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Ermordete Michelle:Der Tod und das Mädchen

Im Fall der ermordeten Michelle hat die Leipziger Polizei neue Beweisstücke beschlagnahmt, offiziell aber noch keine heiße Spur.

Das Gelände liegt nicht weit von der S-Bahntrasse entfernt, im Windschatten der Lotto-Zentrale, die ihren Sitz am Rande eines Friedhofs im Südosten von Leipzig hat. Hinter der rotleuchtenden Glücksspiel-Reklame wechseln sich schmutzig graue Gewerbehallen mit Grünflächen ab. In der benachbarten Friedhofsgärtnerei werden "Grablampen, Vasen und Schalen" feilgeboten, wie ein Schild am Zaun verkündet. Am Eingang der Gärtnerei herrscht an diesem Freitag rege Geschäftigkeit, Polizeibeamte gehen ein und aus.

Michelle

Am 18. August um 15.30 Uhr brach die achtjährige Michelle von der Schule auf, danach hat sie keiner mehr gesehen.

(Foto: Foto: dpa)

Später am Nachmittag werden sie mit ihren weißen Gummihandschuhen ein paar wohl verpackte Gegenstände hinausschleppen: Einen Stuhl und eine Zweiradkarre, deren Griff mit blauer Plastikfolie umwickelt ist, dazu ein hellblaues Kinderfahrrad, dessen Sattel ebenfalls von einer Schutzhülle umgeben ist.

Die Fahnder wollen die beschlagnahmten Stücke auf Fingerabdrücke untersuchen: "Es geht um die Frage, ob die Dinge in Zusammenhang mit dem Verbrechen stehen oder nicht", sagt Polizeisprecher Andreas Loepki abends im Regionalfernsehen. Um welches Verbrechen es geht, muss der Beamte gar nicht mehr sagen. Jeder in Leipzig weiß, dass Michelle gemeint ist, jene achtjährige Schülerin, deren Leiche am 21. August in einem Entenweiher im Leipziger Südosten gefunden wurde, nur ein paar hundert Meter von der Friedhofsgärtnerei entfernt.

Seither gibt es kaum ein anderes Gesprächsthema mehr in der Stadt. Kerzen und Blumen wurden in der Nähe des Fundortes aufgestellt, Taxifahrer haben sich einen Trauerflor an die Autoantenne gehängt, denn der Vater des getöteten Mädchen arbeitet gelegentlich auch als Taxifahrer. Und die örtliche Boulevardzeitung fragt in großen Lettern: "Warum kriegen sie Michelles Mörder nicht?"

Ja, warum? Eine Sonderkommission mit 177 Beamten ist rund um die Uhr auf Spurensuche, die Beamten haben bereits viele hundert Nachbarhäuser nach Hinweisen abgeklappert, unterdessen werden die Biografien von etwa 250 wegen Sexualdelikten vorbestraften Delinquenten auf mögliche Verdachtsmomente untersucht. Offiziell hat die Polizei eine Nachrichtensperre über den Fall verhängt.

Hinter vorgehaltener Hand aber berichten Kriminaler, die Ermittlungen seien kompliziert - weit schwieriger jedenfalls als die Fahndung nach dem Mörder des kleinen Mitja, der im Februar 2007 in einer Leipziger Gartenlaube traktiert und ermordet worden war. Damals hatte man ein Überwachungsfoto aus der Straßenbahn mit dem Konterfei des Mörders, eine Bäckereiverkäuferin hatte das Kind noch mit seinem Peiniger gesehen; überdies wies der Fundort der Leiche auf den Inhaber der Gartenanlage.

Diesmal hat der Mörder ersichtlich kein öffentliches Verkehrsmittel benutzt, der Fundort liegt in einer Parkanlage, und es gibt keinerlei Zeugen, die das Mädchen am Tag seines Verschwindens, dem 18. August, später noch gesehen haben.