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Erschossene Heilbronner Polizistin:Quälende Ungewissheit

Mittlerweile ist es einen Monat her, dass eine Heilbronner Polizistin von unbekannten Tätern erschossen wurde. Den Ermittlern fehlt weiterhin eine heiße Spur.

Immer mal wieder dachten die Ermittler, sie hätten vielleicht doch so etwas wie eine Spur. Etwas, was sie weiterbringt. Ein Schausteller hatte an seinem Lastwagen eine Kamera angebracht und filmte den Aufbau seines Autoscooters. Direkt neben dem Tatort. Die Polizei besorgte sich die Bänder. Nur leider hatte er am entscheidenden Tag nicht gefilmt.

"Es stinkt uns, dass wir nicht vorwärts kommen": Die Polizistin Michele K. wurde in Heilbronn aus nächster Nähe erschossen. Kollegen haben bei einem Trauerzug in Böblingen der Beamtin gedacht.

(Foto: Foto: dpa)

Vor fast einem Monat wurde auf der Heilbronner Theresienwiese die 22-jährige Bereitschaftspolizistin Michèle K. ermordet, ihr Kollege schwebt weiter in Lebensgefahr. Vom Dienstwagen aus beobachteten sie den Festplatz, auf dem das Maifest aufgebaut wurde. Ein Routineeinsatz, sagt die Polizei. Es war ein heißer Tag, sie hatten sich in den Schatten eines Stromhäuschens gestellt. Gegen 14 Uhr fand sie ein Radler blutüberströmt neben ihrem Streifenwagen, beiden wurde aus nächster Nähe in den Kopf geschossen. Dienstwaffen und Handschellen fehlten.

Seitdem hat die Polizei etwa 700 Hinweise erhalten, doch offenbar ist keine heiße Spur darunter. ,,Es stinkt uns, dass wir nicht vorwärtskommen'', sagt der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Wolfgang Speck. Die Stimmung bei der Heilbronner Polizei ist schlecht, auch, weil darüber spekuliert wurde, ob die Einsatzleitung eine Mitschuld am Tod der Beamtin trägt.

Im vergangenen Jahr drohte im Harmoniepark in der Innenstadt eine offene Drogenszene zu entstehen. Die Polizei begann damit, die Szene mit verdeckten Ermittlern zu unterwandern und versuchte, sie zu zerschlagen. Heute ist der Park wie leergefegt, was auch mit dem Wirken der getöteten Polizistin zusammenhängt.

Im vergangenen August hat auch Michèle K. bei einem Dealerpärchen kleine Mengen Heroin gekauft, ihre schriftliche Aussage führte zu seiner Verurteilung. Im April waren bei einer Großaktion der Polizei weitere 28 mutmaßliche Dealer festgenommen worden. Es schien, als gebe es ein Motiv. Auch Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) hatte nach der Tat von einem ,,gezielten Racheakt gegen die Landespolizei'' gesprochen. Die Opposition kritisierte ihn dafür heftig, weil er Ermittlungsergebnisse ausgeplaudert habe.

Auch Oettinger stützte sich offenbar auf die Scheinkäufe von Michèle K. , die auch die Polizeigewerkschaft kritisiert: Die Beamtin hätte nach dem zivilen Einsatz nicht mehr im Raum Heilbronn eingesetzt werden dürfen. Die Grünen im Landtag stellten eine Anfrage an das Innenministerium; sie wollen klären, ob das Leben der Beamtin bewusst gefährdet wurde.

Am Montag reiste Landespolizeipräsident Erwin Hetger nach Heilbronn, um ,,Irritationen'' zu beseitigen. Die Sonderkommission hätte sofort überprüft, ob zwischen dem zivilen Einsatz der Polizistin und ihrer Ermordung ein Zusammenhang bestehe. ,,Dies können wir ausschließen.'' Die Dealer hätten ein Alibi und seien ,,kleine Fische'', selbst drogenabhängig und nicht in der Lage, solch eine Tat durchzuführen, sagt ein Polizist, der ungenannt bleiben will. Hetger weist noch darauf hin, dass es üblich sei, Bereitschaftspolizisten in Zivil ermitteln zu lassen. ,,Es gehört zum Wesen der Polizeiarbeit, dass wir nicht immer offen auftreten können.''

Bei den Tatwaffen soll es sich um russische Pistolen handeln, was auf das osteuropäische Drogenmilieu hindeuten könnte. Andererseits sind solche Waffen auf dem Schwarzmarkt keine Seltenheit.

Auf der Theresienwiese liegen noch ein paar Blumen vor dem Stromhäuschen. Sie welken in der Hitze vor sich hin. Lastwagen von einem Zirkus fahren an, ein paar Männer beginnen mit dem Aufbau. Eigentlich wirkt Heilbronn in diesem Moment wie eine sehr friedliche Stadt.