Werbeaufkleber:Ein Sticker erobert die Welt

Lesezeit: 2 Min.

Dieser Sticker aus der „Nett hier“-Kampagne hat es bis nach Amerika auf diesen Kasten im Zion National Park in Utah geschafft. (Foto: Valentin Gensch/dpa)

Der kostenlos erhältliche Aufkleber mit dem Slogan „Nett hier, aber waren Sie schon mal in Baden-Württemberg?“ findet sich heute an unzähligen touristischen Hotspots der Welt. Aber wer haftet hier denn für wen?

Von Martin Zips

Mal klebt der Mensch an seinem Posten, dann an seinem Besitz und immer wieder klebt er sich was auf. Auf der Berliner Sonnenallee zum Beispiel schmücken sehr, sehr viele Vereinssticker Regenrinnen und Hauswände, manche werben für den Fußballklub Hertha, andere für den Konkurrenten Union. Als besonders klebeaffin galten zuletzt auch die Fans des Eishockey-Vereins Crimmitschau, vor allem bei Auswärtsspielen. Und rund um die Gemeinde Dossenheim, so war kürzlich in der Rhein-Neckar-Zeitung zu lesen, hätten Sticker mit der Aufschrift „Waldhof“ quasi über Nacht geflechtartig Verkehrsschilder und Ampeln befallen.

Da passt es doch ganz gut, dass die Deutsche Presse-Agentur gerade auf den großen Erfolg der baden-württembergischen Sticker-Kampagne „Nett hier“ hingewiesen hat. Bereits hunderttausendfach seien seit 2001 kostenlos erhältliche Werbe-Aufkleber verteilt worden. Der auf ihnen zu lesende Slogan „Nett hier, aber waren Sie schon mal in Baden-Württemberg?“ finde sich heute an unzähligen touristischen Hotspots der Welt. Freilich betonte ein Sprecher des zuständigen Staatsministeriums, dass die Sticker von der verantwortungsbewussten „Community“ sicher nur an Orten angebracht würden, die als „sinnvoll, vernünftig und erlaubt“ erschienen. Das deutsche Recht ist übrigens hier eindeutig: Legal ist ein Aufkleber immer nur am eigenen Besitz, alles andere kann zum Beispiel wegen Sachbeschädigung strafrechtlich verfolgt werden.

Auch in Trondheim wurde der Aufkleber aus Baden-Württemberg schon gesichtet. (Foto: Valentin Gensch/dpa)

Andererseits: Geklebt wurde doch schon immer. Zum Beispiel bei der Beerdigung des altägyptischen Pharaos Skorpion I. um das Jahr 3200 vor Christus herum. Weil die Menge an Grabbeigaben für den verstorbenen Herrscher damals ein bisschen überhandnahm, hefteten Helfer Etiketten an die Gegenstände, um sie den Spendern besser zuordnen zu können. Und in den USA wird immer am 13. Januar der „National Sticker Day“ gefeiert, weil an diesem Tag im Jahr 1907 R. Stanton Avery geboren wurde, welcher vor 90 Jahren mal den selbstklebenden Sticker erfand.

Alles vegan, also fast

Seitdem ist kein Halten mehr: Mal wird versucht, mit Aufklebern Politik zu machen, dann wird eine Liebe beschworen, oft auch nur ein Preis oder ein Verfallsdatum ausgewiesen. Selbst auf Supermarkt-Bananen kleben Sticker. Im öffentlichen Raum freilich handelt es sich hier meist um sogenanntes „Guerilla-Marketing“, welches – siehe Baden-Württemberg – zumindest von Werbeexperten als originell, günstig und effizient angesehen wird. Und beruhigt es nicht, dass laut dem zuständigen Stuttgarter Ministeriumssprecher beim „Nett hier“-Sticker eine (vegane, PVC-lose) „Eco-Plus-Folie“ in einem „Wasserlos-UV-Druckverfahren“ hergestellt wird? Allein im Klebstoff sei ab und zu auch das nicht-vegane „Milcheiweiß Kasein als Bindemittel“ enthalten. Aber, ob das auch die Straßenreiniger in Lissabon, Stockholm oder Paris interessiert, die das Zeug wieder abkratzen müssen?

Gut, die verantwortungsvolle Community wird’s schon hinbekommen. Und es stimmt ja auch: Sogar als Autobahn-Pickerl können Aufkleber wertvolle Dienste leisten, wenn man nicht gerade meint, ein millionenteures Maut-System sei vielleicht doch besser. In Mailand bekleben sie dieser Tage übrigens die Schlüsselkästen der Airbnb-Apartments mit Aufklebern. Auf ihnen ist „Mehr Wohnungen für alle!“ zu lesen. Aktivisten möchten so darauf aufmerksam machen, dass Kurzzeitmieter den Einheimischen ihren Platz wegnehmen. Ach, vielleicht ist es ja doch ganz gut, dass es in Baden-Württemberg touristisch da noch ein bisschen entspannter zugeht.

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