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Erdbebenkatastrophe:Keine Kinder mehr unter Trümmern von mexikanischer Schule

Rescue workers, soldiers and journalists stand near signs reading 'Helicopter leave,' 'No drones' and 'Total silence' during a search for students at the Enrique Rebsamen school after an earthquake in Mexico City

Helfer an einer Grundschule in Mexiko-Stadt.

(Foto: REUTERS)
  • Nur bis 72 Stunden nach einem Erdbeben gibt es realistische Chancen, Überlebende zu finden.
  • In Mexiko-Stadt suchen Helfer teilweise mit bloßen Händen nach Verschütteten.
  • Anders als zuvor berichtet, gehen die Rettungskräfte nicht mehr davon aus, in den Trümmern einer Schule Kinder lebend zu retten.

Von Franziska Pröll und Oliver Klasen

Nach dem verheerenden Erdbeben in Mexiko ist die Zahl der Toten auf 273 gestiegen. Noch immer suchen Retter nach Überlebenden. Der Kampf um das Leben eines vermeintlich unter Erdbebentrümmern begrabenen Mädchens hielt das Land in Atem - bis sich herausstellte: das Kind war offenbar eine Erfindung.

"Wir glauben nicht, wir wissen, dass das nicht die Realität war", erklärte nun Ángel Enrique Sarmiento von der mexikanischen Marine. Sarmiento sagte, es sei eine Kamera in die Trümmer der Enrique-Rebsamen-Schule herabgelassen worden. Bilder zeigten Blutspuren, die offenbar von einer Person stammten, die sich verletzt über den Boden gezogen hatte. Mehr wurde jedoch nicht gefunden.

Rundfunk und Fernsehen hatten die ganze Nacht über die fieberhafte Arbeit der Helfer berichtet, die Trümmer in Eimern wegtrugen, um an die Zwölfjährige namens "Frida Sofía" heranzukommen, das vermeintlich unter den Überresten einer Schule in Mexiko-Stadt entdeckt wurde. Filmaufnahmen, die angeblich eine Fingerbewegung des Kindes zeigten, hatten Tausenden Helfern Mut gemacht.

Die Suche an der Schule, wo 19 tote Kinder und sechs tote Erwachsene sowie elf überlebende Personen geborgen wurden, war zum Symbol des Kampfes um Überlebende geworden. Das Beben der Stärke 7,1 hatte am Dienstag um 13.14 Uhr die Millionenmetropole und die Bundesstaaten Morelos und Puebla erschüttert. Allein in Mexiko-Stadt stürzten mehr als 40 Gebäude ein.

Bei vielen Mexikanern wurden Erinnerungen wach an das verheerende Beben vom 19. September 1985. Damals starben 10 000 Menschen. Erst wenige Stunden vor dem neuerlichen Beben, hatte wie jedes Jahr am 19. September eine Übung für den Katastrophenfall stattgefunden. Inzwischen wurde Kritik am Erdbeben-Warnsystem laut: An der Westküste Mexikos, die häufig von Beben erschüttert wird, wurde in den neunziger Jahren ein Frühwarnsystem eingerichtet. Doch da das Epizentrum des Bebens vom Dienstag in der Landesmitte lag, hätten die Sensoren die Erschütterungen nicht erfasst, sagte Carlos Valdés vom Nationalen Katastrophenschutzzentrum.

Experten wissen: Bis zu 72 Stunden nach einem Beben gibt es realistische Chancen. Überlebende zu finden. Die Zeit für die Retter wird also knapp. Allein in der Hauptstadt gab es mehr als 100 Todesopfer. Zehntausende Freiwillige beteiligen sich dort am Abtragen der Schuttberge und versorgen obdachlos gewordene Menschen mit Wasser und Essen.

Matias Maldonado ist einer von ihnen. Der 29-jährige Schauspieler stammt aus Argentinien, wohnt im Stadtteil Colonia Navarte im ersten Stock eines dreistöckigen Hauses und berichtet SZ.de, wie er sich an den Rettungsarbeiten beteiligt. Als die Erde bebte, konnte er sich auf die Straße retten. Er sah, dass in der Nachbarschaft mehrere Häuser eingestürzt waren, reagierte sofort und rannte zusammen mit anderen dorthin. Mit bloßen Händen suchten sie die Trümmer ab. "Ich fand ein Foto, auf dem eine Familie zu sehen war. Dann eine Decke und Kleidung. Es ist ein seltsames Gefühl, solch persönliche Gegenstände aus dem Schutt zu ziehen und dabei nicht zu wissen, wem sie gehören und ob diese Menschen noch am Leben sind", sagt Maldonado.

Eine erhobene Hand als Zeichen

Am Mittwoch stand er stundenlang an einer Sammelstelle und half, Lebensmittel aus Autos und Kleintransportern zu verladen. Die Spenden kommen von Privatpersonen und von Geschäften. Außerdem habe er den Verkehr geregelt. "Auf den Straßen geht es ziemlich chaotisch zu, weil Ampeln nicht überall funktionieren", sagt der 29-Jährige. Im Fernsehen informiert er sich, wo Hilfe gebraucht wird, auch die sozialen Medien erleichterten die Kommunikation der Retter sehr.

Wenn die Helfer an einem Trümmerhaus arbeiten, hebt manchmal jemand die Hand. Dann ist es für einen kurzen Moment sehr still. "Ruhe, vielleicht möchte eine verschüttete Person mit uns kommunizieren" heißt das.

Um kurz vor zehn am Abend kommt er nach Hause. Er ruht sich aus, um wenig später erneut zu den Rettern aufzubrechen. Auf Facebook schreibt er: "Es erfüllt mich mit Stolz zu sehen, wie solidarisch sich die Menschen zeigen und wie hilfsbereit sie sind".

© SZ.de/AFP/dpa/olkl/dd

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