Erotik-Museum in Moskau eröffnet:Wo Frauen den Phallus lächelnd umarmen

Erotische Radierungen, kopulierende Schildkröten und ein nackter Putin - in Moskau lockt das erste Sex-Museum des Landes zahlreiche Besucher an und zeigt: Im nach Außen hin prüden Russland ist Sex kein Tabu mehr. Auch nicht im Wahlkampf.

Frank Nienhuysen, Moskau

Russische Frauen, so heißt es, posieren gern; sie legen sich zum Beispiel im Schlosspark vor ein Blumenbeet oder schmiegen sich mit beiden Händen an ein Reiterdenkmal. Alexander Donskoj hatte so etwas also geahnt, als er kürzlich sein Museum eröffnete: dass Besucherinnen den zwei Meter hohen Phallus am Eingang neben der Kasse mit einem Lächeln umarmen würden, als wäre es eine lebensgroße Statue von George Clooney. "Aber dass sich im angrenzenden Verkaufsladen so viele mit einem Dildo fotografieren lassen, wundert mich noch immer", sagt er.

G-spot museum of erotic art opens in Moscow

Die Striptease-Tänzerinnen im Moskauer Sex-Museum sind nur Puppen, dem Interesse der Besucher tut das keinen Abbruch.

(Foto: © Shemetov Maxim/ITAR-TASS Photo)

Der Unternehmer war einmal Bürgermeister der russischen Großstadt Archangelsk, sogar bei der Präsidentenwahl vor vier Jahren hatte er antreten wollen. Aber so weit ist es dann doch nicht gekommen. Der Regierungskritiker sah sich dem Vorwurf des Machtmissbrauchs konfrontiert, musste ins Gefängnis, wurde vorzeitig freigelassen mit der Auflage, sich aus der Politik erst einmal herauszuhalten. Jetzt hat er in Moskau ein Sex-Museum eröffnet. Das "Totschka G" - "G-Punkt"

Donskoj wirkt sichtlich zufrieden. Obwohl der Eintritt fast 13 Euro kostet, kommen an den Wochenenden bis zu 500 Besucher täglich. Aber jetzt ist ein Werktag, kurz nach Feierabend, und trotzdem füllt sich der Ausstellungsraum schnell. Nicht mit verdruckst schauenden Männern, sondern mit Frauen im Kostüm, jungen Männern im Anzug, Paaren, Arbeitskollegen, die sich unverkrampft in Ruhe alles anschauen, als würden sie nach der Arbeit einen entspannten Blick in die Tretjakow-Galerie werfen.

Die Kostbarkeiten: Ein Terrakotta-Phallus aus Afghanistan, spätes 1./frühes 2. Jahrhundert. Eine Porzellandame in Unterwäsche aus Deutschland, "Frau in Weiß", aus dem Jahr 1930. Tantra-Ikonen aus dem 19. Jahrhundert. Und ein Schachspiel, in dem ein Bauer eine Hand vor seine Augen hält, die andere an sein Gemächt. Der König ist natürlich besonders üppig ausgestattet. Eine Mitarbeiterin des Museums preist das Spiel als eine Besonderheit; sie sagt, davon gebe es überhaupt nur zwei Anfertigungen, diese hier, und eine im Besitz des tschetschenischen Staatschefs Ramsan Kadyrow.

Außerdem gibt es kopulierende Schildkröten-Figuren, erotische Radierungen, Ölgemälde. Auch eines mit Putin, ja, der Premier darf offenbar nicht fehlen. Bekleidet allein mit einer Bärenfellmütze, steht er kriegerisch gestimmt und eingezwängt in einem 100 mal 80-Zentimer- Rahmen dem nackten Barack Obama gegenüber. Die mächtigsten Männer der Erde als potente, archaische Stammesfürsten. Auf einem Tisch liegen allerlei Bücher herum, und auffallend ist, dass alle drumherum platzierten Stühle besetzt sind. Besucher blättern sich durch erotische Comics, alte Playboy-Ausgaben, einschlägige Enzyklopädien und westliche Aufklärungsbücher. Sowjetische Exponate gibt es kaum, Donskoj sagt, er habe den größten Teil aus dem Ausland zusammengekauft.

Der Grund dafür ist in einem Nebenraum zu erfahren, einem kleinen Kino, in dem es darum geht, wie schwer sich der Kommunismus mit dem Trieb der Menschen getan hat. Ein kleiner Filmausschnitt zeigt eine Fernsehbrücke im Perestroika-Jahr 1986. Gespannt wurde sie zwischen Leningrad und Boston; und als eine Amerikanerin sagt, "bei uns dreht sich in der Reklame alles um Sex, wie ist das denn bei Euch", da antwortete eine Russin, Ljudmila Iwanowa, Vorsitzende des Komitees sowjetischer Frauen, "Nun, bei uns gibt es keinen Sex, und wir sind auch kategorisch dagegen."

Olga, eine Besucherin in dunklem Nadelstreifen-Blazer, erklärt: "Bei uns in der Sowjetunion gab es offiziell ja fast gar nichts." Heute ist Russland der prüden Vergangenheit entwachsen, einerseits. "Im Fernsehen laufen nachts frei empfangbar amerikanische Erotikstreifen, andererseits ist es in Moskau offiziell verboten, solche Filme zu verkaufen", sagt Alexander Donskoj.

Ansonsten ist die Sexualisierung Russlands schwer zu übersehen. Nicht einmal im Wahlkampf. So genannte Medwedjew-Girls ziehen sich ihre Shirts aus und werben in High-Heels und Bikini für die Wiederwahl des Präsidenten. Analog wäscht im Namen Wladimir Putins eine Stöckelschuh-Brigade schmutzige Autos. Die russische Nuklearindustrie lässt aus ihrer schönen Belegschaft jährlich eine "Miss Atom" wählen, und die frühere Spionin Anna Chapman wird auch deshalb von den Spindoktoren der Regierungspartei eingespannt, weil sie Patriotismus, Geheimdienst-Ambiente, hohe Absätze und lange Beine gewinnbringend vereint.

Und trotzdem propagiert der Staat offiziell konservative Werte", sagt Donskoj. Und so musste er für die traditionellen Matrjoschkas einen US-Künstler verpflichten, der die verschachtelten Puppen mit Strapsen und Intimschmuck malte. "Russen fühlen sich dafür nicht frei genug."

© SZ vom 16.08.2011/dhuf/bön
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