Erschossener Eisbär Eisige Nähe

In Notwehr erschossen: Tierschützer sind empört über den Tod des von Mitarbeitern eines Kreuzfahrtschiffs getöteten Eisbären.

(Foto: Gustav Busch Arntsen/AFP)
  • Ein Vorfall wie am Wochenende, wo ein Eisbär erschossen wurde, der ein Mitglied einer Kreuzfahrt-Crew angegriffen und verletzt hatte - das ist für die Tourismus-Industrie des norwegischen Archipels ein Debakel.
  • Zu gefährlichen Begegnungen könnte es in Zukunft allerdings deutlich öfter kommen. Das Jagdrevier der Tiere schmilzt - und Menschen sind aus Eisbärensicht nichts anderes als Beutetiere.
  • Dass Touristen den Bären auf keinen Fall zu nahe kommen, dafür wird auf der Insel viel getan.
Von Hanno Charisius und Monika Maier-Albang

Am Eisbären kommt auf Spitzbergen kein Tourist vorbei: Es gibt ihn auf T-Shirts und Tassen gedruckt, aus Plexiglas und aus Schokolade, und sogar im Warndreieck: "Polar Bear crossing". Schon am Flughafen begrüßt ein ausgestopftes Exemplar die Urlauber. Jeder Gast, der so weit in den Norden gefahren und so viel Geld dafür bezahlt hat, möchte das Tier natürlich auch lebend sehen. Ein Vorfall wie am Wochenende, wo ein Eisbär erschossen wurde, der ein Mitglied einer Kreuzfahrt-Crew angegriffen und verletzt hatte - das ist für die Tourismus-Industrie des norwegischen Archipels ein Debakel. Andererseits schärft es vielleicht auch den Blick für die Probleme der Tiere.

Am vergangenen Samstag hatten Crewmitglieder der MS Bremen das Kreuzfahrtschiff verlassen, um einen Landgang der Gäste vorzubereiten. Dabei näherte sich nach Angaben der Reederei Hapag-Lloyd ein Eisbär einem Mitarbeiter und griff ihn an. "Aus Gründen der Notwehr und um das Leben der angegriffenen Person zu schützen", sei der Eisbär anschließend erschossen worden, hieß es. Hapag-Lloyd teilte mit, man bedauere den Vorfall sehr. Der Mann, der am Kopf verletzt wurde, ist mittlerweile außer Lebensgefahr. Die Polizei untersucht den Fall.

Menschen sind aus Eisbärensicht nichts anderes als Beutetiere

In den sozialen Medien wurde das Unternehmen gleichwohl von Tierschützern heftig kritisiert, dass es überhaupt Reisen in die Polarregion anbietet und so der Lebensraum der bedrohten Tiere weiter eingeschränkt werde. Bereits seit 1875 werden touristische Reisen in die Region organisiert, die heutige Hapag-Lloyd bringt Urlauber seit 1894 dorthin.

Die Reederei erklärte, der Landgang der Crew-Mitglieder habe nicht der Vorbereitung einer Eisbären-Beobachtung gedient. Eisbären würden nur von Bord der Schiffe aus und somit aus sicherer Distanz beobachtet.

Laut einer im Journal Polar Research veröffentlichten Zählung aus dem Jahr 2017 leben rund um Spitzbergen 264 Eisbären, zählt man die Tiere auf dem Packeis noch hinzu, dürften es knapp tausend sein. Zu gefährlichen Begegnungen könnte es in Zukunft allerdings deutlich öfter kommen. Das Jagdrevier der Tiere schmilzt - und Menschen sind aus Eisbärensicht nichts anderes als Beutetiere.

In Longyearbyen versuchen die Einwohner längst, sich mit den Bären irgendwie zu arrangieren. Rund um den Kindergarten ist ein meterhoher Zaun errichtet, alle Mülltonnen sind bärensicher. Trotzdem kommen die Bären gelegentlich bis ins Stadtgebiet heran - es ist ja auch ihr Lebensraum.

Dass Touristen den Bären auf keinen Fall zu nahe kommen, dafür wird auf der Insel viel getan. Jeder Gast wird von den Guides, die ihn bei Landausflügen begleiten, darauf hingewiesen, dass es untersagt ist, sich den Eisbären zu nähern, ihnen nachzufahren oder sie zu füttern. Die Guides sind zwar bewaffnet, haben aber die klare Anweisung, nur im absoluten Notfall zu schießen. Sie müssen zunächst versuchen, die Tiere mit Leuchtkörpern oder Schüssen in die Luft zu vertreiben.

Für die Ausbildung der Guides hat die Arctic University Norwegens in Longyearbyen, dem Hauptort des Archipels, eine einjährige Ausbildung entwickelt. Und die Association of Arctic Expedition Cruise Operators (Aeco), in der sich fast alle Anbieter von Arktis-Reisen zusammengeschlossen haben, hat Regeln erstellt, wie viele Gäste maximal gleichzeitig an Land gehen dürfen und welche Mindestabstände bei Tierbeobachtungen einzuhalten sind.

Der Tourismus boomt jedenfalls im hohen Norden

Tatsächlich sind Vorfälle wie der vom Samstag extrem selten. Nach Angaben des Büros des Gouvernors von Svalbard wurde zuletzt im Herbst 2016 einem Eisbären auf Spitzbergen der Kontakt zu Menschen zum Verhängnis. Im Jahr 2015 verletzte ein Polarbär einen Tschechen, der dort eine totale Sonnenfinsternis beobachten wollte. Die letzte tödliche Attacke eines Eisbären geschah 2011 - ein britischer Student kam dabei ums Leben.

Der Tourismus boomt jedenfalls im hohen Norden. Die Zahl der registrierten Übernachtungen stieg von rund 41 000 im Jahr 2008 auf knapp 60 000 im vergangenen Jahr. Longyearbyen mit seinen gerade mal 2000 Einwohnern verfügt über mehr als 900 Gästebetten. Dass auch immer mehr große Kreuzfahrtschiffe Spitzbergen ansteuern, sehen allerdings selbst viele Einwohner kritisch. Im Sommer gehen die Gäste wandern, im Winter werden Hundeschlittentouren angeboten oder Scooter-Exkursionen. Longyearbyen ist mittlerweile ein quirliger Ort mit Globetrotter-Shops, Cafés und Restaurants, die fast alle Lebensmittel vom Festland importieren müssen. Bis vor wenigen Jahren lebte Spitzbergen vorrangig vom Kohleabbau, mittlerweile sind die meisten Minen stillgelegt. Dafür kommen jetzt die Urlauber ins Polarmeer, das viele schon allein deshalb fasziniert, weil sie einmal noch sehen wollen, was vielleicht bald verschwunden ist.

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