Uhr hat die Estonia die halbe Strecke zwischen Tallinn und Stockholm zurückgelegt.

Der Bug der Estonia, AP

Geborgen wurde nur der Bug der Fähre. Die meisten Toten liegen im Meer unter einer Betondecke. Angehörige und Wissenschaftler fordern eine neue Untersuchung.

(Foto: Foto: AP)

Es ist immer noch sehr stürmisch. Um kurz vor Mitternacht knallt es im Bugbereich. Das Schiff wankt. Panik bricht aus. Um 0.22 Uhr wird das erste "Mayday" der Estonia registriert.

14 Schiffe in der näheren Umgebung ändern ihren Kurs, um der Fähre zu Hilfe zu eilen. Um 0.24 Uhr meldet der Funker der Estonia: "Die Motoren sind stehen geblieben. Wir haben 20 Grad Schlagseite, nein 30 Grad."

Dann reißt der Funkkontakt ab. Die Fähre sinkt in der Nähe der finnischen Insel Utö. Um 0.48 Uhr verliert die Militärbasis auf Utö die Estonia von ihrem Radarschirm.

In der Nacht zum 28. September 1994 ereignete sich die schlimmste zivile Schifffahrtskatastrophe der Nachkriegsgeschichte: 852 Menschen starben, nur 137 konnten gerettet werden, von Helikoptern und von den Schiffen, die zu Hilfe kamen.

Konstruktionsfehler

Warum sank die Estonia? Die Regierungen von Schweden, Finnland und Estland setzten eine Untersuchungskommission ein, deren Schlussbericht 1997 vorgelegt wurde: Demnach hätten stürmische Wellen dazu geführt, dass das Schloss des Bugvisiers weggebrochen sei, die Bugrampe sich geöffnet habe und Wasser ins Autodeck eingedrungen sei. Ein Konstruktionsfehler also.

Aber Kritiker werfen der Kommission bis heute vor, sie hätte viele Fragen nicht beantwortet: Warum sank die Estonia so schnell, in etwas mehr als 30 Minuten?

Warum wurden nicht alle Teile der Fähre untersucht - es könnte doch auch andere Gründe für den Untergang gegeben haben? War Kapitän Arvo Andresson, der das Unglück nicht überlebte, zu schnell gefahren, weil er einen Zeitrückstand aufholen musste?

War es ein Wartungsfehler der schwedischen Reederei? Warum wurden nicht alle Überlebenden angehört? Und schließlich: Warum wurde keiner vor Gericht zur Verantwortung gezogen, weder die Werft noch die Reederei noch die Behörden, die der Estonia allzu leichtfertig die Fahrerlaubnis gegeben haben sollen?

Überlebende, Techniker und Journalisten übernahmen die Aufgabe, diese Fragen zu beantworten. Sie schrieben Bücher und spekulierten, am weitesten ging die deutsche Reporterin Jutta Rabe. Sie hat ein sehr umstrittenes Buch verfasst ("Die Estonia") und einen Film drehen lassen ("Baltic Storm") mit den Protagonisten Jürgen Prochnow, Donald Sunderland und Axel Milberg.

"Deutliche Hinweise für einen Anschlag"

Rabe behauptet, es gebe deutliche Hinweise für einen Anschlag. Es habe vermutlich drei Explosionen an Bord gegeben, und der russische Geheimdienst könnte für das Attentat verantwortlich sein.