"Erzähl' mir was vom Tod" Auf der anderen Seite des Schattens

Charmante Antworten auf die Frage, wie es weitergeht nach dem Tode: das einzigartige Museum für Sepulkralkultur in Kassel.

Von Von Hermann Unterstöger

(SZ vom 31.10./01./02.11.2003) Kassel, 30. Oktober - Selten findet man auf die alte Menschheitsfrage, wie es nach dem Tod weitergehen soll, charmantere Antworten als im Kasseler Museum für Sepulkralkultur. Dort gibt es zurzeit die für Kinder entworfene, für Erwachsene aber nicht minder passende Ausstellung "Erzähl' mir was vom Tod", und die enthält neben anderen lehrreichen Kojen auch den "Paradiesgarten". Das ist ein Raum, den man nur in Socken betreten darf und wo auf kleinen Bäumen Zettel hängen, denen Kinder ihre Vorstellung vom Leben nach dem Tod anvertraut haben. "Nach dem Tod", schrieb ein Kind, "würde ich am liebsten wieder auf die Erde und das ganze Leben nochmal machen." Ein anderes hingegen sieht die Sache so: "Nach dem Tod werde ich nach ein paar Jahren wiedergeboren. Muss nicht als Mensch sein!"

"Schmeckt wie Scheiße"

Am Dienstag war der Kinderhort Vellmar-West zu Besuch in der Ausstellung, und wer dem Rundgang der Kleinen beiwohnte, der mochte sich dann und wann die ebenfalls sehr alte Menschheitsfrage stellen: Tod, wo ist dein Stachel? Im "Labor der Unsterblichkeit" beispielsweise konnten die Kinder sich aus je drei Tropfen Vanille und Zitrone, einer Löffelspitze Zucker sowie etwas Flüssigkeit einen Unsterblichkeitstrank mischen und diesen schlucken. Danach sollten sie zu Protokoll geben, ob sie sich unverändert oder unsterblich oder sonst wie bemerkenswert fühlten. Einer der Buben ließ sich auf diese Alternative überhaupt nicht ein, sondern konstatierte nur trocken: "Schmeckt wie Scheiße."

Wenn der Opa stirbt

Vielleicht wollte der Junge, einer der Größeren in der gemischten Gruppe, damit ein wenig renommieren. Es könnte jedoch genauso gut sein, dass er nur die Scheu zu überspielen suchte, die das Thema Tod nun einmal hervorruft, und dass er dabei die genaue Gegenposition zu einem seiner Kameraden einnahm, der Wesen und Sinn des Paradieses so beschrieb: "Für Leute, die ein guter Mensch waren, also die können dort einwandern."

Ingrid Pohl, eine der begleitenden Erzieherinnen, weiß aus der Praxis nur zu gut, dass die Begegnung mit dem Tod - das kann der des Großvaters sein oder der des Goldhamsters - Kinder zutiefst verstört. Darum ist sie sich auch sicher, dass die Fahrt nach Kassel, Spaß hin oder her, zu Hause inhaltlich noch wird aufgearbeitet werden müssen.

Kassel hat die Nase vorn

Was immer man über die Stadt sagen kann, auf zwei Gebieten hat Kassel die Nase vorn: bei den Waschbären, die sich nachts in bundesweit unvergleichlicher Menge über die Mülltonnen hermachen, und in der Sepulkralkultur. Das eine könnte der Außenstehende nachprüfen, wenn er nachts in Kassel herumliefe. Das andere erschließt sich ihm für einen weit geringeren Aufwand: Er geht ins Museum, das ebenfalls bundesweit seinesgleichen sucht, und sieht dort dem Tod wo schon nicht ins Auge, so doch auf die ewig geschäftigen Finger.

Das heißt, der Tod selbst hat es ja gar nicht so wichtig; es sind die Lebenden, die so genannten Hinterbliebenen, die sich mit ihm abplagen und tausendfach Zeugnis davon ablegen, wie sie mit seinen existenziellen Anfechtungen fertig zu werden suchen. "Der Tod ist bilderfreundlich", sagt der französische Historiker Philippe Ariès, und ein Museum wie das für Sepulkralkultur muss ihm (dem Tod, nicht Ariès) dafür sehr dankbar sein.

Gemeißelte Denkansöße

Hinter dem Museum steht das Zentralinstitut für Sepulkralkultur (lateinisch sepulcrum, das Grab), hinter diesem wiederum die Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal, und hinter allem die Frage, wo wir sterbe- und gedenkmäßig stehen beziehungsweise in welche Richtung die Dinge - "die letzten", wie man so treffend wie möglicherweise unrichtig sagt - sich entwickeln.

Das Museum lässt es sich angelegen sein, den Besucher mit einer anregenden Irritation zu empfangen. Links vor dem Eingang hat man ein paar "Grabzeichen" neueren Datums aufgestellt, nichts für den Alltag auf dem "Handlungsfeld Friedhof" vorderhand, sondern gemeißelte Denkanstöße.

Einen von ihnen hat der Bildhauer Daniel Bräg geschaffen, indem er einen ausgedienten Grabstein von hinten mit dem Bohrhammer durchlöcherte, dergestalt, dass dessen polierte Schauseite in Trümmer ging. Völlig getilgt wurde das vormalige Angedenken, wem immer es gegolten haben mochte, durch Besucher, welche die beschrifteten Fragmente mitnahmen.

Hier soll, wie oft in der Kunst, etwas hinterfragt und aufgebrochen werden. Doch was? Ersichtlich die Bestattungs- und Friedhofskultur alter Schule, wie sie uns im Inneren des Hauses so vielgestaltig entgegentritt und die es ihrerseits ja schon nicht versäumt hat, sich den Zeitläuften von Fall zu Fall anzuverwandeln.

Liberalisierungen am Grabe

Derzeit steht die Sepulkralkultur wieder vor gewichtigen Umwälzungen, mag der Durchschnittssterbliche, dem die Zunft der Bestatter zu jeder beliebigen schweren Stunde mit Rundum-sorglos-Paketen beispringt, davon auch nichts mitbekommen. Es sind Liberalisierungen im Gange, die mit Stichworten wie Friedwald, Urne im Haushalt oder Konkurrenz der Krematorien anzudeuten sind und die sich zu einer harten Prüfung jedenfalls der kommunalen Friedhöfe auswachsen dürften.

Den Besucher des Sepulkralmuseums wird dies nicht hindern, sich an der oft kuriosen Schönheit zu erfreuen, die eine so ambivalente Kultur wie die der Todesbewältigung den Dingen mitzugeben verstand. Da trifft man etwa auf ein sinnig komponiertes Vanitas-Stilleben, in dem Seifenblasen, eine erloschene Kerze und geknickte Ähren eine überdeutliche Sprache sprechen. Und doch will es einem vorkommen, als ob der Totenschädel, der daneben auf einem grünen Tuch komfortabel ruht, die Zeichen der Vergänglichkeit nicht ohne Beifall sähe, ja sogar mit Vergnügen, weil er beziehungsweise sein Besitzer weiß, was damals jeder wusste: dass sein Erlöser lebt und somit auch er.

Der Tod wurde, als "Schlafes Bruder", quasi in den Haushalt eingebunden und so schonend wie möglich abgebildet; man ist nach so einem elegischen Genius nicht sonderlich überrascht, auf galvanoplastische Grabengel jener Firma zu stoßen, deren Bestecke auch nicht ohne sind - der WMF.

Die Kraft im Haar

Überhaupt die Materialien! Seit dem Samson des Alten Testaments weiß man, dass die Kraft im Haupthaar steckt, und folgerichtig hat sich die auf Identität erpichte Pietät früh schon auf die Haare der Verstorbenen geworfen. In Gedenkbilder wurden sie ebenso eingearbeitet wie in Ringe und Anhänger; der Zimmerkenotaph, ein verkleinertes Grabmal und Schmuckstück der Sammlung, besteht zu einem Teil aus Haaren. Ging es um die Vergegenwärtigung des Todes, um das Memento mori, so war kein Stoff zu gering, und sei es nur der Pfeifenkopf, auf den "Arm und reich im Tode gleich" geschrieben wurde. Und wenn man auch mit Namen keine Scherze treiben soll, so findet man es doch höchst erheiternd, dass das Grabmal aus Zinkblech die letzte Ruhe ausgerechnet eines Heini Schweinsberg hüten sollte. Er lebte von 1911 bis 1929 und wird es uns nachsehen.

Chef des Kasseler Sepulkralinstituts ist Reiner Sörries, ein Pfarrer und Wissenschaftler dazu. Seiner Beobachtung nach wird der Tod, einer notorischen Behauptung zum Trotz, nicht verdrängt, sondern sehr intensiv und sehr öffentlich diskutiert. Beweis: das 1989 errichtete Museum, das andernfalls politisch nicht durchzubringen gewesen wäre. Sörries entwickelt an Phänomenen wie diesem eine Art Biographie der Gesellschaft seit 1945. Zunächst sei es ihr ums Heranwachsen und Leben gegangen, dann allmählich ums Altwerden und nun um den sterbenden Menschen, und wer weiß, ob dem nicht irgendwann ein Diskurs über das folgt, was nach dem Tod ist. "Bestimmte Themen brauchen ihren kairós", sagt er. Den rechten Augenblick.

Heutige Gebräuche

Entwicklungen, Tendenzen? Der Sepulkralfachmann wartet mit Erstaunlichem auf, erstaunlich zumindest für den Zaungast im Sterbewesen. Ob man wohl schon bemerkt habe, dass die Trauerriten, die früher dem Loslassen-Können gedient hätten, heute aufs Festhalten gerichtet seien? Sörries bringt dafür folgenden Beleg bei: Einst habe der dreifach polternde Erdwurf die Trennung angezeigt, doch der sei durch den leisen, liebenden, klammernden Blumenwurf ersetzt worden. Parallel dazu sei zu konstatieren, dass man heute dazu neige, Gegenstände eines Toten aufzubewahren. Das führe zu nicht geringen Problemen bei der Trauerbewältigung, setze freilich einen völlig neuen Berufszweig ins Brot, den des Trauer-Agogen und Veranstalters von Trauerseminaren.

Bestattung als Erlebnis

Sörries hatte einmal die Losung ausgegeben, Bestattungen müssten zu einem Erlebnis werden, und war prompt dahingehend missverstanden worden, dass er dem Event am Grabesrand das Wort reden wolle. Dabei war es ihm nur um den Segen und Nutzen guter Rituale gegangen, gröber ausgedrückt darum, dass Bestattungen "nicht lieblos heruntergeschrubbt werden" dürften. Das erfordere eine gründliche Inszenierung, wie man sie ja auch für einen Gottesdienst benötige, und wo die Menschen den kirchlichen Bezügen entfremdet seien, müsse man sich fragen, wie man diesen Effekt auf weltlichen Wegen erreiche. An dieser Stelle trete der Ritual-Designer auf den Plan, ein weiterer neuer Beruf auf dem weiten Feld der Trauerbegleitung.

Wie es sich traf, hatte Kassel am gleichen Tag, als die Kinder aus Vellmar mit dem Unsterblichkeitstrank experimentierten, einen Event der gehobenen Sorte, ein Sepulkralereignis von nicht alltäglichem Zuschnitt. Man muss wissen, dass sich am Stadtrand von Kassel, im erholungsträchtigen Habichtswald, rund um den Blauen See eine Nekropole für Künstler bildet, eine Grablege und Totenstadt, deren Charakteristikum es ist, dass die Künstler sich zu Lebzeiten ein Grabmal setzen, in oder unter das dermaleinst auch ihre Asche zu liegen kommt. Ein paar Monumente stehen schon, und nun wurde ein neues seiner späteren Bestimmung übergeben.

Gesichter des Todes

Es ist ein Werk des Münchner Künstlers Ugo Dossi, ein Gehege von acht senkrecht stehenden Stahlplatten, deren gefühlte Leichtigkeit daher rührt, dass Dossi allerlei Ornamente in sie geschnitten hat: Gesichter des Todes, einige für alle. Die Feierstunde war ebenfalls von ganz unüblicher Leichtigkeit, weil der Kasseler Kulturreferent Thomas Erich Junge nach einigem Tremolieren dem Künstler ein "gutes und erfülltes Leben" wünschte und weil dieser selbst darum bat, seine Arbeit "bitte nicht zu schmallippig ernst" zu nehmen. Zum gelungenen Abschluss formulierte er als "freudige Paradoxie" von Leben und Sterben, dass man mehr werde, wenn man weggehe, und er beeilte sich hinzuzufügen, dass es damit keineswegs pressiere.

Nach so viel heiterer Sterbeverweigerung empfiehlt es sich, noch einmal in die Schauräume des Sepulkralmuseums hinabzusteigen und sich zu kasteien. In hohem Maß ist dafür die komplette ambulante Praxis für Einbalsamierungen geeignet, eine schaurige Sammlung von Werkzeugen, mit denen man Leichen nach der Methode des französischen Arztes Jean Nicolas Gannal haltbar machen konnte. Ein verwandtes, wenngleich nach Möglichkeit früher einzusetzendes Gerät ist der Baunscheidt'sche Lebensretter, ein mit Stacheln bewehrter Stab, der Scheintote aus ihrem verderblichen Schlaf an die Oberwelt zurückholen helfen sollte. Auch die bemalten und beschrifteten Totenschädel fördern die Besinnlichkeit nicht schlecht; konterkariert wird dieser Effekt allenfalls durch den Hinweis, dass einer der letzten Schädelmaler einmal in Lembkes "Was bin ich?" war und von den Ratefüchsen nicht enttarnt werden konnte.

Architektur des Hauses

Was den Bau des Museums anlangt, so basiert er auf Nebengebäuden, die von der schlossartigen Villa der Fabrikantenfamilie Henschel blieben. Der Münchner Architekt Wilhelm Kücker formte daraus ein lichtes, freundliches und offenes Ensemble von Gebäuden und Höfen - ein gegen seinen Inhalt gestaltetes Museum, wenn man so will und wenn man nicht im Gegenteil annimmt, dass Tod und Leben eins sind und das Museum insofern sehr wohl mit seinem Inhalt übereinstimmt. Die Henschelschen Relikte wurden übrigens einige Zeit von Hausbesetzern belegt, die den Umbau als Vernichtung von Wohnraum deuteten. Von ihnen haben sich Graffiti wie "The house is ours" oder "Bärchen ist blöde!" erhalten; lebenszugewandt, wie das Totenhaus ist, verzichtet es auf die Beseitigung dieser Sprühereien.

Zentrum des Gebäudes ist die Glashalle, die nicht nur einen wunderbaren Blick auf die Südstadt erlaubt, sondern auch ein fast schrulliges Exponat beherbergt. Es handelt sich um einen schweren, breitleibigen Chevrolet-Leichenwagen des Baujahrs 1978, für den die Kuratorin des Hauses, die Kunsthistorikerin Jutta Schuchard, lange einen adäquaten Übersarg suchte. Der Zufall - in Analogie zum gleichnamigen Kommissar möchte man fast sagen: Totengräber Zufall - wollte es, dass ein amerikanischer Millionär starb und in genau dem richtigen Sarg nach Deutschland überführt wurde. Der reiche Mann kam unter die Erde, sein Sarg als Stiftung nach Kassel.

Allerheiligen: Geschlossen

Es sollte vielleicht noch erwähnt werden, dass das Museum für Sepulkralkultur ausgerechnet an Allerheiligen und Allerseelen, seinen ureigensten Tagen, wie man meinen möchte, geschlossen ist. Das hängt mit dem wissenschaftlichen Ehrgeiz des Hauses zusammen, zu dessen Stillung die Volontärin Stefanie Knöll eine Fachtagung von hohem Anspruch organisiert hat. Das Symposion trägt den Titel "Creating Identities: Zur gruppenbildenden Funktion von Grab- und Denkmalen", und der Laie kann versichert sein, dass es da um wesentlich mehr geht als um die Grüppchen, die sich gerade im November öfter als sonst an Gräbern zusammenfinden. Da aber, wie immer bei Todesthemen, auch bei dieser Konferenz recht eigentlich die Sache der Lebenden verhandelt wird, muss er sich nicht ausgeschlossen fühlen.