Süddeutsche Zeitung

Erdstöße der Stärke 5,8 in Emilia-Romagna:Viele Tote bei schwerem Beben in Norditalien

Die Erschütterungen waren von Genua bis Venedig und von Bozen bis Florenz zu spüren: Nur neun Tage nach einem schweren Beben mit sieben Toten ist die norditalienische Region Emilia-Romagna erneut von schweren Erdstößen erschüttert worden. Mindestens 16 Menschen sind ums Leben gekommen, etwa 350 wurden verletzt. Am Mittag bebte die Erde wieder.

Kaum haben sich die Bewohner der Erdbebenregion Emilia-Romagna von dem Schock des Bebens vor neun Tagen erholt, wird Norditalien erneut von schweren Erdstößen erschüttert. Gegen neun Uhr am Dienstagmorgen bebte in derselben Region wieder die Erde. Wie die staatliche Nachrichtenagentur Ansa meldete, hatte das Beben der Stärke 5,8 sein Zentrum in der Gegend von Modena.

Bereits am Mittag wurde die Erde erneut erschüttert - durch möglicherweise noch heftigere Erdstöße als am Morgen, wie die staatliche Nachrichtenagentur Ansa meldete. Nach Angaben der US-Erdbebenwarte USGS lagen die Erstöße mit einer Stärke von 5,6 jedoch unter der Erschütterung vom Morgen. Betroffen waren unter anderem Modena, Brescia und Mailand. Nähere Einzelheiten waren zunächst nicht bekannt.

Bei dem Beben am Morgen kamen laut jüngsten Behördenangaben mindestens 16 Menschen ums Leben, etwa 350 wurden verletzt. "Es gab Tote, mehr kann ich nicht sagen", sagte der Bürgermeister von San Felice sul Panaro dem Fernsehsender SkyTG24. "Es gibt Opfer. Die Situation ist sehr ernst, einige Menschen sind von den Trümmern verschüttet." Das Örtchen liegt etwa 30 Kilometer nordöstlich von Modena in der Region Emilia-Romagna. Drei Menschen wurden in San Felice sul Panaro laut Polizeiangaben getötet, als eine Fabrik einstürzte. Unter den Toten war auch ein Geistlicher in Carpi bei Modena, der nach Angaben der Feuerwehr im Dom der Stadt von Trümmern erschlagen wurde.

Ein weiteres Todesopfer gab es im nahegelegenden Ort Mirandola. Dort wurden laut Nachrichtensender Rai News24 mehrere Arbeiter in einem Lagerhaus verschüttet. Der US-Erdbebenwarte zufolge lag das Epizentrum des Bebens nur fünf Kilometer südwestlich von San Felice und zehn Kilometer nördlich von Mirandola in dem Dorf Medolla. "Ganz sicher liegen noch Menschen unter dem Schutt", sagte die Kulturreferentin von Medolla, Rachele Paltrinieri. "Wir wissen noch nicht, ob sie verletzt sind."

In einigen Ortschaften stürzten Gebäude ein, von denen etliche durch das vorherige Beben bereits beschädigt worden waren. "Zwei Drittel des Dorfes Cavezzo sind eingestürzt", berichtet der Corriere della Sera online unter Berufung auf Augenzeugenberichte auf Twitter. Cavezzo liegt wie San Felice nahe des Epizentrums.

Ein Polizist in Mirandola sagte dem Corriere della Sera: "Es scheint, als sei hier alles zusammengebrochen, nicht nur im Industriegebiet, auch in der Altstadt." Es gebe noch keine Sicherheit über Opfer. "Alle Leute sind auf der Straße, niemand ist in den Häusern geblieben. Wir sind alle im Freien, schockiert und verängsigt und warten darauf, dass das alles endlich vorbei ist." "Letzte Nacht war die erste, die wir seit dem ersten Erdbeben wieder zu Hause verbracht haben. Und dann kam das nächste Beben", sagte ein Bewohner der Stadt Sant'Agostino dem Sender Sky TG24. Der Twitteruser @crisantini bat darum, Handys in Bologna wirklich nur für Notfälle zu benutzen, da das Netz immer wieder zusammenbreche. Viele Orte richteten passwortfreie Wifi-Netzwerke ein.

"Das ist Terror"

Polizei und Zivilschutzbehörden in ganz Norditalien wurden mit Anrufen verängstigter Bürger überschüttet, das Telefonsystem war in den Minuten nach dem Erdstoß zeitweise überlastet. In Aosta und sogar im mehr als 100 Kilometer entfernten Florenz wurden Gebäude evakuiert. Auch in Mailand, gut 170 Kilometer nordwestlich von Modena, wurden vorsorglich mehrere Verwaltungsgebäude und Schulen geräumt. Der Zugverkehr rund um Bologna wurde vorübergehend eingestellt.

Der Bürgermeister des Ortes Finale Emilia in der Erdbebenregion sagte der Tageszeitung La Repubblica: "Wir wissen noch nicht, ob es Verletzte gibt. Die Schulen waren - Gott sei Dank - schon seit dem letzten Beben nicht mehr sicher, es waren keine Schüler da." Allerdings seien fast alle Fabriken in Betrieb gewesen. "Das ist Terror. Alle Menschen sind auf der Straße. Sie fragen sich: Warum? Das frage ich mich auch."

Süddeutsche.de-Leser berichten von spürbaren Erdstößen auch in Genua

Die Erdstöße seien bis nach Venedig und Mailand zu spüren gewesen, meldete Ansa. Auch in Parma, Bologna und Florenz habe das Beben die Menschen aufgeschreckt. Die Stöße dauerten mehrere Sekunden. Süddeutsche.de-Leser berichteten aus der knapp 300 Kilometer entfernten Hafenstadt Genua, dass auch dort die Erdstöße "sehr deutlich" zu spüren gewesen seien.

"Die Emilia Romagna und Italien werden diesen schwierigen Moment überwinden", sagte Italiens Staatspräsident Georgio Napolitano. "Unsere Gedanken sind bei denen, die vom Leid betroffen sind." Der Staat werde so schnell wie möglich alles tun, was möglich ist, sagte Ministerpräsident Monti. "Die Bürger müssen Vertrauen haben, staatliche Hilfe wird gewährleistet." Schon wenige Stunden nach dem Beben wurden auch erste kritische Stimmen laut: "Erdbeben sind ein Naturphänomen, aber es ist nicht natürlich, dass jedesmal Gebäude einstürzen, wenn die Erde bebt", sagte Arbeitsministerin Elsa Fornero. "In anderen Ländern passiert das nicht."

Als Folge der beiden jüngsten Erdbeben, ist das Länderspiel der italienischen Auswahl gegen Luxemburg abgesagt worden. Die Partie sollte am Dienstagabend um 20:45 Uhr in Parma ausgetragen werden. Das Mannschaftshotel der Italiener in Parma musste vorübergehend evakuiert werden.

Erst am 20. Mai hatte ein Erdbeben der Stärke 6,0 die Gegend um Bologna erschüttert. Es war das stärkste Beben in Italien seit drei Jahren. Sieben Menschen starben, etwa 50 wurden verletzt. Das Beben richtete schwere Schäden an historischen Bauten und Kirchen an und zerstörte Wohnhäuser und Fabriken. Tausende Menschen wurden obdachlos. Seither bebt in Italien immer wieder die Erde. Italienischen Medien zufolge wurden 417 Nachbeben gezählt, davon drei mit einer Magnitude über 5,0.

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